Kultur : Frisches Obst

... und gute Geschäfte: Die Frieze Art Fair und die Londoner Herbstauktionen

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Prunkstück. „Butterfly“ heißt die Neonskulptur von Daniel Firman in der Messe-Koje von Emmanuel Perrotin. Foto: AFP
Prunkstück. „Butterfly“ heißt die Neonskulptur von Daniel Firman in der Messe-Koje von Emmanuel Perrotin. Foto: AFPFoto: AFP

Kunst ist selten, was sie zu sein vorgibt – erst recht auf der Londoner Frieze Art Fair, dem globalen Umschlagsplatz für künstlerische Trends. Das funkelnagelneue, von Andreas Slominski an die Wand geschraubte Garagentor (Produzentengalerie Hamburg) ist natürlich kein Tor, sondern minimalistische Kunst – und zwei Stunden nach Beginn der VIP-Vorbesichtigung für 28 000 Euro verkauft.

Die frischen Mangos, die der indische Künstler Subodh Gupta am Stand von Hauser & Wirth in Pappkartons anbietet, sind aus bemalter Bronze. Ugo Rondinone, der bei Eva Presenhuber den ganzen Stand bespielt, hat sich für Mandarinen entschieden. Auch sie sind aus extraschwerer Bleibronze und kosten 40 000 Pfund. Die Handvoll Zitronen sind bereits verkauft. Und was ist mit der Gruppe spießiger Männer in kurzärmeligen Hemden (eine Anspielung auf die bevorzugte Kleidung von Starsammler Charles Saatchi?), die sich ängstlich in der Nähe von Hauser & Wirth zusammendrücken? Verlegen drücken sie sich an einem Tisch mit Pornoheften herum, der aber gar kein Tisch mit Pornoheften ist, sondern das Kunstwerk „Consumed by Desire“ von Christoph Büchel. Die peinlich berührte Männertruppe wurde von Annika Strom als Teil der Frieze Projects über die Messe geschickt. Ihre demonstrative Scham soll „die Darstellung von Frauen auf Kunstmessen“ spiegeln.

Es war schon immer eine Stärke der Frieze, dass sie parallel zum Partyrummel und Kunstmarkthype den (selbst-) ironischen Gegendiskurs pflegt: Simon Fujiwara, der am Stand der Mailänder Galerie Marconi spanischen Schinken an einen Torrerodegen gehängt hat, lässt von Archäologen das römische Kunstmarktzentrum freilegen, das unter dem Messezelt entdeckt wurde. Gleich am Eingang erklärt ein Führer einigen Kunstfreunden in vollem Ernst die historische Bedeutung dieser Ausgrabungen, eine vom Cartier-Kunstpreis gesponserte Fiktion.

Mit einem Wort: Die Frieze ist, wie sie immer war. Anregend, verrückt und ärgerlich. Sie wird von den Sammlern ernster genommen als von den Künstlern und hat die Krisen der letzten zwei Jahre abgeschüttelt. Die Kunst ist gut, die Stimmung noch besser, Händler sind zufrieden, die Besucher begeistert. „Da ist wieder richtig Sog drin“, freute sich Auktionator Simon de Pury beim Messespaziergang.

Als der Auktionator am Abend die Versteigerung seines Hauses startete, war die Stimmung auf Hochtouren. Einige Werke floppten. Man nimmt den Preisvergleich nun ernst und lässt sich nicht so schnell verführen. Am Nachmittag wurden auf der Frieze vier Metallskulpturen von Sterling Ruby verkauft. Das sprach sich schnell herum, und de Pury konnte am Abend ein gemaltes Riesenformat (2208) des Künstlers für 193 250 Pfund versteigern – ein Auktionsrekord. Da dauerte es nicht lange, bis auf dem Stand von Sprüth Magers ein kleineres Sprühwerk für 120 000 Dollar abgesetzt war. Keine andere Kunstmesse ist so eng mit dem Auktionsbetrieb verzahnt. Auch am nächsten Abend bei Christie’s funktionierte die Symbiose. Christie’s-Experte Francois Outred gab zu, dass der „unglaubliche Kitzel im Saal“ der Frieze zu verdanken war.

Auf der Messe war das teuerste Werk, eine große Wandvitrine mit toten Fischen und episch langem Titel von Damien Hirst, gleich zu Beginn für 3,5 Millionen Pfund verkauft, und Hirsts Hauptgalerist Jay Jopling setzte alles daran, die Meldung gleich auszustreuen. Das half, bei Christie’s die riskanteste Hirst-Versteigerung seit dem Markteinbruch zu realisieren: Ein fünf Meter breites Schmetterlingsbild wurde für 2,2 Mio. Pfund mit knapper Not einem Telefonbieter zugeschlagen, wenn auch weit unter der Schätzung.

Die Frieze ist keine Hochpreismesse, kein Konkurrent für Basel. Kunst der Arrivierten wird an den Knotenstellen der Messe angeboten: Die Galerie Werner verkaufte ein großes Rasterbild von Sigmar Polke für zwei Millionen Dollar, Zwirner bot ein Bild von Chris Ofili (1998) für 1,5 Millionen Dollar an und Marian Goodman zeigte Farbtafeln von Gerhard Richter (2007) für 200 000 Dollar. Wirklich freudig aber wird junge Kunst unter 50 000 Pfund gekauft. So hatten Contemporary Fine Arts große Vitrinen von Max Frisinger mitgebracht und beide für jeweils 35 000 Pfund verkauft. Bei Ursula Krinzinger konnte man eine Wandskulptur der Turner-Preis-Kandidatin Angela de la Cruz für 50 000 Euro haben. Unter den stark vertretenen Lateinamerikanern war die Galerie A Gentil Carioca, wo der brasilianischen Künstler Lourival Cuquinha eine aus Pfundscheinen genähte Fahne versteigern ließ. 42 Investoren hatten das Geld vorgestreckt und erhielten von den erzielten 16 000 Pfund eine Gewinnbeteiligung: Das „Jack Pound Financial Art Project“ zeigte schön, was für ein Wertschöpfungspotenzial die Kunst hat.

London bleibt Welt-Kunstmetropole. Die Galerien expandieren wieder. In der Saville Row hat Ivan Wirth mit einer großen Louise-Bourgeois-Ausstellung die dritte Hauser & Wirth-Galerie im Westend eröffnet – 1300 Quadratmeter feinste Ausstellungsfläche. Mögen die anderen von Krise sprechen und sparen – in der Kunst geht es aufwärts.

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