Kultur : Gott und die Welt ...

... und das Ich dazu: Emilio Estevez’ Pilgerfilm „Dein Weg“.

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Foto: dpa

Wer hätte gedacht, dass das Pilgern noch einmal zur Massensportart wird, so populär, dass wir längst ein neues Genre im Kino begrüßen dürfen: den Pilgerfilm? Und dass sogar Amerikaner sich auf den Jakobsweg machen, beweist „Dein Weg“. Wobei sie wohl oder übel auf das europäische Wallfahrtswegenetz zurückgreifen müssen – schon weil die protestantischen Sekten das Pilgerwesen bei der Besiedlung der Neuen Welt ungenügend berücksichtigt haben, und die Katholiken zeigten nun einmal nicht das gleiche Ausreisetemperament. Vielleicht war das auch gut so, denn auf Indianerüberfälle war das Pilgerwesen nie so recht vorbereitet. Auf miserables Wetter aber auch nicht, wie „Dein Weg“ von Emilio Estevez beweist.

Daniel Avery, Sohn des erfolgreichen kalifornischen Augenarztes Tom Avery, fliegt um die halbe Welt, um unter großen Entbehrungen durch halb Spanien laufen zu dürfen. Und dann ist schon zu Beginn alles vorbei. Blitzschlag und Tod. Spricht dieses Ende eines Pilgers nicht gegen das Pilgern? Doch schon reist der Vater an, dessen protestantisch verschlossene Miene sich aus naheliegenden Gründen noch mehr umdüstert. Er muss die Urne seines Sohnes abholen.

„Man entscheidet sich nicht für ein Leben, man lebt eins“, hatte sein Junge gesagt. Vielleicht entscheidet man sich auch nicht für einen Weg, sondern man geht ihn. Vielleicht ist der Vater und Tatmensch Tom Avery immer noch gegen diese Maxime, als er schon aufbricht, mit Rucksack und Karte seines Sohnes. Und mit seiner Urne. Zumindest sieht Martin Sheen („Apocalypse Now“) sehr widerstrebend aus. Nebenbei: Er ist der Vater des Regisseurs, muss also machen, was dieser sagt.

Hinzu kommt, dass der Pilger wider Willen nicht der einzige ist auf dem Jakobsweg. Denn das Pilgern ließe sich ja noch ertragen, wären da nicht die anderen Pilger. Da ist etwa dieser laute Holländer, ein Mensch von geradezu bestürzender seelischer Robustheit. Hat der Mensch denn kein Problem, fehlt ihm damit also das Ur-Motiv jeglichen Pilgerns? Gut, ein Gewichtsproblem, immerhin. Aber geht man etwa zum Abnehmen auf den Jakobsweg? Und was ist mit der misanthropischen kanadischen Kettenraucherin, der Avery bald begegnet? Statt an den Herrn denkt sie immerzu an ihre letzte Zigarette. Die will sie bei Ankunft rauchen, weshalb sie die Tage zuvor unter Volldampf verbringt.

Der Unterschied zwischen einem herkömmlichen und den meisten zeitgenössischen Pilgern ist wohl dieser: Die früheren pilgerten zu Gott, die heutigen pilgern meist zu sich selbst. Der arrogante irische Sachbuchautor, der sich dem Trio bald anschließt, will jedoch weder zu sich noch zu Gott, sondern lediglich ein neues Buch schreiben. Über solche wie den Augenarzt, der an jeder Wegmarke heimlich die Asche seines Sohnes verstreut. Das alles ist nicht unwitzig, es ist auch gebührend ernst, denunziert keines von den beiden Hauptpilgerzielen – und wer sagt denn, dass Gott und Ich zwei verschiedene sind? Dennoch bleibt man hier, was auf dem Jakobsweg selbst unmöglich sein sollte: bloß Zuschauer, seltsam unbeteiligt.

In zehn Kinos; OmU in den Hackeschen Höfen und im Babylon Kreuzberg

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