Grass' Stasi-Akte : Ein enges Feld

Auf Schritt und Tritt: Kai Schlüters Dokumentationsbuch über Günter Grass im Visier der Stasi.

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Hermann Kant wusste im Juli 1961 sehr genau, wie er den berühmten westdeutschen Schriftstellerkollegen Günter Grass einzuschätzen hatte. „Grass ist ein Mensch ohne jede feste politische Einstellung und Haltung“, teilte er seinem Führungsoffizier der DDR-Staatssicherheit mit. „Er schießt praktisch nach beiden Seiten und kommt sich dabei sehr imposant vor. Er möchte immer als ein Freiheitsapostel erscheinen. Er tritt gelegentlich auch in derselben Form wie bei uns gegen Adenauer auf, während er Tage später wieder vollkommen auf dessen Linie einschwenkt. (...)“

Das klingt, als hätte sich die Stasi keine großen Sorgen zu machen brauchen. Als sei Grass ein wankelmütiger Wichtigtuer gewesen, aber kein ernst zu nehmender Schriftsteller, der die DDR und ihr ganz spezielles demokratisches Selbstverständnis in den Grundfesten zu erschüttern vermochte. Doch ein paar Wochen später, nachdem Grass zwei Offene Briefe an den DDR-Schriftstellerverband geschrieben und darin den Bau der Mauer angeprangert hatte, stellt sich die Situation anders dar. Für DDR-Staatsführung und Stasi ist die politische Haltung von Grass auf einmal eine sehr eindeutige, nämlich stramm antikommunistische. Er wird unter intensive Beobachtung gestellt, die sich über fast dreißig Jahre erstrecken sollte, bis zum Fall der Mauer.

Wie umfangreich Grass observiert, wie sehr jeder seiner DDR-Besuche auf Schritt und Tritt verfolgt, wie viel Richtiges, Falsches, Tendenziöses und Nebensächliches in den Stasi-Berichten zu seiner Person und seinen politischen Einstellungen gesammelt wurde, das alles steht jetzt in einem äußerst lesenswerten Buch des Germanisten und Journalisten Kai Schlüter: „Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte“. In enger Zusammenarbeit mit dem Literaturnobelpreisträger hat Schlüter dessen rund 700 Seiten fassende Akte ausgewertet (wobei der Name Grass oder sein Stasi-Deckname „Bolzen“ außerdem noch auf weiteren 1500 Seiten aufgeführt ist) und davon 109 Dokumente veröffentlicht, zeitlich und thematisch in fünf große Blöcke geordnet: von den ersten Geheimdienstnotizen, die sich auf Grass’ frühe Proteste gegen Zensur, Mauerbau und DDR-Geschichtsfälschung beziehen, bis zu seinem Besuch im Sommer 1989 auf Rügen und Hiddensee, von wo Grass’ Frau Ute stammt.

Kai Schlüter versteht sein Buch als „Lesebuch“, nicht als wissenschaftliche Edition von historischem Archivmaterial. Deshalb hat er die Stasi-Dokumente durch Kommentare und Dokumente von Zeitzeugen ergänzt: von Grass selbst natürlich, aber auch von Schriftstellern wie Hans-Joachim Schädlich (dessen Bruder Karlheinz als IM „Schäfer“ Grass jahrelang bespitzelte, und der sich 2007 das Leben nahm), Bettina Wegner, HansChristoph Buch, B. K. Tragelehn oder Susanne Schädlich, der Tochter von HansJoachim Schädlich, die in ihrem Buch „Immer wieder Dezember“ von 2009 eindringlich darlegt, wie ihr Stasi-Onkel die ganze Familie in Mitleidenschaft zog.

Nicht äußern wollten sich Hermann Kant oder der als „Manfred“ für die Stasi tätige Regisseur und zeitweilige Präsident der Akademie der Künste in der DDR, Manfred Wekwerth. Das ist verständlich, wäre aber interessant gewesen.

