Fotografie : Besuch mich doch mal im Studio

Seit 40 Jahren lichtet Angelika Platen ihre Künstlerfreunde ab. Aber erst, wenn die sich locker gemacht haben.

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Die Fotografin Angelika Platen mit Sigmar Polke (1971).
Die Fotografin Angelika Platen mit Sigmar Polke (1971).Foto: A. Platen

Die neugierige Fotografin und der aufstrebende Künstler: Im Sommer 1971 stehen sie gemeinsam vor dem Spiegel. Sigmar Polke mit seinem schon etwas ausgedünnten Haar, und Angelika Platen, das Gesicht halb hinter jener Kamera verborgen, deren Auslöser sie an diesem Tag immer wieder drückt. Genau wie beim Treffen mit Hanne Darboven, einer jungen Frau mit fragilen Zügen und forschendem Blick. Oder bei Walter de Maria, der sich 1968 anlässlich seiner Ausstellung „Earth Show“ auf das Rollfeld des Frankfurter Flughafens legt und fotografieren lässt – wie eine Sphinx, die darüber rätselt, wohin die Kräfte einer von jeder Konvention befreiten Kunst sie alle führen werden.

Es war ihre Generation. „Da spielte es keine Rolle, wer die besten Chancen auf eine Karriere hatte“, sagt Angelika Platen, „stattdessen hielt ich mit der Kamera fest, wer mich interessierte.“ Die Fotografin ist den Künstlern gefolgt: in Ateliers und Ausstellungen, auf Vernissagen und bis zu jenem Holzspind, in den sie 1971 André Thomkins klettern ließ. „Wir haben uns in der Düsseldorfer Akademie getroffen, wo Thomkins gerade seine Professur antrat, und es überhaupt keine Arbeit von ihm gab.“ Weil aber die Interaktion zwischen Künstler und Werk zentral für Platens Motive ist, suchte die Porträtmacherin nach einem Objekt, das Thomkins in Besitz nehmen konnte. Es entstand eine wunderbare Sequenz, in der der Schweizer das bisschen Raum im Schrank mit seinem schweren Körper füllt.

Fast 40 Jahre später sitzt Angelika Platen in ihrer Wohnung in Westend und schließt den Kreis ihrer Biografie. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Orientalistik, bevor die junge Familie nach der Geburt der zweiten Tochter nach Hamburg ging. Dort schrieb sich Angelika Platen 1968 an der Kunsthochschule für Fotografie ein. Später zog sie nach Paris und legte die Kamera so lange zur Seite, dass nun eine Lücke im Werk klafft. Den Bildern, die seit 2000 – dem Jahr ihrer Rückkehr nach Berlin – wieder entstehen, sieht man die Pause allerdings nicht an. Bruchlos nehmen sie die Prinzipien der Arbeit wieder auf: Angelika Platen fotografiert sachlich, dabei mit Empathie für die Künstler und deren individuelles Arbeiten. Und sie fotografiert ausschließlich analog, ohne Blitz, in Schwarzweiß. Auf Eröffnungen begegnet man der Frau mit der blonden Hochsteckfrisur und dem zartrosa Lippenstift häufig. Immer aber ohne Kamera. Das Knipsen liegt ihr nicht, sie braucht die Intimität der persönlichen Begegnung: Wer sie interessiert, der wird nach wie vor um einen Termin im Atelier gebeten.

Andere Motive gibt es aus ihrer Zeit als Journalistin. Ab 1970 arbeitete die Fotografin für die „Zeit“, zwei Jahre später übernahm sie dort das Ressort „Kunst als Ware“. Plötzlich schob sich, wer in der Branche tätig war, vor ihre Kamera. Beispiele dafür besitzt Angelika Platen zuhauf, die schönsten hat sie in ihrem ersten Bildband versammelt, der Ende der neunziger Jahre erschien. Sie erzählen von Vernissagen etwa auf dem Vorplatz der Neuen Nationalgalerie oder der Party danach im Skulpturen-Garten und lassen ahnen, wie schick und glamourös es damals in Westberlin zuging.

Für die Ausstellung „Prospect 68“ in Düsseldorf reiste der Pariser Galerist Yvon Lambert im engen, großkarierten Anzug an. Und Leo Castelli und Ileana Sonnabend kamen extra aus New York, um bei der Gegenveranstaltung zur ersten Kölner Kunstmesse Präsenz zu demonstrieren. In Köln wird die Kunst ausverkauft, dachte man damals, weil die Galeristen Hein Stünke und Rudolf Zwirner ein neues Geschäftsmodell initiierten. Angelika Platen machte sich ihr eigenes Bild für das Kunstmarktressort und hielt ansonsten an ihren Treffen mit den Künstlern fest.

Immer Schwarzweiß, immer ohne Blitz. John Bock während einer Performance in Berlin (2005).
Immer Schwarzweiß, immer ohne Blitz. John Bock während einer Performance in Berlin (2005).Foto: A. Platen

Damals entstanden jene Porträts von Georg Baselitz, Gerhard Richter, Christo oder Andy Warhol, die bis heute das offizielle Bild dieser Künstler prägen. Unzählige Male hat die Fotografin sie für Veröffentlichungen herausgegeben – nur wenige dagegen für Ausstellungen oder Ankäufe zum Beispiel durch die Berlinische Galerie vergrößern lassen.

Ihr jüngst erschienenes Buch versammelt diese ikonischen Aufnahmen noch einmal und stellt ihnen in jüngster Zeit entstandene Ansichten derselben Künstler zur Seite. Hinzu kommen Porträts einer neuen Generation, wie sie Matthias Weischer, Birgit Brenner oder Jonathan Meese symbolisieren. Auch sie hat Angelika Platen ohne Farbe und mit jenem eigentümlichen Gespür für subtile Bezüge festgehalten, das einem so vertraut ist. Julian Rosefeldt bat sie, neben ein Plakat zu treten, auf dem ein Frauenporträt der Renaissance zu sehen ist: „Rosefeldt hat ähnlich feine Züge, finden Sie nicht?“

Im Buch sind die Nägel der Bilder von Günther Uecker groß wie Pilze. Der belgische Künstler Panamarenko scheint in einem seiner fantastischen Fluggeräte zu sitzen und der Performer Dennis Oppenheim schiebt auf einem Feld lachend Erde umher. Ein seltener Moment, meint die Fotografin. Die meisten seien bei den Sitzungen angespannt „Sie merken das am Mund. Wenn ich die Kamera richte, bekommen die Leute immer diese verzerrten Lippen.“ Also lässt Platen ihnen Zeit, plaudert zwanglos, stellt zwischendurch den Sucher scharf – und nimmt die Kamera dann vom Gesicht, um den Kontakt nicht zu verlieren.

Was im Moment des Auslösens passiert, sieht sie selbst nicht. Bloß die Ergebnisse, auf die sie zu Recht stolz ist. So wie bei Joseph Beuys, der aktuell mit einer großen Retrospektive in Düsseldorf geehrt wird. Für das Plakat, die Einladung, die Eintrittskarten hat man ein Porträt ausgesucht, das 1968 während der Documenta entstanden ist. Beuys ruhte sich kurz vom Aufbau seiner Arbeit aus, und Angelika Platen fotografierte ihn neben einer Bronzeskulptur von Auguste Rodin, die dem kritischen Geist und sanften Umstürzler zu winken scheint.

Angelika Platen: „Künstler“, Hatje Cantz Verlag, 240 S., 238 Abb., 49,80 €

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