• Friedrich Nietzsche: Drei neue Werkausgaben: Auch Fußnoten können einen Pferdefuß haben

Friedrich Nietzsche: Drei neue Werkausgaben : Auch Fußnoten können einen Pferdefuß haben

Zum 175. Geburtstag von Friedrich Nietzsche sollen gleich drei neue Werkausgaben erscheinen. Wozu eigentlich?, könnte man sich fragen.

Christian Niemeyer
Friedrich Nietzsche
Friedrich NietzscheFoto: dpa

Große Ereignisse, heißt es, werfen ihre Schatten voraus – auch im Fall von Friedrich Nietzsche. Zu seinem 175. Geburtstag am 15. Oktober 2019 sollen gleich drei neue Werkausgaben mit insgesamt 45 Bänden erscheinen. Wozu eigentlich, könnte man sich fragen. Ist nicht längst jede Zeile ediert und kommentiert und jede dunkle Stelle im Nachlass ausgeleuchtet? Im Prospekt der seit 2013 mit den ersten zwei Bänden auf dem Markt befindlichen und auf 20 Bände angelegten Basler Ausgabe im Frankfurter Stroemfeld Verlag wird der Grund genannt: „Es ist der Zeitpunkt gekommen, Nietzsches vollendetem Werk wieder das gebührende Gewicht zu geben, statt es zur Fußnote eines überwertigen Nachlasses werden zu lassen.“

Der tiefere Sinn dieses Vorgehens besteht offenbar darin, Nietzsche von seiner Indienstnahme durch die Nationalsozialisten zu befreien. Was seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche 1906 unter dem Titel „Der Wille zur Macht“ aus dem Nachlass ihres Bruders zusammenstellte, ist so fragwürdig wie Alfred Baeumlers bis weit in die siebziger Jahre ausgelegte Nachlasskompilation „Die Unschuld des Werdens“. Wer diese Editionen von vorne bis hinten durchliest und am Ende Nietzschefan ist, gehört entweder ins Gefängnis oder in die Psychiatrie. Kann dies aber ein Grund sein, den Nachlass – dass zumal Förster-Nietzsche skrupellos vorging, ist erwiesen – nun gar nicht mehr zu präsentieren?

Stroemfelds Faksimileedition, als Ausgabe letzter Hand annonciert, tut genau dies – ähnlich wie die in Karl Lagerfelds L.S.D. Verlag auf 19 Bände (ohne Ergänzungen und Kommentare) kalkulierte Edition im Vertrieb des Göttinger Steidl Verlags. Von ihr weiß man bisher vor allem aus einem ebendort erschienenen Gesprächsband des Herausgebers Rüdiger Schmidt-Grépály, der in „Zur Rückkehr des Autors“ Peter Sloterdijk, Bazon Brock und Renate Reschke zu ihrem Nietzsche-Bild befragt.

Wie soll der heutige Leser dieses "Zeug" aushalten?

Die erste Abteilung soll die handschriftlichen Druckmanuskripte faksimiliert in Originalgröße, gedruckt auf unterschiedlichen Schreibpapieren zeigen, so, wie sie Nietzsche verwendet hat. Die zweite Abteilung soll die Werke in der vom Philosophen autorisierten letzten Druckfassung wiedergeben. Schmidt-Grépály, Leiter des Weimarer Nietzsche-Kollegs, konkurriert bei Stroemfeld mit Ludger Lütkehaus als Herausgeber, zu dem sich außerdem David Marc Hoffmann gesellt.

Nur eine Edition liegt bereits vor. In guter Ausstattung und zu einem Preis von knapp 100 Euro offeriert der Hamburger Verlag Felix Meiner in seiner legendären Philosophischen Bibliothek „Philosophische Werke in sechs Bänden“, herausgegeben von Claus-Artur Scheier. Alle drei Projekte sind erkennbar an dem vor einigen Jahren von Andreas Urs Sommer unters Nietzsche-Volk gebrachten Slogan „Zurück zu Nietzsches Büchern!“ orientiert. Und doch fehlt ihnen das Einvernehmen selbst bei einfachsten Fragen: Welche Bücher? Mal (bei Scheier) fehlt „Also sprach Zarathustra“ komplett, mal (bei Schmidt-Grépály) nur der vierte Teil, mal (wiederum bei Scheier) „Der Antichrist“, nicht aber dessen Zwilling „Götzen-Dämmerung“, wohl aber „Ecce homo“.

