Kultur : Flüchtig bleiben

Protokoll einer Vatersuche: „Chi l’ha visto?“

Hannah Ellermann

Gianni Meurer, die Hauptfigur, heißt auch im wirklichen Leben so. Und doch ist der Deutsch-Italiener der Held eines Roadmovies – in Claudia Rorarius’ „Chi l’ha visto – Wo bist Du?“, der zwischen Dokumentarfilm und Fiktion oszilliert. Der 31-jährige Berliner reist im Auto von Berlin nach Rom. Bei der Mutter in Deutschland aufgewachsen, sucht er nach seinem Vater, den er seit der Kindheit nicht mehr gesehen hat. Vor allem aber sucht er sich selbst.

Warum verlässt ein Vater sein Kind? Diese Frage bleibt, wie manche andere, unbeantwortet in diesem reizvollen, sonderbaren Film. Dafür fragt Gianni, das Foto des Vaters in der Hand, unter Fremden herum und erfährt so von der TVSendung „Chi l’ha visto“, mit deren Hilfe Zuschauer verschollene Verwandte oder Freunde aufzuspüren suchen. Giannis Begegnungen bleiben flüchtig, nur der junge Paul (Paul Kominek) leistet ihm länger Gesellschaft. In interviewartigen Gesprächen über das Verlangen nach Zugehörigkeit entwickeln sich Ansätze von Nähe. Aber da verschwindet Paul schon wieder. Er ist nicht, was Gianni sucht.

Claudia Rorarius’ Aufnahmen wirken wie Fotos, unkommentiert lässt sie Dinge und Menschen für sich sprechen. Virtuos wie ein DJ mischt sie kurze, lange, stille, lärmende Szenen: raschelnde Vorhänge, Wassertropfen beim Aufprall auf die Pfütze, dazu dumpfe basslastige Clubmusik. Erinnert sie den flüchtenden Gianni an sein Berliner Partyleben, seine zurückliegende, einzig beglaubigte Identität?

Vieles andere auch bleibt offen. Warum tritt Gianni nie bei der TV-Show auf? Warum sucht er nach so langer Zeit überhaupt nach dem Vater? Und doch ist „Chi l’ha visto“ schön, so schön wie unbehandeltes Holz. Hannah Ellermann

Babylon Mitte, Xenon

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