Kultur : Fenster im Meer

Zum Tod des Berliner Surrealisten Richard Anders.

Gabriele Killert
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Von der geistigen Revolte des Surrealismus ging bei uns nie eine Gefahr aus. Spielerische Verfahren gab es immer, auch in der deutschsprachigen Lyrik, doch sobald es um Existenzielles geht, wird es ernst. Im Surrealismus dagegen fängt, wenn es existenziell wird, das Spiel erst an. Es besteht darin, sich in einen Zustand höchster Empfänglichkeit zu versetzen, eine Art Schöpfungstaumel, in dem die Wörter wie geladene Teilchen aufeinanderstoßen und überraschende neue Verbindungen eingehen.

Wie wohl kein anderer Schriftsteller hierzulande hatte sich der in Berlin lebende Lyriker Richard Anders diesem suggestiven Selbstbefreiungsprogramm verschrieben, mit kurzen Seitensprüngen zu anderen lyrischen Ausdrucksformen. Der gebürtige Ostpreuße aus Ortelsburg kam zum Surrealismus wie noch jeder echte Surrealist: auf dem Pilgerpfad nach Paris. Es war Liebe, ja Treue auf den ersten Blick, als er in den sechziger Jahren André Breton vorgestellt wurde und an den abendlichen Treffen der Gruppe teilnehmen durfte. Von Stund an konnte er über den Wassern wandeln und von den Steinen des Wegs leben, die sich in wundersame Worte verwandelten:

„Weil das Fleisch mit / dem Knochen schläft / rollen Augen über den Tisch / tanzt löwenbeinig / der Tisch übers Meer / öffnet das Meer Fenster / über einem Meer von Gesichtern.“ Mit solchen nach innerem Diktat und gemäß der Order des Surrealistischen Manifests verfassten, später teilweise „überarbeiteten“ wildwüchsigen Strophen wird ein mächtiges Bekenntnis zur Schönheit und zur Fantastik des Absurden abgelegt.

Der unter gelegentlicher Beihilfe von gewissen Ekstasekräutern erzeugte Rausch ist der Produktion eingeschrieben und sogar ihr primärer Reiz. Alle Sinne arbeiten unwillkürlich auf eine neue Belebung hin, wie ein erhitzter Schläfer sich automatisch nach einer kühlen Stelle des Kopfkissens umdreht. Und das lyrische Ich? Das ist ja der Eros des Surrealismus: Erosion des Ich. Nicht nur die Uhren schmelzen, mit dem Strömen der Bilder verflüssigt sich auch das geplagte Ich, erschafft sich neu in der Macht seiner Imagination.

Es ist keineswegs so, dass Richard Anders in seiner physischen und psychischen Konstitution nicht Gründe gefunden hätte, dieses Ich loswerden zu wollen – Gründe, die er in seinem Erinnerungsbuch „Klackamusa“ (Zwischen preußischer Kindheit und Surrealismus, Kairos Edition 2004) beschreibt. Ein ängstliches, von Gespenstererscheinungen und Albträumen geplagtes Kind, ein Hans Guckindieluft. Ein Ich, das ziemlich kalt unterkellert ist mit traumatischen Kriegserlebnissen und Erinnerungen.

Richard Anders brachte aus dem Krieg alle Voraussetzungen mit, um sich vom Surrealismus entdecken zu lassen. Die Dinge lagen ja wieder ähnlich wie schon zwei Generationen vorher. Der Schock, die große Wut über den Skandal und die Absurdität des Krieges, schuf ein inneres Reizklima für eine „Ästhetik des Schreckens“, wie sie der Surrealismus in Adaption an den Fortschritt des Schreckens ein halbes Jahrhundert nach Baudelaire und Lautréamont weiterentwickelt hatte. Die erlebten Schrecken und Todesängste kehren als beharrliche Reminiszenzen in Anders’ Gedichten wieder. Doch findet man bei ihm auch eine Lust an ironischer Selbstaufhebung bis zur Groteske, der animiertesten Form der Verneinung.

Seit Ende der sechziger Jahre hatte Richard Anders, der gelegentlich Lyrik aus dem Englischen und Französischen übersetzte, Gedichte und Prosa, Aphorismen und essayistische Studien veröffentlicht, etwa den Erzählungsband „Hörig“ mit Collagen des Autors (1997) und „Die Pendeluhren haben Ausgangssperre“ (1998). Besonders in den Jahren nach der Wende stieß er mit seinen Texten in Ost-Berliner Avantgarde-Kreisen auf größere Resonanz. 1998 erhielt Richard Anders den Wolfgang-Koeppen-Preis, 2007 den F.-C.-Weiskopf-Preis.

Anders hat in früheren Jahren viele bemerkenswerte Begegnungen gemacht, etwa mit Hans Henny Jahnn, dem damaligen „Finisten“ Peter Rühmkorf und – in Paris – mit Henry Miller, mit dem er lange Gespräche führte. Die Arbeit an seinen Tagebüchern, die ihn in den letzten Jahren beschäftigte, konnte er noch beenden. Am Sonntag ist Richard Anders, wie erst jetzt bekannt wurde, mit 84 Jahren in Berlin gestorben.

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