Filmporträt über den Wikileaks-Gründer : Julian Assange, der Wahrheitsmissionar

Der Verräter-Held Edward Snowden ist ohne das Vorbild Julian Assange kaum denkbar. Im Filmporträt „We Steal Secrets“  nähert sich Alex Gibney dem Wikileaks-Gründer und bietet erhellende Einsichten - und dazu viel unbekanntes Material.

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Immer online. Julian Assange (42).
Immer online. Julian Assange (42).Foto: dpa

Zwei Männer, eine Mission: Kaum hatte Edward Snowden, Amerikas neuer Staatsfeind Nr. 1, von Hongkong aus das globale Überwachungsregime der US-Geheimdienste bloßgestellt, da erkannte Julian Assange, Wikileaks-Gründer und Missionar der elektronischen Geheimnisenthüllung im fernen London, seine Chance. Sofort wies er seine Unterstützer an, Snowden die Hilfe seiner „Organisation“ anzubieten. Und binnen weniger Tage saßen der gefallene und der neue Held scheinbar in einem Boot: Dank Assanges Vermittlung konnte auch Snowden auf die schützende Hand von Rafael Correa rechnen, der als Präsident des kleinen Ecuador den mächtigen USA die Stirn bietet. So jedenfalls kündete es Assange per Telefonkonferenz aus seinem selbst gewählten Exil in der ecuadorianischen Botschaft in London – und erreichte damit seit langem mal wieder das globale Publikum, das ihn schon fast vergessen hatte.

So teilten die beiden Männer denselben Gegner und – für einige Tage bis zu Correas Rückzieher – auch denselben Schutzpatron. Doch zugleich könnten sie nicht verschiedener sein. Snowden wandelte sich aus Gewissensnot vom braven amerikanischen Patrioten zum bewunderten Whistleblower, um der Welt die Wahrheit zu bringen. Assange dagegen ist der geborene Rebell, für den die Enthüllung stets den Zweck hatte, die Macht als solche infrage zu stellen und sich selbst als deren größten Herausforderer zu inszenieren.

Wie ihm das in geradezu genialischer Manier gelang, nur um dann an seiner eigenen Hybris zu scheitern, das dokumentiert der amerikanische Regisseur Alex Gibney ebenso gekonnt wie aufwendig mit seinem Dokumentarfilm „We Steal Secrets“. Der Titel trifft die ganze Ambivalenz der US-Politik im Umgang mit Staatsgeheimnissen, den eigenen und denen aller anderen. Wörtlich ist er das freimütige Bekenntnis des früheren CIA-Chefs Michael Hayden, der ausführlich zu Wort kommt. Doch die gleiche Aussage beschreibt auch, was Assange erreichte, indem er Geheimnisdieben einen anonymen, gesicherten Briefkasten anbot, einschließlich der Garantie, ihre dort hinterlegten Dokumente unzensiert zu veröffentlichen.

Der Weg des heute 42-jährigen australischen Hackers zur globalen Frontfigur im Kampf für die freie Information wurde schon oft erzählt, auch in Filmen. Doch Gibney, der 2008 für die Afghanistan-Doku „Taxi to the Dark Side“ mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilmer, hat selbst Kennern der WikileaksGeschichte viel zu bieten. Wie kein anderer zuvor zeigt er auch die Geschichte der beiden Männer, die Assanges Projekt erst zu jenem Weltereignis machten, das für sie selbst zur Tragödie wurde.

Noch bis Januar 2010 war Wikileaks nicht mehr als eine gute Idee, deren Zeit gekommen war. Die bis dahin „geleakten“ Dokumente über kriminelle Banken und Ölkonzerne, über die Haftbedingungen in Guantanamo oder die SMS-Nachrichten der Opfer des 11. September, waren zwar spektakulär. Aber Vergleichbares gelingt auch Journalisten. Der Charakter des Projekts änderte sich radikal, als sich der im Irak stationierte US-Soldat und Computerfachmann Bradley Manning Anfang 2010 entschloss, das seit langem gesuchte Video vom Angriff eines Kampfhubschraubers auf ein unbewaffnetes TV-Team der Agentur Reuters und bald darauf die gesamte militärische Dokumentation der Kriege im Irak, in Afghanistan und die über Jahrzehnte gesammelten internen Nachrichten des US-Außenministeriums zu übermitteln. Seitdem erhoben sich Assange und seine nicht mehr als 20 Helfer zu Anklägern gegen die Weltmacht USA, und Gibney zeichnet akribisch nach, wie es dazu kam.

