Kultur : Fünf Chinesen mit dem Kontrabass Uli Gaulkes Doku über eine Band in Schanghai

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Wie der Jazz nach China kam und wie er die Kulturrevolution überlebte – das zu erzählen, ist mehr als eine gute Idee. Es bietet die Gelegenheit, ein ganzes Universum erstehen zu lassen, in dem alte und neue Werte exemplarisch – und exotisch – miteinander ringen. Wenn dann noch fünf liebenswerte alte Herren, die Mitglieder der Peace Old Jazz Band, zur Verfügung stehen, die seit 1980 im Schanghaier Peace Hotel zum allabendlichen Tanz für Touristen aufspielen und zusammen mehr als 350 Jahre Lebenserfahrung mitbringen, kann jeder Dokumentarist nur jubilieren.

Uli Gaulkes Film „As Time Goes By in Shanghai“ aber bleibt bei der bildmächtigen Illustration des schieren Vorhabens stehen. Pianist Jingyu Zhang, 73, Kontrabassist Mingkang Li, 77, Tenorsaxofonist Jibin Sun, 80, Altsaxofonist Honglin Gao, 71, Trompeter Mengqiang Lu, 53, und Drummer Zhengzhen Bao, 93: Sie alle wollen bis auf bittere Andeutungen nicht über die Konflikte mit Maos Regime sprechen. Die Vergangenheit soll ruhen. Kein Archivmaterial sekundiert ihrem Schweigen.

Vielleicht liegt die Zurückhaltung der Musiker aber auch an einer kulturellen und sprachlichen Fremdheit, die kein Dolmetscher aufheben kann: Sie hätte ganz andere Durchdringungskräfte gefordert. So begegnet man den Oldtime-Jazzern, heroisch einsam und sichtlich aus der Zeit gefallen, in den Kulissen einer chromglänzenden, in babylonische Höhen wachsenden Megalopolis, über deren zeitgenössische Verschlingungsmacht man ebenso wenig erfährt. Oder man hört zu, wie sie im Kreis ihrer Familien den lebenswerkkrönenden Auftritt beim Rotterdamer North Sea Jazz Festival verkünden: Jedes einzelne dieser Gespräche ist drehbuchgemäß nachinszeniert.

Schließlich die Musik. Dilettantismus kann rührend sein. Die instrumentalen Fähigkeiten der Peace Old Jazz Band aber sind bloß erbärmlich – auch weil Gaulke sie in kein bewusstes Verhältnis zu den Talenten junger chinesischer Musiker setzt. Sie sind, wie nebenbei zu hören ist, längst in der westlichen und östlichen Tonsprache versiert. Hier siegt allenfalls ein Bad-taste-Vergnügen: Wer sich schon immer vor Glenn Millers „In the Mood“ gefürchtet hat – in dieser Version kommt einem das Grausen. Gregor Dotzauer

In Berlin im Eiszeit, Hackesche Höfe, Moviemento und in der Kulturbrauerei

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