Kultur : Gewonnene Liebesmüh

Paarungen: Carola Sterns Doppelbiografie über Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe

Günther Grack

„Wollen Sie meine Frau werden?“ Frühjahr 1936, Gustaf Gründgens, der Intendant des Preußischen Staatstheaters, hat die junge Schauspielerin Marianne Hoppe zu einer Fahrt mit seinem neuen Auto an die Havel eingeladen. Am Ende des Ausflugs überfällt er sie mit dem Antrag, auf den sie schlicht antwortet: „Ja.“ Wenige Wochen später, am 20. Juni, folgt die standesamtliche Trauung; darauf geht’s hinaus auf das von Gründgens kürzlich erworbene Landgut Zeesen hinter Königs Wusterhausen.

Vor dem Essen nimmt die Braut ein Bad im See, nach dem Essen hält der Bräutigam seinen Nachmittagsschlaf, um Kraft zu sammeln für einen abendlichen Auftritt als Hamlet am Gendarmenmarkt. Draußen auf dem Land hat Marianne schon mal Zeit, sich mit seinem Hochzeitsgeschenk zu beschäftigen: einem selbst verfassten Drehbuchentwurf für die Verfilmung von Fontanes „Effi Briest“. Dies wird eine Ehe sein, in der die Arbeit, für beide, Vorrang vor allem anderen hat, gleichwohl, so Hoppe rückblickend, „eine richtige, gute Ehe ...“

Und dennoch, keine Biografie kommt darum herum, auch den Berliner Volksmund zu zitieren, der dem prominenten Paar die spöttischen Verse gewidmet hat: „Hoppe Hoppe Gründgens, / die kriegen keine Kindgens, / und wenn die Hoppe Kindgens kriegt, / dann sind sie nicht von Gründgens.“ Welche Kodderschnauze mag diese Verse ausgespuckt haben? Carola Stern, so viel Quellenstudium sie für ihr Buch auch betrieben hat, ist hier offenbar nicht fündig geworden. Dabei hätte sie nach dem Tod Marianne Hoppes am 23. Oktober 2002 keinen Anlass mehr, Rücksicht auf persönliche Empfindlichkeit zu nehmen. So deutet sie zum Beispiel an, Hoppe sei für Gründgens’ Heiratswunsch zweite Wahl gewesen: Pamela Wedekind, die Jugendfreundin, im März 1936 seine Begleitung auf einer Sizilienreise, habe seinen Antrag abgelehnt und stattdessen Marianne Hoppe vorgeschlagen. „Das hat sie ihrem Sohn, Anatol Regnier, erzählt“ – der es in seiner 2003 erschienenen Familienbiografie „Du auf Deinem höchsten Dach – Tilly Wedekind und ihre Töchter“ weiter erzählt.

Ob nun erste oder zweite Wahl: Carola Stern hat für ihr Porträt des Paares Material gesammelt, das unzweifelhaft bezeugt, welch tiefe Zuneigung die Partner verbunden hat, auch über ihre zehnjährige Ehe hinaus, auch unabhängig von deren schicksalhaft politisch bedingter Motivation. Denn fraglos war die Ehe für Gründgens nicht nur erstrebenswert aus dem Bedürfnis nach menschlich-weiblicher Nähe, sie war für den Theatermann auf dem steilen Weg nach oben zum Gipfel des deutschen Theaters zugleich ein Schutzschild gegen Anfeindung und Verfolgung der Homosexuellen durch das Nazi-Regime.

Wie prekär die Situation für Gründgens gerade 1936, im Jahr seiner Eheschließung, war, zeigt Carola Stern gleichsam am Angelpunkt jener Hamlet-Rolle, die ihn selbst am Abend seines Hochzeitstages in Anspruch nahm. Lothar Müthels Inszenierung, mit Käthe Gold als Ophelia, Walter Franck und Hermine Körner als König und Königin, hatte am 21. Januar im Schauspielhaus ihre umjubelte Premiere: „die Tragödie eines Intellektuellen inmitten einer grausamen Gesellschaft und eines verbrecherischen Staates“, wie sich Marcel Reich-Ranicki in seinen Memoiren erinnert.

Von der Presse wie vom Publikum positiv aufgenommen, folgt auf die stets ausverkaufte Vorstellungsserie am 3.Mai im NS-Parteiblatt „Völkischer Beobachter“ ein Angriff auf Gründgens’ „grundfalsche“ Interpretation des Dänenprinzen als eines „genialisch-geschwätzigen Schwächlings“ anstatt eines Helden „reinsten nordischen Blutes und Geistes“. Dieser Darsteller gefalle sich „mit dekadent-morbider Eitelkeit in der Nachfolge Oscar Wildes und seines Gentlemanverbrechers Dorian Gray“. Gründgens, schockiert angesichts der Gefahr, wie der schwule Dichter im Gefängnis zu landen, wagt einen riskanten Schritt zur Klärung seiner Lage durch seinen obersten Dienstherrn Hermann Göring: Er reicht ein Rücktrittsgesuch ein – und wird abschlägig beschieden, ja sogar zum Preußischen Staatsrat ernannt. Der Bonze lässt seinen Günstling wissen: „Staatsräte können nur mit meiner persönlichen Einwilligung verhaftet werden.“ Anders ausgedrückt: Wer schwul ist, bestimme ich.

„Auf den Wassern des Lebens“ zu zweit schwimmen: Der Haupttitel dieser Doppelbiografie ist einer „Ode an Zeesen“ entnommen, die Klabund 1926 bei einem Sommeraufenthalt dort auf sich und seine Frau Carola Neher gemünzt hat. Freilich, auch Gründgens und Hoppe haben am Wasser jenes Sees nicht auf ewig gebaut. Nach der Bombardierung ihres gemeinsamen Berliner Wohnsitzes, des Gartenhauses im Schlosspark Bellevue, bezogen sie getrennte Wohnungen, jeder mit einem anderen Partner, er mit einem Freund, sie mit einer Freundin. „Die Liebe zum jeweils eigenen Geschlecht erweist sich als stärker als die Bisexualität“, resümiert Carola Stern.

Dem wechselnden Verlauf ihrer Lebenslinien entsprechend, gerät mal der eine, mal die andere ins Scheinwerferlicht der Biografin, mal alle beide auf Höhepunkten gemeinsamer Arbeit: so 1937 bei Lessings „Emilia Galotti“ mit Hoppe in der Titelrolle und Gründgens als Regisseur, so 1938 bei Gründgens’ FontaneVerfilmung „Ein Schritt vom Wege“ mit Hoppe als Effi Briest, so 1947 in Düsseldorf bei Sartres „Die Fliegen“ in Gründgens’ Inszenierung mit ihm selbst als Orest und Hoppe als Elektra.

Die Ehe war damals seit einem Jahr einvernehmlich geschieden, nachdem Hoppe am 5. Mai 1946 ein Kind von einem anderen Mann bekommen hatte: ihren Sohn Benedikt aus einer Begegnung mit dem englischen Journalisten Ralph Izzard, einem ehemaligen Berlin-Korrespondenten und gemeinsamen Freund des Ehepaares aus der Vorkriegszeit. In der Nacht zum 7. Oktober 1963 ist Gründgens auf einer Weltreise in Manila gestorben. Fast 40 Jahre hat „Janni“, Marianne, ihren „Juste“, Gustaf, überlebt. In postumem Gedenken zu seinem 85. Geburtstag hat sie ihm für ihre Verbindung, „als das größte Geschenk meines Lebens“, gedankt. Ein Bekenntnis, das Carola Stern durch die Fülle und Eindringlichkeit ihrer biografischen Darstellung anrührend beglaubigt.

Carola Stern: Auf den Wassern des Lebens. Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 300 Seiten. 19,90 Euro.

Die Autorin liest aus ihrem Buch am Sonntag, 4. September, 11 Uhr, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin.

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