Französisches Ensemble Quatuor Ebène : Die Boygroup der Klassik

Das Ensemble Quatuor Ebène ist Stargast der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Ein Gespräch über intime Säle, die neue Lust am Zuhören und Publikumsreaktionen in aller Welt.

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French Connection: Die Geiger Gabriel Le Magadure, Adrien Boisseau, Raphael Merlin und Pierre Colombet.
French Connection: Die Geiger Gabriel Le Magadure, Adrien Boisseau, Raphael Merlin und Pierre Colombet.Foto: promo/ Julien Mignot

Sie sind viel herumgekommen in der Welt, die vier Musiker des Quatuor Ebène. Mit dem Sieg beim ARD-Musikwettbewerb 2004 begann für die französische Formation eine steile Karriere. Als Boygroup der Klassik erlangten die smarten Pariser auch jenseits der eingeschworenen Kammermusik-Gemeinde Beachtung, avancierten mit ihrer Lust an stilistischen Grenzüberschreitungen schnell zum Hoffnungsträger der Szene. „Ein Streichquartett, das sich mühelos in eine Jazzband verwandeln kann“, lobte die „New York Times“, und auch ihre Experimente mit Weltmusik, Rocknummern oder Chansons fanden viele Fans.

Neben den Musikmetropolen, die sie regelmäßig bereisen, haben die Ebènes aber auch den Musikfestspielen Mecklenburg-Vorpommern die Treue gehalten. In der Reihe „Junge Elite“ war das Quartett vor zehn Jahren erstmals zu Gast, in diesem Sommer prägen Gabriel Le Magadure, Adrien Boisseau, Raphael Merlin und Pierre Colombet nun mit insgesamt 18 Auftritten an 14 verschiedenen Orten das Musikfestival.

„Hier finden sich besonders viele Menschen zusammen, die die Kammermusik wirklich lieben“, schwärmt der Geiger Pierre Colombet. „Das macht die Kommunikation mit den Zuhörern sehr leicht.“ Sein Violinistenkollege Gabriel Le Magadure ergänzt: „Viele Besucher machen hier Urlaub oder reisen extra für die Konzerte an. Anders als in den Großstädten, in denen die Leute oft erschöpft aus dem Büro ins Konzert kommen, haben sie dann den Kopf frei.“

Mit Konzentration weg vom Alltag

Die vier Franzosen empfinden es stets als Luxus, wenn sie in kleinen Sälen auftreten können: „Musiker und Publikum ganz nah beieinander – so sind Streichquartette ja gedacht. Beim Musizieren im intimen Rahmen bekommt jedes Detail Gewicht. In großen Sälen dagegen muss man ganz anders spielen, um bis zu den hinteren Plätzen vorzudringen.“

Durch die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft, die für viele mit dem Druck der ständigen Erreichbarkeit einhergeht, haben immer mehr Menschen Probleme damit, sich zu konzentrieren, konstatiert Gabriel Le Magadure. Gleichzeitig beobachtet er eine Gegenbewegung: „Je schneller das öffentliche Leben wird, desto mehr entwickelt sich bei einigen das Bedürfnis danach, Phasen der Konzentration zuzulassen. Darum ist es unsere Aufgabe, so fesselnd zu spielen, dass es dem Publikum auch gelingt, den Alltag loszulassen, sich ganz auf die Kompositionen einzulassen.“

Beim Betreten der Bühne spüren die Interpreten oft sofort, ob das Publikum aufmerksam sein wird oder eher zerstreut. „Obwohl es alles Individuen sind, gibt es da eine Gruppendynamik“, findet Pierre Colombet. „Musik lässt sich ja auf zwei Arten erleben: Man kann dabei entspannen – mit dem Risiko, dass man einschläft, weil es so schön dunkel ist im Saal. Die andere Hörhaltung ist auf das Mitdenken ausgerichtet, getragen von dem Bedürfnis, tiefer einzudringen in die Werke. Letzteres kann man aber nicht von allen im Saal erwarten.“

Crossover zwischen Klassik, Filmmusik und Südamerikanischem

Während sich in Frankreich und Italien die Besucher von einem reinen Streichquartett-Programm oft überfordert fühlten, existiert nach der Beobachtung des Quator Ebène im Land von Bach und Beethoven noch eine lebendige Kammermusik-Tradition: „Es ist immer eine Freude für uns, in Deutschland aufzutreten. Weil wir hier das Gefühl haben, zu Menschen zu sprechen, die unsere Sprache verstehen.“ In Amerika wiederum begegne man einem Publikum, das sehr offen für Unbekanntes ist und nach dem Konzert auch gerne über das Erlebte diskutiert, erläutert Gabriel Le Magadure. „In Japan schließlich sind die Hörer sehr diskret und leise. Dort wird die Fähigkeit zur Konzentration wirklich kultiviert. Außerdem wollen die Konzertbesucher immer das Maximum mitnehmen aus dem Abend. Sie informieren sich vorher, sind sehr interessiert an uns und an den Werken. Wir haben oft das Gefühl, dass sie unsere Gäste sind, so als hätten wir sie zu uns nach Hause eingeladen.“

In Mecklenburg-Vorpommern führen die Franzosen jetzt die ganze Bandbreite ihrer stilistischen Interessen vor. Zusammen mit weiteren früheren Preisträgern des Festspiele wie dem Cellisten Daniel Müller-Schott vertiefen sie sich ab 29. Juli in die Werke von Brahms, feiern Wunderkinder wie Mozart und Mendelssohn und widmen sich groß besetzter Kammermusik wie Franz Schuberts Oktett. Ab 19. August geht es dann um Crossover zwischen Klassik, Filmmusik und Südamerikanischem. Und zum Abschluss spielt das Quatuor Ebène drei Mal hintereinander ein Programm mit Beethovens Quartetten Opus 131 und 132 und Werken von Haydn und Henri Dutilleux.

Die Musikfestspiele Mecklenburg-Vorpommern laufen bis zum 19. September. Weitere Infos unter: www.festspiele-mv.de

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