So behält Grass das letzte Wort über die Einschätzungen der Stasi und kann korrigieren. Zum Beispiel eine von ihm 1976 bei einer Zusammenkunft mit den Schädlichs und anderen Schriftstellern angeblich gemachte Äußerung gegenüber Hans-Joachim Schädlich: „Du musst bei uns veröffentlichen, hier versauerst du. Du kannst doch etwas. Hier wird Dich kein Verlag bringen.“ Grass sagt heute dazu – und Schädlich bestätigt seine Version: „Dass ich die Kollegen in die Opposition getrieben hätte, das sind reine Erfindungen. (...) Und ich hätte gar nicht die Legitimation gehabt, von Leuten irgendwelchen Mut oder Wagemut zu verlangen, die dann damit in Schwierigkeiten gekommen wären.“ Viele seiner Gesprächspartner aber erweisen sich später als Zuträger der Stasi, neben Kant und Wekwerth auch der Schriftsteller und Generalsekretär des DDR-Schriftstellerkongresses, Erwin Strittmatter, der Leiter des Reclam Verlags Leipzig, Hans Marquardt, oder der Schriftsteller Paul Wiens.

Erstaunlich, wie viel Aufwand die Stasi betrieb, um Grass zu observieren – und ihn auch zu instrumentalisieren. So etwa bei der Nachrüstungsdebatte, bei einer von Stephan Hermlin initiierten „Berliner Begegnung zur Friedensförderung“ in Ost-Berlin 1981. Grass jedoch verdammt ausdrücklich nicht nur die Pershing II-Raketen der USA, sondern auch die SS 20 der Sowjetunion. Da hilft es der Stasi nichts, dass er bei einem Folgetreffen 1983 in West-Berlin „abgeklärter als sonst“ erscheint. Dass er, wie der Informant feststellt, sicher sei, die Russen wollten keinen Krieg. Denn: „Dieser Äußerung folgte jedoch das aber, und hier läßt Grass keine echte Position erkennen. Es hatte den Anschein, als mißfalle ihm diese ganze 2. Begegnung, weil ihre Sinn- und Ziellosigkeit offensichtlich war.“

Bewundernswert ist es, mit welcher Hartnäckigkeit und welchem Engagement sich Grass für Demokratie, Freiheit und einen anderen Sozialismus einsetzte. Wie er ab 1974 regelmäßig zu Lesungen in Privatwohnungen kommt, auf denen sich ost- und westdeutsche Schriftsteller treffen und die erst 1976 von der Stasi ins Visier genommen werden können – durch besagten Karlheinz Schädlich. Und wie er in den achtziger Jahren, da ist er als Präsident der West-Berliner Akademie der Künste selbst Kulturfunktionär, immer wieder versucht, die Opposition in der DDR zu stärken und deutsch-deutsche Gemeinsamkeiten zu befördern.

Erst 1984 erscheint dann erstmals eins seiner Bücher in der DDR, „Das Treffen in Telgte“. Und noch einmal drei Jahre später, kurz nach Erscheinen der „Blechtrommel“ in der DDR, darf er dann auch eine Lesereise machen, aufmerksam beobachtet von Mitarbeitern der Stasi, die notieren: „Die Lesungen nutzte G. zur Darstellung seiner revisionistischen Positionen“. Und ein Jahr später, bei einer zweiten Lesereise: „Grass und seine Ehefrau waren im Beobachtungszeitraum sauber und ordentlich gekleidet.“

Ein genuin deutsch-deutscher Schriftsteller aber, so wie Uwe Johnson, war Günter Grass schon lange vor seinen ersten Lesungen und Buchveröffentlichungen in der DDR, das beweist Schlüters Buch. Und dafür hatte nicht zuletzt – wenn auch unfreiwillig – die fürsorgliche Belagerung der Stasi gesorgt.

Kai Schlüter: Günter Grass im Visier. Die Stasi-Akte. Ch. Links Verlag, Berlin 2010. 379 S., mit 20 Abb., 24, 90 €.

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