"Frau Luna" im Tipi am Kanzleramt : Stars und Sternschnuppen

So viel Sternenstaub wie nie: Im Tipi am Kanzleramt wird Paul Linckes „Frau Luna“ zur Promi-Parade.

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Völlig schwerelos. Zofe Stella (Anna Mateur) und Herr Theophil (Tobias Bonn) beim Liebestanz.
Völlig schwerelos. Zofe Stella (Anna Mateur) und Herr Theophil (Tobias Bonn) beim Liebestanz.Foto: Barbara Braun/Promo

Jeder einmal auf dem Mond! Heinz Bolten-Baeckers muss Hellseher gewesen sein, als er 1899 diesen Satz ins Libretto von „Frau Luna“ geschrieben hat. Nur unwesentlich abgewandelt in „Jeder einmal in Berlin!“ hat der Slogan dann ab den zwanziger Jahren eine viel durchschlagendere Wirkung erzielt – als Touristenwerbung für die mal mehr, mal weniger pulsierende Metropole, die sich schon immer für den Mittelpunkt des Universums gehalten hat. Nach den Sternen greifen, nach Berlin gehen, das ist nun mal ein- und dasselbe. Auch heute wieder, wo die Stadt wächst und Heißsporne aus aller Welt in Co-Working-Spaces nach dollen Ideen für die Zukunft suchen.

Genauso wie weiland der Erfinder Fritz Steppke. Der fortschrittsbegeisterte Mechaniker kann ein Lied davon singen, wie es ist, in einer Mietskaserne der Gründerzeit den Raum zu teilen. Seine Zimmerwirtin, die Witwe Pusebach, ist ein rabiater Drachen. Die Hinterhofbude ganz aus Kulissenpappe. Dann schon lieber auf dem Mond sein! Doch weder die Witwe noch ihre Nichte Marie (Sharon Brauner), Steppkes Schatz, halten was von seinen Raumfahrer-Ambitionen, den „Schlössern, die im Monde liegen“.

Ganz im Gegensatz zu seinen Kumpels Lämmermeier (grandios als Knittelverse dichtender Franke: Thomas Pigor) und Pannecke (Max Gertsch), die sind im Stratosphären-Expressballon auf der Expedition zum Mann im Mond aber so was von dabei. Dicht gefolgt von der Regenschirm schwingenden Pusebach, die ihren Verehrer Pannecke nicht auf dem Mond umher poussieren lassen will. Eine durchaus ernst zu nehmende extraterrestrische Gefahr, denn der Mondmann ist ja – wo jib’s denn so watt! – eine Frau, wie Steppke und Konsorten alsbald zu sehen kriegen.

So ein Ensemblestück braucht Menschen und Material

So viel Sternenstaub war noch nie im Tipi am Kanzleramt. Die Bühne wächst deutlich über ihr sonstiges Ausmaß hinaus. Showtreppe, Kulissen und Vorhang glitzern und funkeln. Gleich rechts daneben ist das zwölfköpfige Orchester platziert, das Musikchef Johannes Roloff vom Flügel aus dirigiert.

Fünfzehn Jahre haben Holger Klotzbach und Lutz Deisinger, die Chefs von Bar jeder Vernunft und Tipi, gebraucht, um Paul Linckes populärste Berliner Operette auf die größere ihrer Privattheaterbühnen zu bringen. „Frau Luna“ ist ein üppig orchestriertes Ensemblestück, das jede Menge Menschen und Material braucht. Das zu finanzieren ist nun durch die Unterstützung der Lotto-Stiftung und der Berliner GASAG gelungen. Entsprechend groß ist die freudige Spannung, die am Premierenabend unter dem Zeltdach hängt. Gewürzt wird sie von einer Prise Furcht, dass Linckes gut abgehangener, berühmt-berüchtigter Schenkelklopfer außer Hits wie „Das ist die Berliner Luft“ und „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“ womöglich nur eine Mottenkugel-Vergiftung zu bieten hat.