Scheier gelten Nietzsches Vorreden von 1886 und die damit versehenen Bücher als heilig. Warum aber erinnert er sich nicht an jenen Brief an Heinrich Köselitz vom 31. Oktober 1886, in dem Nietzsche über seinen zeitweiligen Verleger schreibt: „Eben sendet Fritzsch die alten Bücher in ihren neuen sauberen Kleidern, und den ,Vorreden‘, welche sich wunderlich genug ausnehmen. Es scheint mir nachträglich ein Glück, dass ich weder Menschliches, Allzumenschliches noch die Geburt der Tragödie zu Händen hatte, als ich diese Vorreden schrieb: denn, unter uns gesagt, ich halte alles dies Zeug nicht mehr aus.“ Die Frage liegt auf der Hand, und sie hätte einer Antwort Scheiers bedurft: Warum soll der heutige Leser, wenn es schon nicht um wissenschaftliche Vollständigkeit geht, dieses „Zeug“ aushalten?

Immerhin verzichtet Claus-Artur Scheier auf die vier 1886 nicht mit neuen Vorreden versehenen „Unzeitgemässen Betrachtungen“ der Jahre 1873–76, insbesondere auf das fast unlesbare und von Nietzsche in zeitnaher Wertung nur mit Scham zur Kenntnis genommene erste Stück „David Strauß. Der Bekenner und der Schriftsteller“, während sowohl Lütkehaus wie Schmidt-Grépály alle vier Stücke in je eigenen Bänden präsentieren.

Als Nietzsche an seinem 44. Geburtstag, drei Monate vor seinem geistigen Zusammenbruch im Januar 1889, sich sein Leben unter dem Titel „Ecce homo“ zu erzählen begann, war er keineswegs in Topform, sondern zutiefst verbittert und willens, seine Schriften zu Meisterwerken zu erklären. Entsprechend kritisierbar ist Schmidt-Grépálys Annahme, man könne diese Autohagiografie als das „letzte Wort“ (Sloterdijk) Nietzsches heiligsprechen und als Editionsrichtlinie für das eigene Projekt in Dienst nehmen. Wer dies tut, nimmt Nietzsche dort wörtlich, wo es gilt, Skepsis zu zeigen – und neigt dazu, nicht ernst zu nehmen, was Nietzsche andernorts unter den Bedingungen geistiger Klarheit gesagt hatte.

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Im Frühjahr 1880 schrieb Nietzsche etwa: „Als ich jüngst den Versuch machte, meine älteren Schriften, die ich vergessen hatte, kennen zu lernen, erschrak ich über ein gemeinsames Merkmal derselben: sie sprechen die Sprache des Fanatismus – hässliche Anzeichen, um derentwegen ich diese Schriften zu Ende zu lesen nicht ausgehalten hätte, wäre der Verfasser mir nur etwas weniger näher bekannt gewesen.“

So Nietzsche im Nachlass. Zwei Seiten später blickt er auf ein kommendes Zeitalter, „welches wir das bunte nennen wollen und das viele Experimente des Lebens machen soll.“ Aus derlei Passagen, entnommen dem Nachlasskonvolut „L’Ombra di Venezia“, hätte man sich einen neuen Nietzsche schnitzen können, einen für die Hippies, die 68er, die Grünen – und vielleicht sogar einen für den einst rot bestirnten Stroemfeld Verlag.

Deshalb ein Wunsch: Vergesst die seit 1980 verfügbare gute alte Kritische Studienausgabe (KSA) nicht, die 15-bändige Taschenbuchausgabe von Giorgio Colli und Mazzino Montinari aus dem Hause dtv/de Gruyter. Sie bringt sechs Bände Werk, sieben Bände Nachlass, einen Band Kommentar sowie einen Band mit Chronik und Register, die wohl das Wichtigste an der ganzen Ausgabe ist. Und: Die KSA ist zitierfähig und verlässlich – auch wenn sie nicht den studentischen Wunsch nach Handlichkeit und Kürze befriedigt.

Wenn schon kürzen, dann wenigstens richtig, gemäß dem Ratschlag des Nietzsche-Herausgebers Karl Schlechta, der in den fünfziger Jahren die Schwester des Philosophen als Verfälscherin der Werke und Briefe ihres Bruders überführte und, entnervt auch von der Debatte um die Entnazifzierung Nietzsches, ausrief: „Es wäre an der Zeit, sich das Selbstverständnis des späteren Nietzsche zu eigen zu machen und das eigentliche Werk mit ‚Menschliches, Allzumenschliches‘ beginnen zu lassen.“

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