Kultur : Folter und Mord

Wilhelm Dietl beschreibt die Rolle der Geheimdienste der Regime im Nahen Osten.

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Sie sind „Schild und Schwert“ von Diktaturen. Sie sichern das Überleben von Despoten. Sie halten menschenverachtende Regime in Syrien und Iran an der Macht. Die Geheimdienste in der islamischen Welt gelten als extrem grausam – weit entfernt von westlichen Werten, nach eigenen Regeln und Gesetzen lebend. Umso rarer sind verlässliche Informationen über ihre tägliche Arbeit, ihre Operationen, ihre „Erfolge“ und Fehlschläge. Was bereits mit Blick auf die geheimen Praktiken der westlichen Dienste schwerfällt, hat sich Wilhelm Dietl für ihre „Kollegen“ aus der islamischen Welt vorgenommen: aus dem Innenleben der Dienste in Iran, Syrien, Libyen, Ägypten, Palästina, Irak und Saudi-Arabien zu berichten. Der ehemalige Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes und heutige Autor von „Spiegel“ und „Stern“ arbeitet dabei grundlegende Gemeinsamkeiten der islamischen Geheimdienste heraus: Sie passen nicht in die westliche Definition von Nachrichtendiensten. Denn nur am Rande sammeln sie Informationen für ihre politischen Führungen – ein Kerngeschäft der Dienste des Westens. Vielmehr gehen sie gegen Feinde und Andersdenkende im Innern vor.

Angesichts der täglichen Schreckensmeldungen aus Syrien und der brutalen Niederschlagung der Grünen Revolution in Iran wirkt Dietls Bewertung kaum übertrieben: Im Vergleich zu den Geheimdiensten der islamischen Welt sei die Staatssicherheit im früheren Ostblock ein menschenfreundliches Gebilde gewesen. Denn an Brutalität seien die Dienste im Nahen und Mittleren Osten durch nichts zu überbieten: „Sie morden und foltern, verbreiten Angst und Schrecken.“

Eine weitere Gemeinsamkeit der islamischen Geheimdienste sind nach Dietls zutreffender Beobachtung Übergriffe auf eigene Landsleute im Ausland. So haben Dienste aus Iran, Syrien, Libyen und Marokko in der Vergangenheit immer wieder Oppositionelle aus ihren Gastländern verschleppt oder sie dort getötet. Für riskante Auslandsoperationen heuerten sie dabei nicht selten hauptberufliche Terroristen an, die ihnen mit weltweiten Verbindungen und für hohe Honorare die blutige Arbeit abnehmen sollten. Zu diesem Kapitel der Terrorgeschichte zählt Dietl Aktionen des Venezolaners Carlos und seiner internationalen Söldnertruppe, aber auch Anschläge von Palästinensern und der von Teheran gesteuerten „schiitischen Internationale“. Als Beispiele nennt er Angriffe auf Passagiermaschinen von PanAm, Lufthansa, UTA und TWA, den Anschlag auf die Diskothek „LaBelle“ in Berlin und Bomben gegen jüdische Einrichtungen in Buenos Aires. Und nicht zuletzt: „Auch ein Osama bin Laden wurde zu anderen Zeiten als strategisch wichtiger Partner akzeptiert.“ Was häufig auf den ersten Blick wie eine individuelle Tat ausgesehen habe, sei schließlich immer als purer Staatsterrorismus entlarvt worden.

Dietls angenehm nüchterne und zugleich sehr pointierte Analyse wirft einen kritischen Blick auch auf die Zusammenarbeit westlicher Staaten mit den „Schattenarmeen“ in der islamischen Welt: Im „Krieg gegen den Terror“ ist das „Outsourcing“ von Verhören islamistischer Terrorverdächtiger an verbündete Dienste arabischer Staaten bei Amerikanern wie Europäern zur gängigen Praxis geworden. Vor allem die Jordanier sind hier gefragte Partner. Auch den nationalistischen Palästinensern als den Vertretern der traditionellen PLO kommt derzeit eine Schlüsselrolle zu: Von der CIA mit Wissen und Technik unterstützt, sollen sie die Frontlinie im Kampf gegen Iran, Hisbollah und Hamas stabilisieren.

Die globale Sicherheitslage, in der sich all dies abspielt, vergleicht Dietl mit einem neuen Kalten Krieg, der nicht mehr auf der Ost-West-Schiene verläuft, sondern auf einer Nord-Süd-Achse. Er dreht sich um die militante Ausbreitung des Islam und um die Milliardenerträge aus dem in absehbarer Zeit zusammenbrechenden Ölgeschäft, um den Nahostkonflikt, um den umstrittenen „Krieg gegen den Terror“ und Aktion wie Reaktion der Gegenseite, um daraus resultierenden grenzenlosen Hass und die neue Festungs- und Sicherheitsmentalität in Amerika und Europa. In diesem neuen Kalten Krieg geht es ferner um Wohlstand und Armut, um die Arroganz vermeintlich starker Armeen des Westens und das in der südlichen Hemisphäre verbreitete Bewusstsein der Menschen, dass sie nichts zu verlieren haben – und es auf ihr individuelles Leben längst nicht ankommt.

In welche Widersprüche sich der Westen dabei vor allem seit dem 11. September 2001 verwickelt hat, beleuchtet Dietl in seinem Fazit: Den USA wirft er vor, nicht zu merken, in welch gefährliche Abhängigkeit das Outsourcing von Folter und Mord demokratische Staaten führen könne – ganz zu schweigen von den eigenen Verbrechen in den amerikanischen Gefangenenlagern Guantánamo auf Kuba, Abu Ghraib im Irak und Bagram in Afghanistan. Vielmehr hätten die Anschläge von New York und Washington vor zehn Jahren die bislang sorgsam bewachten Dämme gegen staatlich sanktionierte Grausamkeiten brechen lassen. Sie belebten das Geschäft der Geheimdienste im Nahen und Mittleren Osten.

Und was in Dietls ernüchterndem Ausblick noch schwerer wiegt: Die westliche Geheimdienstpolitik seit dem 11. September verhindert, dass die Demokratien des Westens sich auch gegen Staatsterroristen verbünden und bei der Entführung von Bürgern, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren, oder bei Anschlägen angemessen reagieren. Ein Minimalkonsens könnte hier aus dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen und der Handelskontakte bestehen. Doch dies ist bislang nur in seltenen Ausnahmefällen geschehen. Würde es hingegen als Regel festgeschrieben, so ist sich Dietl sicher, dass der Freiraum für die Geheimdienste des Nahen und Mittleren Ostens bei ihren Operationen in Europa und Amerika spürbar begrenzt wäre.







– Wilhelm Dietl:
Schattenarmeen. Die Geheimdienste der islamischen Welt. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2011. 352 Seiten, 9,99 Euro.

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