Zumal Herbert Fritsch die „Luna“ erst vor drei Jahren in einer irrlichternden, mit Elektromusik untermalten Volksbühnen-Produktion zerlegt hat. Darin tappte eine groteske Truppe Berliner Knallchargen auf einer von zappeligen Eierköpfen in pastellfarbenen Pluderkostümen bevölkerten, leeren Mondoberfläche herum. Eine als Antipiefigkeitspille eingesetzte Nicht-Szenerie, der nun das Bühnenbild (Friedrich Eggert) im Tipi zwar keine Drehbühne mit spektakulären Bauten entgegensetzen kann, aber dafür ein tolle Schwarz-Weiß-Ästhetik, die sich auch auf die wundervollen Kostüme von Heike Seidler erstreckt. Von Gründerzeit-Karos und gestärkten Schürzen geht es über Märchenprinzwämse und Divenroben bis zu Sixties-Lackleder à la Emma Peel – alles in Grau, Weiß, Schwarz. Und trotz inflationären Gefunkels, kommt Farbe ganz subtil nur durch farbige Scheinwerfer in Spiel.

Das All-Star-Ensemble ist mopsfidel

Apropos Spiel. Da hat Regisseur Bernd Mottl, ein Spezialist für frisches Musiktheater, der vor zwei Jahren in der Bar jeder Vernunft auch „La Cage aux Folles“ neu inszeniert hat, ganz auf die Spezialbegabungen seines mopsfidelen All-Star-Ensembles gesetzt. Wobei Benedikt Eichhorn, den man sonst als vermucksten Pianisten von Thomas Pigor kennt, in der Rolle des Mond-Imperialisten Steppke überraschend raumfüllend agiert. Gesanglich und darstellerisch sind ihm die sonst als Geschwister Pfister bekannten Solisten aber deutlich über: Andreja „Fräulein“ Schneider gibt Frau Luna, die glamourös-laszive Herrin des Mondes, die den kreuzbraven Steppke verführen will. Christoph Marti legt eine kernige Pusebach-Fregatte hin. Und Tobias Bonn, der beste Sänger des Abends, feiert als gravitätischer Mond-Haushofmeister Theophil gewissermaßen die Wiederaufnahme seines Peter-Alexander-Programms. Flankiert wird er von der rührenden Wuchtbrumme Anna Mateur, Gustav Peter Wöhler als mauligem Prinz Sternschnuppe und Cora Frost, die in der Rolle der Göttin Venus ein hübsch schusselig-frivoles „Glühwürmchen-Idyll“ singt.

Dass auch ihr Pianist Gert Thumser als Gott Mars und Ades Zabel als Edith Schröder, äh, pardon, als Mondgroom dabei sind, ist weniger künstlerisch zwingend, als wohl der Idee geschuldet, queere Kultgrößen zusammenzubringen. Die Ernsthaftigkeit und Selbstironie mit der das Ensemble daran geht, den ollen Lincke abzustauben, verhindert beim Zuschauer jedenfalls zweierlei: Langeweile durch wohlfeiles Denunzieren und Überdruss durch Icke-Lokalpatriotismus. Dass sich Letzteres nicht einstellt, liegt auch am konsequenten Offbeat-Klatschen der Solisten und Tänzerinnen, das das Tschingderassabum der „Berliner Luft“ konterkariert.

Marschieren ist aus der Mode gekommen

Musikalisch bleibt die „Luna“ aber zu konservativ. Johannes Roloff hat Linckes Potpourri aus Mitschunkel-Walzern und Mitklatsch-Märschen schmissig und detailreich arrangiert. Doch die Tatsache, dass Marschieren hierzulande mit gutem Grund aus der Mode gekommen ist, hat ihn weniger interessiert. Hier fehlen Brüche, fehlen Farben.

Überhaupt ist „Frau Luna“ verglichen mit den beiden vorherigen, absolut stilbildenden Erfolgsproduktionen „Im weißen Rössl“ (1994) und „Cabaret“ (2004) ein deutlich eindimensionaleres Stück Musiktheater. Zumal Bernd Mottls Inszenierung durchgehend im überkandidelten Komödienton bleibt und kaum Pausen, kaum herzerwärmendes Sentiment kennt. Er liefert dafür den Beweis, dass „Frau Luna“ ein großer Spaß sein kann. Und das Tipi am Kanzleramt bestärkt in der ersten im Haus aufgeführten Eigenproduktion den Rang der beiden Spiegelzelte als Showbühnen, denen es gelingt, die Tugenden von U und E zu einer eigenen Kunstform zu verschmelzen. Mit Hochglanz, Trashflitter und allem Zipp und Zapp.

Tipi am Kanzleramt, bis 29. Januar, Di–Sa 20 Uhr, So 19 Uhr

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