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Fritz J. Raddatz : "Freunde - das ist ein heikler Plural"

26.08.2011 17:55 Uhrvon , Kurt Röttgen
Fritz J. Raddatz zählt zu den großen Intellektuellen Deutschlands, federführend bei Verlagen in Ost wie West, bekannt als „Zeit“-Feuilletonchef und Buchautor – für Furore sorgten letztes Jahr seine „Tagebücher“. Nun folgen bei Rowohlt die „Tagebücher in Bildern“. Am 3. September wurde Raddatz 80 Jahre alt.Bild vergrößern
Fritz J. Raddatz zählt zu den großen Intellektuellen Deutschlands, federführend bei Verlagen in Ost wie West, bekannt als „Zeit“-Feuilletonchef und Buchautor – für Furore sorgten... - Foto: dpa

Grass, Rilke, Sartre... – Fritz J. Raddatz’ Leben ist mit so vielen Namen verbunden. Helmut Schmidt, Augstein und Reich-Ranicki kommen bei ihm ziemlich schlecht weg.

Herr Raddatz, Sie haben sich zum 70. Geburtstag einen Grabstein geschenkt. Was gibt’s jetzt zum 80.?

Ein Bild, ich bin ja ein Augenmensch. Der Maler ist tot, aber er gehört zur Klassischen Moderne. Mehr verrate ich nicht.

Die passende Grabstätte haben Sie schon mit 50 erworben, recht früh.

Ich war da in einer Phase der gewachsenen Melancholie und dachte, mein Gott, man kauft sich alles Mögliche, einen Eisschrank, ein Auto, vielleicht sogar ein Haus. Doch die Leute denken dabei nie an die letzte Wohnung. Und meine sollte unbedingt auf Sylt sein, meiner zweiten Heimat.

Es war gar nicht so einfach, weil der alte Friedhof in Keitum schon aufgelassen war, man konnte da nichts mehr erwerben.

Das war für Sie kein Hindernis …

… weil ich mit dem damaligen Pastor von Sankt Severin sehr befreundet war, dem verehrten Traugott Giesen, mit dem ich beim Rotwein wunderbare Streitgespräche über seinen lieben Gott geführt habe, der ja nicht mein lieber Gott ist. Er hat mich mit dem Chef der Friedhofsverwaltung verkuppelt, der zeigte mir eine Stelle zur Straße hin. Doch ich sagte ihm, hier ist es mir zu laut. Der nächste Platz war mir zu klein, man muss ja auch an seine Gäste denken. Den dritten habe ich genommen. Ein stiller, beschaulicher Ort mit alten Hecken und verfallenen Mäuerchen. Und, das Wichtigste, mit Blick aufs Watt.

Bekommen Sie nette Nachbarn?

Darauf habe ich in dem Moment gar nicht geachtet, aber ich kann nicht klagen. Ich werde vis-à-vis von Peter Suhrkamp und dem großen Kunsttheoretiker Ferdinand Avenarius liegen. Jetzt haben wir aber genug übers Grab geredet, noch lebe ich ja.

Sie sind vielfach porträtiert worden, Ihre zahlreichen Bücher wurden von allen großen Blättern rezensiert. Dabei nannte Sie der Tagesspiegel „Charmekatapult und Giftspritze“, für die „FAZ“ sind Sie „der Porsche unter den Epikern“, die „Süddeutsche“ sieht „ein leicht verwahrlostes Wesen von großen Talenten“, und die „Zeit“ alliteriert: „Genie, Geck, Galan.“ Wo erkennen Sie sich wieder?

Alles akzeptiert. Ich würde keiner dieser Charakterisierungen widersprechen. Nur die Anspielung mit dem Porsche ist albern, weil ich seit Jahrzehnten keinen mehr fahre. Es hat niemand über die Dönhoff gesagt, sie sei der Porsche der Hamburger Presse, obwohl sie noch als alte Dame Porsche fuhr.

Vergangenes Jahr haben Ihre „Tagebücher 1982–2001“ viel Aufsehen erregt. Die ehemalige „Zeit“-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff ist da als „dumme Herrenreiterin“ oder „Inge Meysel des Journalismus“ verewigt. Ihre Kritiker meinen, das seien Revanchefouls für Ihre Ablösung als Feuilletonchef im Jahr 1985.

