Kultur : Frau Robinson

PANORAMA In der Romanverfilmung „Die Wand“ lebt Martina Gedeck unter Tieren.

von

Kann ein Film ohne Dialog geschwätzig sein? Er kann. In der Romanverfilmung „Die Wand“ gibt es nur anfangs einen kurzen Wortwechsel. Und doch sind es die vielen Worte, die am meisten stören. Dem Roman von Marlen Haushofer, ein Welterfolg, liegt eine reizvolle Idee zugrunde: Eine Frau (Martina Gedeck) fährt mit einem befreundeten Ehepaar ins Gebirge. Am nächsten Tag ist das Paar verschwunden. Als die Frau sich auf die Suche macht, stößt sie mitten in der Natur gegen ein Hindernis. Eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand muss sie, der letzte Mensch in ihrem Gehege, das Leben neu lernen.

„Die Wand“ ist eine klassische Robinsonade – in ungewöhnlicher Ausprägung. Denn diese Verschollene wehrt sich nicht. Sie wird nicht wahnsinnig. Sie hat nicht mal das Bedürfnis, ihr Revier auszumessen. Sondern sie duldet. „Der Mensch kann kein Tier werden. Er stürzt am Tier vorbei in den Abgrund“, schreibt sie in ihrem tagebuchartigen Bericht. Und doch ist es das, was aus ihr wird: ein Tier unter Tieren. Kein reißendes. Sondern eines, das seine Last trägt. Man hat diesen Roman daher oft als feministisch bezeichnet: das Matriarchat als pazifistische Utopie.

Doch diese Ziellosigkeit, die Abwesenheit eines drängendes Willens – das macht es noch schwerer, einen solchen Stoff zu verfilmen. Wenn man sich nicht auf Worte verlassen kann, um eine Geschichte voranzutreiben, auf Dialoge, um den Konflikt zu schüren, dann muss der Film ganz über Bild, Rhythmus und Schauspiel vorwärtskommen.

Es ist jederzeit zu spüren, dass Regisseur Julian Roman Pölsler und seine Mitstreiter, alle voran Martina Gedeck, dazu fähig sind. Vor allem in der ersten halben Stunde gibt es einige eindringliche Szenen. Danach, als die Frau allmählich in die Natur zurücksinkt und der Film eigentlich in eine Meditation übergehen müsste, gelingt es zwar nicht ganz, etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. Aber der Film verliert nie die Konzentration.

„Alles ist seinem Kontext enthoben und wirkt seltsam“, schreibt die Frau. Genau diesen Effekt bekommt Pölsler oft gut hin. Seine Bilder sind schön und wirken doch meist wie verschoben gegenüber dem, was man an Gebirgsromantik im Kopf hat. Die Sequenzen haben etwas Stehendes, der Welt Enthobenes, ohne künstlich zu wirken. Das ist kein Mangel, sondern etwas, das hätte forciert werden müssen.Leider fehlte dazu offenbar der Mut. Statt konsequent den Stoff ins Filmische zu übersetzen, ergießt sich fortlaufend ein Schwall von Worten über die Bilder: Martina Gedeck liest „Die Wand“ – ein Hörspiel mit szenischer Begleitung.

Stimmt schon: Diese Frau Robinson hat keinen Freitag, mit dem sie plaudernd die Erzählung kommentieren kann. Dass man aber nicht geschwätzig sein muss, um die Spannung zu halten, zeigt beispielsweise die erste Hälfte der Vampir- Apokalypse „I am Legend“ (2007), übrigens auch eine Literaturverfilmung. Schade. Es wäre mehr möglich gewesen. Sebastian Handke

18.2., 17.45 Uhr (Friedrichstadt-Palast)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben