Kultur : Generation Hausfrau

„Was bleibt“ erzählt mit größter Genauigkeit. Das ist die Stärke dieses Films – und sein Problem.

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Hinkt dieser Film nicht vom ersten Augenblick an, oder wenigstens vom zweiten? „Was bleibt“ von Hans-Christian Schmid und „Barbara“ von Christian Petzold waren zwei deutsche Wettbewerbsbeiträge auf der diesjährigen Berlinale. Zwei kleine, intime Geschichten aus der deutschen Provinz von gestern, einmal der ostdeutschen, einmal der westdeutschen, und doch: Kein größerer Gegensatz schien denkbar. Während Petzold, dessen Film jetzt ins Oscarrennen geht, sich mehr denn je als Virtuose der Allmählichkeiten, der Übergänge zeigte, seine Hell- und Schwarzsichtigkeiten, seine Kunst zu schweigen, uns gleichsam durch den Film zu tragen schienen, war bei Schmid alles anders: Hier trug nichts. Wir sehen, was passieren kann, wenn ein erwachsener Sohn namens Marko (Lars Eidinger) mal übers Wochenende nach Hause fährt. Von Berlin-Mitte in den tiefsten Westen.

Vielleicht nervt es schon, dass die Kinder hier ihre Eltern grundsätzlich mit Vornamen ansprechen, reizt diese Kumpanei-Illusion von Elternschaft? Und der Familienvater (Ernst Stötzner), ein erfolgreicher Verleger, gebraucht Schreckensvokabeln wie „Schnarchnasen“, als ob es für einen Mann der Bücher nichts Selbstverständlicheres zu äußern gäbe. Bei Handlungsbeginn hat er gerade mit Gewinn seinen Verlag verkauft und gedenkt nun sein lang geplantes Buch über „Schreibstrategien bei den Assyrern und Sumerern“ zu beginnen. Ist das Comedy oder Ernst, Unvermögen oder Absicht? Aber Unvermögen bei Schmid, dem Regisseur von „Requiem“ und „Lichter“, kann das sein?

Vielleicht gibt es einen Punkt, an dem größtmögliche Genauigkeit und das peinliche Klischee beinahe zusammenfallen, fast unverwechselbar werden. Und wer wird schon durch sein Leben getragen? Man geht nicht einmal aufrecht hindurch. Heißt Leben nicht fortwährend vorwärtsstolpern, hinfallen, wieder aufstehen? Vielleicht ist Schmid nur Realist. „Was bleibt“ nach dem Drehbuch von Bernd Lange ist ein sehr persönlicher Film, eine Hommage an die Frauengeneration seiner Mutter, der Zuhausegebliebenen also.

Bei einer Hausfrau muss man nicht einmal über die Fortbewegungsarten durchs Leben streiten, ob sie nun schreitet, läuft oder hinkt – eine Hausfrau geht nirgendwo hin, sie ist ja immer schon am Ziel: zu Hause. Es gibt unzumutbarere Orte als diesen großbürgerlichen Bungalow in Waldrandlage tief im Westen. Was für ein Vollkomfort-Gefängnis. Aber das täuscht. Denn Gitte (Corinna Harfouch), Gattin des Verlegers, lebt in Wahrheit viel beengter. Tief eingeschlossen zwischen den Wänden ihres eigenen Ich, in einer dreißigjährigen Dauerdepression. Depressionen sind Ausdehnungskrisen.

Seit dreißig Jahren nimmt sie Psychopharmaka, um ein wenig mehr Luft zu bekommen. Keine schlechte Idee, die Gitte mit Corinna Harfouch zu besetzen, einer Schauspielerin, die strukturell unfähig ist, sich im Hintergrund zu halten, in der zweiten Reihe zu stehen. Abgesehen davon, dass sie, geboren im tiefsten Thüringen, solchen Frauen wie Gitte kaum begegnet sein dürfte. Vielleicht waren die deutsch-deutschen Wirklichkeiten der jüngeren Vergangenheit nirgends unterschiedlicher als in diesem Punkt. Verständnis hindert das nicht.

Auch geht es hier gar nicht um Gitte. Es ist in Schmids Film genau wie im wirklichen Leben. Um eine Mutter und Hausfrau geht es nur, insofern es gerade nicht um sie geht. Dennoch kann man kaum zentraler beiseitestehen als Gitte in „Was bleibt“, denn was sie getan hat und beim gemeinsamen Familienwochenende verkündet, erschreckt alle, ihren Mann wie ihre beiden erwachsenen Söhne gleichermaßen: Sie hat ihre Tabletten abgesetzt. Die bange Frage steht gut lesbar in den entgeisterten Gesichtern: Knallt sie nun vollends durch?

Und hat sie eigentlich ein Recht, ihren Söhnen und ihrem Mann „das“ anzutun, ihnen, die sie ein Leben lang geschont haben? Welche Mühe gibt sich Marko doch gerade, seiner Mutter zu verbergen, dass seine kleine Berliner Familie schon gar nicht mehr existiert. Gitte muss geschont werden, so war das immer. Deshalb ist es auch keinesfalls gut, wenn sie weiß, dass ihr Mann eine Freundin hat. Gitte muss geschont werden! Aber wenn sie zur Schonungslosigkeit übergehen will – bitte, er kann das auch.

Es gibt sie, die Scheinformen der Wirklichkeit. Alles scheint sich genau andersherum zu verhalten, als es in Wahrheit ist. Die bürgerliche Familie ist der bevorzugte Ort solcher optischen Verkehrungen, noch immer. Und nie werden wir sie ganz zurücklassen können: es gibt keine Familie ohne Opfer, ohne Selbstbeschränkung. „Was bleibt“ ist eine Zumutung, man glaubt diesem Film und glaubt ihm nicht. Sollte das seine spezifische Wahrhaftigkeit ausmachen? Das Nicht-Drama einer ganz gewöhnlichen, etwas besserverdienenden Familie. Kerstin Decker

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