Kultur : Ganz normal verrückt

„Die Kunst, sich die Schuhe zu binden“.

von

Es gab mal, in der DDR, ein „Jahr der Behinderten“. Jeder Monat wurde einer Behinderung gewidmet, es ging um Verständnis und Normalität. Es gab Plakate, eins davon hat weniger Verständnis als Belustigung hervorgerufen: „Gehirngeschädigt. Kennst Du das Problem?“

Die Formulierung war wohl missverständlich, besonders in einem Land, das vollgepflastert war mit den idiotischsten Losungen. Aber was ist eigentlich so lustig an der Kenntnis der Probleme, die mit Hirnschäden einhergehen? Warum meiden wir den Umgang mit dem vermeintlich Anormalen? Wir haben Angst, so betrachtet zu werden, wie wir sie betrachten. Wir haben Angst vor unserem eigenen Blick.

Das Hinsehen zu lernen, geht am besten wohl mit Humor und Unterhaltung. Insofern ist „Die Kunst, sich die Schuhe zu binden“ ein guter Film. Seit acht Jahren lernen sechs Menschen mit unterschiedlichen geistigen Behinderungen, wie man die Schuhe zubindet, und sie sind überfordert. Eine seltsam gesellschaftliche Mühsal, schließlich gibt es seit Jahrzehnten Klettverschlüsse. Da macht Singen doch viel mehr Spaß, Singen vor Publikum. Wie wäre es mit einem großen Auftritt?

Die sechs Schauspieler müssen ihre Behinderung nicht spielen, sie haben sie, und sie sind grandios. Ähnlich wie das Berliner Theater Rambazamba gibt es in Schweden das Glada Hudik-Theater, in dem Behinderte auftreten. Von dort kommen sie. Es sind schöne Menschen, die sich manchmal dämlich anstellen, aber wer tut das nicht?

Auch der Film tut’s. Die erste halbe Stunde wird einer Vorgeschichte gewidmet, die recht egal ist, dann geht es langsam zur Sache, und in der letzten halben Stunde werden lauter Dinge behauptet, für deren Erzählung keine Zeit bleibt. Wie bekommt Filippa mit der Sozialphobie es hin, locker vorm Publikum zu stehen? Wie kommen die sechs, die zunächst so wenig können, ganz alleine nach Stockholm?

Egal. In Schweden stand „Die Kunst, die Schuhe zu binden“ drei Wochen lang ganz oben: 400 000 Besucher in einem Acht-Millionen-Menschen-Land. Die Schauspieler mit ihren Behinderungen sind so gut, dass es ganz egal ist, was die behinderungslosen Filmemacher falsch machen. Die Botschaft – Tu, was du gut kannst und pfeife auf die Erwartungen – mag nicht besonders originell sein. Der Blick auf die Helden aber, der ist schön und leider selten. David Ensikat

Cinemaxx, Filmkunst 66, Sputnik Südstern, Tilsiter-Lichtspiele

0 Kommentare

Neuester Kommentar