Der Rauswurf hat mich sehr gekränkt. Und besonders gekränkt hat mich die Verhaltensweise der Dönhoff, ich fand das denunziatorisch, deutsch-typisch. Sie hat auf Seite 1 eine Glosse gegen mich geschrieben, statt sich, wie sich das gehört, vor einen angegriffenen Mitarbeiter zu stellen.

Dönhoff hat Ihnen „Schludrigkeit“ im Umgang mit Fakten vorgehalten. Sie hatten ein falsches Goethe-Zitat verwendet.

Den Fehler habe ich zugegeben, davor habe ich mich nie gedrückt. Ich habe aber nicht den Warschauer Aufstand mit dem Ghetto-Aufstand verwechselt, um ein Beispiel aus der Dönhoff’schen Fehlerschatulle zu geben. Besonders grauenvoll fand ich, dass sie mir das Manuskript der Glosse vor der Veröffentlichung durch einen Fahrer schickte, mit einem Brief: „Ich habe es ja so ungerne geschrieben, aber ich musste es tun.“ Das finde ich am Rande des alltäglichen Faschismus. Wieso musste sie? Wer hat sie gezwungen? Niemand.

„Zeit“-Herausgeber Helmut Schmidt nennen Sie einen „vollmundigen Banausen“. Warum dieser Ton?

Schmidt ist eine ganz andere Kategorie. Ich nehme ihm übel, dass er uns die Ohren vollsalbadert mit allem – wie der Euro gerettet wird und was er von Marlene Dietrich hält und wie es mit Giscard d’Estaing war und so weiter. Ich kenne nur keine Begründung von ihm, wieso er Oberleutnant in Hitlers Wehrmacht war. Für die Laufbahn als Offizier musste man sich freiwillig melden. Ich habe das recherchiert in einem militärhistorischen Institut. Womöglich wollte er sogar General werden, sagt aber heute, weil das so populär ist, im Taxifahrerdeutsch: Krieg ist Scheiße. Er hat doch in dieser Scheiße ganz schön mitgerührt, im Ostfeldzug. Hat er je gesagt, ich habe da einen dicken Fehler gemacht? Ich erinnere mich nicht. Also würde ich gerne wissen, wie er sich fühlte, als er den Eid ablegte auf den Führer …

… deshalb war Helmut Schmidt doch noch lange kein Nazi. Jeder Soldat der Wehrmacht musste ab 1934 auf Hitler schwören.

Ich rede nicht von Nazi. Ich rede vom Raubkrieg gegen die Sowjetunion und davon, dass einer freiwillig Führungskraft der Nazi-Armee wurde. Die Eidesformel lautete: „Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“ Ich möchte vom früheren Bundeskanzler nur wissen, wie war ihm da zumute? Wie lange fühlte er sich an diesen Eid gebunden? Das interessiert mich, nicht seine Meinung über Marlene Dietrich.

Sie waren bei Ende des Krieges 14 Jahre alt. Träumen Sie noch von den Berliner Bombennächten? In der Friedrichstraße wären Sie fast verbrannt.

Sobald auf der Welt etwas Fürchterliches geschieht, in Afghanistan, im Sudan oder kürzlich in Norwegen, kommen die Angstträume. Ich bin dann wie ein Moor, in dem Blasen aufsteigen.

Wenn man Ihre Aufzeichnungen liest, Herr Raddatz, dann sind im Literaturbetrieb Neid, Intrigen, Eitelkeit und Verrat weit verbreitet.
Jeder ist sein eigenes Sonnensystem. Manche können ihren Narzissmus etwas zähmen oder kaschieren, nicht jeder ist so unerträglich wie Hans Mayer …

… den Sie als wahres Ego-Monster schildern. Der Tübinger Literaturwissenschaftler habe Ihnen stundenlang erzählt, wo er zuletzt geredet und wen Bedeutendes er getroffen habe, um dann zu sagen: „Und nun zu Ihnen, haben Sie mein neues Buch gelesen?“

So habe ich, nur als Beispiel, Martin Walser nie erlebt.

Er ist bescheiden?

So würde ich es nicht nennen, er hat ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Aber er hat sich nie öffentlich selber gestreichelt.

Was Raddatz über Günter Grass denkt und warum Literaten Mimosen sind, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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