Festival Young Euro Classic : Herzensdinge

Zu Gast bei Young Euro Classic: das All-Russian Youth Orchestra unter Yuri Bashmet in der Philharmonie.

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Nachwuchs. Die Musiker des All-Russian Youth Orchestra sind zwischen 9 und 21 Jahren jung. Foto: Kai Bienert
Nachwuchs. Die Musiker des All-Russian Youth Orchestra sind zwischen 9 und 21 Jahren jung.Foto: Kai Bienert

Nationalstaatlichkeit ist eine praktische Sache, denn sie eignet sich hervorragend dafür, internationalen Begegnungen wie etwa der Fußballweltmeisterschaft oder dem internationalen Jugendorchestertreffen Young Euro Classic eine Struktur zu geben. Gibt es allerdings zwischen Nationalstaaten Kriege, ist das eine missliche Sache. Boris Aljinovic – Pate des All-Russian Youth Orchestra – stellt in seinem Grußwort klar, dass Politik gewiss nicht ausreiche, um Menschen mit Kultur einander zu entfremden.

Dann lässt das altersmäßig breit gefächerte Orchester mit einem Vorspiel aus Mussorgskis Oper „Chowanschtschina“ erst einmal die Sonne über der Moskwa aufgehen. Darauf überlässt Orchestergründer Yuri Bashmet das Dirigentenpult seinem Kollegen Claudio Vandelli und greift zur Bratsche, um zusammen mit den jungen Musikern „Etüden in schlichten Farben“ von Alexander Tschaikowsky aufzuführen, wobei der Komponist höchstpersönlich den Klavierpart übernimmt. Gemeinsam übt man sich in neuer osteuropäischer Mystik, Jazz sowie Neoromantik mit einer Prise Schostakowitsch, doch viel mehr als hübsches suitenhaftes Patchwork kommt dabei nicht heraus.

Ganz anders sieht das bei der fünften Symphonie von Peter Tschaikowsky aus. Es ist eine merkwürdige Vorstellung, dass hier Jugendliche, vor denen man sich in ihrer Heimat unter Strafandrohung nicht positiv über Homosexualität äußern dürfte, das Werk eines schwulen Komponisten aufführen, das aufs Eindringlichste von innerer Selbstbehauptung erzählt. Im ersten Satz ist die Intensität, die Bashmet und seine Musiker erzeugen, noch schwankend: Mit viel dirigentischem Körpereinsatz beschworene, klangvolle Geigenkantilenen wechseln sich mit routinierteren Übergangspassagen ab. Eine neue Qualität erreicht die Interpretation in dem außerordentlich einfühlsam musizierten Duett zwischen Solohorn und Klarinette des zweiten Satzes, das auch auf den Klang des ganzen Orchesters auszustrahlen scheint. Die Valse ist dann wieder bedächtiger musiziert, bevor das packend gespielte Finale wohl jeden in der Philharmonie im Herzen zum Russen werden lässt.

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