Filmdrama „Grigris’ Glück“ : Stolz und Urteil

Sie wollen einfach nur über die Runden kommen: Grigris und Mimi. Mahamat-Saleh Harouns erzählt in seinem Spielfilm „Grigris’ Glück“ eine bestechend einfache Boy-meets-Girl-Geschichte im Tschad.

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Souleymane Démé und Anaïs Monory in „Grigris’ Glück“. Foto: temperclayfilm
Der Tänzer und die Schöne der Nacht: Souleymane Démé und Anaïs Monory in „Grigris’ Glück“.Foto: temperclayfilm

Eine einfache Geschichte. Könnte man sie in aller Unschuld nacherzählen, würde fürs Erste nicht viel mehr herauskommen als boy meets girl. Weil Grigris und Mimi aber in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, aufeinandertreffen, im Fotoatelier seines Onkels, wo er als Handlanger arbeitet, liegen die Dinge, die sich scheinbar so selbstverständlich ergeben, sehr viel komplizierter.

In Paris oder London hätten ein behinderter Tänzer und eine belle de nuit tausend mehr Möglichkeiten, einander zu verfehlen. Er würde vielleicht eine kleine Sozialrente beziehen und müsste sein mageres Einkommen nicht mit abendlichen Auftritten in Diskotheken aufbessern, bei denen anschließend der Hut herumgeht. Sie müsste in eben jenen Diskotheken nicht am Tresen stehen und Nacht für Nacht Männer abschleppen, die sie für ihre Dienste bezahlen.

Die Einfachheit von Mahamat-Saleh Harouns viertem Spielfilm „Grigris Glück“ (GriGris) liegt, so sehr sie der 1961 im osttschadischen Abéché geborene Regisseur und Drehbuchautor hergestellt hat, auch daran, dass die beiden Protagonisten gar keine rechte Wahl haben, anders über die Runden zu kommen. Doch der Stolz und die Würde, mit der sie dies tun und einander darin erkennen, macht dieses unwahrscheinliche Paar schon sehr viel wahrscheinlicher – und die Zärtlichkeit, die sie füreinander empfinden, fast notwendig. In ihrer objektiven Schwäche und subjektiven Stärke geben sie einander Halt. Oder wie erklärt man die ergreifende Kraft dieses kleinen, 2013 in Cannes mit dem Vulkan-Preis ausgezeichneten Films?

Anaïs Monory erweist sich als kinematografischer Glücksfall

Das Halbauthentische kann es nicht sein. Souleymane Démé, dessen linkes Bein nach einer Operation infolge einer Malariaerkrankung schon im Kindesalter erlahmte, spielt sich in der Rolle des aus Burkina Faso stammenden Grigris zwar selbst – und allein, wie er, jedem Mitleid trotzend, zwischen Breakdance und Modern Dance seine Glieder in die Luft wirft, macht staunen.

Schon die in Frankreich geborene Anaïs Monory, die hier ihre erste Filmrolle übernommen hat, gehört zu den Glücksfällen einer kinematografischen Chemie, die Mimi und Grigris hingebungsvoll miteinander reagieren lässt. Wie sich schließlich die Schlinge um beider ohnehin von Tag zu Tag dahinstolperndes Leben zuzieht, ist reine Fiktion. Um die Krankenhausrechnung für seinen Onkel zahlen zu können, beginnt Grigris für eine Bande von Benzinschmugglern zu arbeiten, aus deren Ware er eine Ladung für den eigenen Verkauf abzweigt. So wird er zum Gejagten.

Die Fülle an kleinen Beobachtungen verleiht dem Plot Besonderheit

Auch das ist stofflich von größter Schlichtheit. Doch die Fülle an kleinen Beobachtungen, die Haroun zwischen dem gleißenden Licht des Tages und den Farben der Nacht unterbringt, verleiht dem genrehaften Plot seine Besonderheit. Abenteuerlich, wie er den Helden in die Tiefen des Basars von N’Djamena begleitet. Treffend, wie er Bandenchef Moussa (Cyril Guei) und den mit Stäbchen völlig überforderten Grigris zur Feier eines Raubzugs in ein chinesisches Restaurant schickt, das stillschweigend von Chinas zweitem Kontinent erzählt – und offenbar der gelbhäutigen Frau als Trophäe des arrivierten Afrikaners. Aufschlussreich, wie es vor dem islamischen Friedensrichter, vor den Moussa den als Dieb seines Schmuggelbenzins Verdächtigen bringt, zum Schwur auf den Koran kommt, der auch im doppelten Unrechtsfall als symbolische Richtschnur aller Wahrheit herhalten muss.

Am überraschendsten aber ist, dass in Mahamat-Saleh Harouns von Männern beherrschter Welt am Ende die Frauen wenigstens einmal das letzte Wort haben. Die Hoffnung, dass dies nicht nur dem Tschad, sondern ganz Zentralafrika eine friedlichere Zukunft bescheren könnte, ist mindestens so verwegen wie vielversprechend.

OmU: b-ware, Brotfabrik, Filmrauschpalast, fsk, Hackesche Höfe, Lichtblick

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