Sichtbar wird, dass es Mannings ganz persönliche seelische Qualen waren, die Assange zum globalen Helden machten. Nicht nur erzählen da die wenigen Freunde und eine mutige Offizierin, wie verwirrt und verzweifelt Manning war, als seine Kameraden ihn wegen seiner Homosexualität fortwährend demütigten. Mehr noch sagen seine eigenen Worte. Nicht im Interview, das war wegen Mannings Haft im Militärgefängnis nicht möglich. Sondern in den Sätzen, die er in den Nächten nach seinem Geheimnisdiebstahl per Chat an Adrian Lamo schrieb, jenen amerikanischen Hacker, dem Manning aus Sehnsucht nach einem Vertrauten seine Taten gestand – und der ihn prompt an die US-Behörden verriet. Das Protokoll dieser per Tastatur geführten Selbstanalyse Mannings nutzt Gibney als roten Faden durch die Geschichte und belegt so dessen zentrale Rolle. Dabei konnte Gibneys Team auch Lamo selbst, den Empfänger der Geständnisse, für ein Gespräch gewinnen. Als es in Tränen endet, erscheint auch der Verräter des Geheimnisverräters nur noch als armer Wicht, den seine Tat ins Unglück gestürzt hat.

Assange selbst dagegen verweigerte sich, weil Gibney ihm nicht das Recht einräumen wollte, den Film nach Belieben zu zensieren. Gleichwohl kommt der erfahrene Filmautor ihm sehr nahe. Nicht nur zeigt er viele Szenen aus Assanges privatem Leben in der Zeit, als Journalisten aller Weltmedien um seine Gunst buhlten. Zugleich gelingt ihm eine präzise Darstellung der Affäre um Assanges bizarre Verweigerung oder Zerstörung der Präservative beim Geschlechtsakt mit zweien seiner weiblichen Fans in Schweden. So erfährt der verblüffte Zuschauer, dass Assange sein heutiges Schicksal als Gefangener in der Londoner Botschaft von Ecuador leicht hätte abwenden können. Wäre er zu einem Aids-Test bereit gewesen, hätten beide Frauen ihre Anzeige zurückgezogen, erzählt eine der Betroffenen. Die Vorladung zur schwedischen Staatsanwaltschaft, der Assange sich so verzweifelt entzieht, hätte es dann nie gegeben. Aber zu diesem Zeitpunkt war er wohl schon nicht mehr ganz von dieser Welt. Eindrücklich und auch deprimierend schildern seine wichtigsten journalistischen Mitstreiter vom britischen „Guardian“ und dem Londoner Zentrum für investigativen Journalismus, wie ein zusehends paranoider Assange am Ende sogar ihnen Schweigeverpflichtungen abverlangt wie ein Geheimdienstbürokrat – womit er seine ureigenste Überzeugung verrät.

Über die subtile Ausleuchtung des narzisstischen Charakters seiner Hauptfigur verliert Gibneys Film allerdings die enorme Wirkung des Wikileaks-Projekts über weite Strecken aus den Augen. Mag Assange sich selbst auch diskreditiert haben, sein politischer Erfolg ist unbestreitbar. Indem er die von Manning gelieferten Dateien konsequent für jedermann zugänglich machte, enthüllte er nicht nur den Zynismus und die Doppelmoral des Führungspersonals im politisch-militärischen Apparat der USA. Zugleich demonstrierte er, wie eben diese gigantische Fehlentwicklung am besten zu bekämpfen ist: Nur wenn der permanente Rechtsbruch öffentlich und die Festung der Geheimhaltung gesprengt wird, kann offen um die Wiederherstellung des amerikanischen Rechtsstaats gerungen werden. Diese Botschaft aber klingt bei Gibney allenfalls am Rande durch.

Umso klarer formuliert sie nun der Geheimnisdieb Edward Snowden. Darum spricht viel dafür, dass Assanges Projekt einen erheblichen Anteil an dessen Wandlung vom Softwareexperten zum Kämpfer gegen die universale Bespitzelung hatte – einfach weil er demonstrierte, wie man es machen muss. So ist die Saat von Wikileaks mit Snowden erst richtig aufgegangen. Für Amerikas Geheimdienstfürsten ist er nun der gefährlichere Gegner. Und das in aller Öffentlichkeit.

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