Filmfestspiele in Venedig : Wut und Widerstand

Endlich wieder eine Hauptrolle für die oscarprämierte Heldin von Fargo: Frances McDormand brilliert in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri".

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Frances MacDormand als furiose Mutter Mildred Hayes.
Frances MacDormand als furiose Mutter Mildred Hayes.Foto: Twentieth Century Fox Film

Wie kommt die Wut in die Welt? Die Venezianerin im Feinkostladen schimpft grundlos auf mich ein, irgendwie stört sie sich an den vielen Ausländern, die wegen des Filmfestivals den Lido bevölkern. Sie kauft ein halbes Brot, ich kaufe die andere Hälfte und wünsche einen schönen Tag.

Wie kommt die Wut in die Welt? Bei der Souvenir-Verkäuferin Mildred Hayes rührt sie aus dem Schmerz, ihre Tochter wurde vergewaltigt und ermordet, die Polizei kümmert sich nicht. Also mietet sie die Plakatwände am Ortsausgang, klagt den Polizei-Chief Willoughby (Woody Harrelson) in großen Lettern der Untätigkeit an und mischt die Kleinstadt auf. Frances McDormand verkörpert diese furiose Mutter in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“: endlich wieder eine Hauptrolle für die oscarprämierte Heldin von „Fargo“, endlich wieder ihr konsterniertes Gesicht, ihr bezwingender Blick, ihre minimalistisch-beredte Mimik, ihre Schlagfertigkeit.

Ärger kann eine Waffe gegen Ungerechtigkeit sein

Nach einem Wochenende mit Judi Dench, Helen Mirren, Julianne Moore und Ehren-Löwenpreisträgerin Jane Fonda steht Venedig auch am Montag im Zeichen einer großen Schauspielerin. Allein wie McDormand einen Pastor abserviert, der gekommen ist, sie zu beschwichtigen! In knappen Sätzen erinnert sie ihn an die Strafbarkeit von Gang-Mitgliedschaften – und dass er seit all den vergewaltigten Ministranten zu einer Gang namens Kirche gehört.

Martin McDonaghs Film wird in den Vereinigten Staaten wohl kaum für Zuschauer unter 18 Jahre freigegeben, so heftig wie hier geflucht wird. Das F-Wort ziert jeden Satz. Alkohol, häusliche Gewalt, rassistische Cops – willkommen in Missouri. Aber der Film macht keine einfachen Täter-Opfer-Rechnungen auf, kein Rachedrama entwickelt sich, sondern ein melancholisch-komisches Drama mit komplexen Charakteren.

Selbst bei Officer Dixon, dem brutalsten Uniformträger (Sam Rockwell), tritt irgendwann der Schmerz zutage, die Menschlichkeit. Bei der Pressekonferenz legt Frances McDormand Wert auf den Unterschied zwischen Ärger und Wut. Ärger kann eine Waffe sein gegen die Ungerechtigkeit, aber hilft sie auch gegen jene mörderische Gewalt, die aus verdrängten amerikanischen Traumata rührt?

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