Festival Schloss Britz : Komm, wir machen Krieg

Heroisch und komisch: Joseph Haydns Oper „Orlando“ im Gutshaus Britz.

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Ein bisschen Gewalt hilft immer. Matthias Jahrmärker als Orlando, der rasende Ritter.
Ein bisschen Gewalt hilft immer. Matthias Jahrmärker als Orlando, der rasende Ritter.Foto: Christian Brachwitz/Promo

Es dauert eine Weile, bis man die großen roten Buchstaben entziffert hat. Wie zufällig hingefallen, rahmen sie die Bühne des Kulturstalls in Britz. Dann aber ist klar: „Make War Not Love“ steht da. Hieß das nicht anders? Ja, aber in Zeiten des Terrors wirkt der alte Spruch der Friedensbewegung sehr schnell unbedarft. Außerdem: Für manche ist das sowieso dasselbe, Liebe und Krieg. Zum Beispiel für den rasenden Ritter Roland, Held von Ariosts Versepos „Orlando furioso“. Der stellt in blindem Wahn der chinesischen Prinzessin Angelika nach, weil sie ihn nicht zurückliebt, sondern lieber mit dem Soldaten Medoro abhaut.

Der Stoff hat viele Vertonungen inspiriert, die bekanntesten stammen von Vivaldi, Händel – und Joseph Haydn. Der hat nämlich nicht nur 107 Sinfonien, über 60 Streichquartette und vier große Oratorien geschrieben. Haydn konnte auch Oper. Kleine, zugegeben, denn auf Schloss Eszterháza war nicht wirklich viel Platz. „Orlando paladino“ (Der Ritter Roland) wurde dort 1782 uraufgeführt. Jetzt zeigt das Festival Schloss Britz das Stück in einer neuen deutschen Fassung von Regisseurin Tatjana Rese und Dramaturgin Bettina Bartz. Es bleibt dabei seiner Linie treu, nicht die großen Brocken des Repertoires zu stemmen, sondern das etwas Abseitige.

Trotz des großen Namens Haydn glauben Rese und Bartz, das Stück für ein heutiges Publikum aktualisieren zu müssen, manchmal etwas penetrant („Jetzt liegt alles in Ton, Steine, Scherben“). An den Anknüpfungspunkten, die diese Oper bietet, kann man aber auch schwer vorbeigehen. Passenderweise ist der Hauptschauplatz ausgerechnet Libyen. Flüchtlingskrise, Asylanträge, Vollverschleierung: Aktuelle Themen purzeln der Regisseurin nur so vor die Füße. Sogar die Debatte um den Fahrradhelm findet ihren Platz, trägt doch Orlandos Knappe Pasquale (Fabian Martino) einen ebensolchen, während Orlandos Rüstung an die praktischen zusammenklappbaren Plastikkästen aus dem Baumarkt denken lässt.

In der Oper fremde Welten imaginieren

Einen Konflikt zwischen christlichem Abendland und islamischem Morgenland gibt es auch (Mozarts „Entführung aus dem Serail" wurde übrigens im gleichen Jahr uraufgeführt wie Haydns „Orlando“). Der Held kämpft nicht nur um seine Liebe, sondern auch mit seinem Gegner Rodomonte, König von Algerien. Über das wüste Chaos der Schauplätze muss man sich in der Barockoper nicht allzu viel Gedanken machen. Möglichst exotisch sollte es sein, Easyjet flog damals noch nicht, Reisen war umständlich. Da sollte sich das Publikum eine fremde Welt wenigstens imaginieren.

Die zotteligen Rastas machen Orlando (Matthias Jahrmärker) zur Medusa. „Es ist Krieg!“, mit diesem Schlachtruf stürmt er auf die Bühne, und aus seinem Mund klingt es wie ein Freudenschrei: „Es ist Party!“ Konflikte scheint dieser Kerl, der bei Ariost für Karl den Großen gegen die Sarazenen kämpft, schon immer vorzugsweise mit dem Schwert gelöst zu haben.

Schon Haydn wusste um die Lächerlichkeit von (eingebildeter) Größe, die Fachbezeichnung seiner Oper lautet dramma eroicomico, heroisch-komisches Drama. Rese und Bartz vergröbern die Slapstick-Züge genüsslich. Angelika, hier zu Ange-li-ca chinoisiert, tritt grundsätzlich nur in Trippelschritten auf. Sopranistin Andrea Chudak überrascht dabei gerne mit plötzlichen Koloraturgewittern. Im schrillen, hyperventilierenden Fach ist sie besonders gut, überzeugt allerdings weniger, wenn es darum geht, sich gegenüber ihrem Liebhaber Med’oro (Julian Rohde), dem hier ein Apostroph geschenkt wird, auch mal ängstlich und verletzlich zu zeigen.

Im Hintergrund dirigiert Stefan R. Kelber das Orchester des Festivals Schloss Britz, in dem Lehrkräfte der Musikschule Neukölln spielen, stramm und flüssig, kleine Unstimmigkeiten zwischen Sängern und Musikern werden schnell ausgebügelt. Fabian Martino singt den Knappen Pasquale, eine frühe Leporello-Figur, famos, Tobias O. Hagge als Rodomonte dominiert die Bühne schon aufgrund seiner Körpergröße. Eila Min Thi Edelmann ist die kindliche Zauberin Alcina, die die verworrenen Handlungsstränge schließlich löst. „Gehen wir uns neue Feinde suchen“, ruft Orlando zum Schluss. Klingt nicht so, als ob er was gelernt hätte.

wieder am 28.8., 16 Uhr, 2. und 3.9. (jeweils 19.30 Uhr) und 4.9., 16 Uhr.

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