Kultur : Graziles im Gewühl

Robert Walsers Zeitungsfeuilletons.

Erhard Schütz

Am 29. November 1914 veröffentlichte die „Neue Zürcher Zeitung“ den ersten der vielen kurzen, meist großartigen Texte von Robert Walser. Unter dem Titel „Denke daran“ erinnerte er schwelgerisch an die Schönheiten des Frühjahrs, um am Ende zum Totengedenken überzuleiten: „Denke daran, dass es Seligkeiten gibt, und dass es Gräber gibt“. Mit diesem Feuilleton beginnt auch die Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte ihre Chronologie der 80 in der „NZZ“ erschienenen Texte. Ein zweiter Band legt alle im „Berliner Tageblatt“ aufgespürten Texte vor. Drei weitere mit den übrigen Zeitungsveröffentlichungen sollen folgen.

Besorgt von Hans-Joachim Heerde, Barbara von Reibnitz und Matthias Sprünglin, bieten die ersten beiden Bände höchste editorische Sorgfalt und ausgezeichnete Kommentierung. Das erfreut den Spezialisten. Doch was hat der allgemeine Leser davon? So sehr Liebhaber der Feuilletons von Alfred Polgar, Joseph Roth oder Gabriele Tergit Gesammeltes erfreut, so sehr quälen sie sich damit auf Dauer. Witz und unverwechselbarer Ton wirken en suite schnell monoton. Und als einzelne Meditationsgegenstände gewinnen sie eine Schwere, die sie als Zeitungstexte unter vielen gar nicht hatten.

Hier bietet die Kritische Ausgabe Abhilfe: Vor jeden Abdruck schaltet sie ein kleines Schaubild des Seitenaufbaus der Zeitung, darunter knappe Titelerläuterungen. Das macht anschaulich, in welch quantitativer Relation zum umgebenden Textraum der Walser’sche Beitrag stand. Und es evoziert, zwischen welchen Ko-Texten er auf sich aufmerksam machen musste. Der heutige Leser wird dadurch zu einer Art Konstellationen-Detektiv. So gewinnt „Denke daran“, lediglich als Stück zum Trauermonat November gelesen, eine weitere Dimension, wenn man bemerkt, dass es in einen Bericht von Kriegsschauplätzen und über die schweizerische Bereitstellung („Pikettstellung“) von Transportmitteln für den Ernstfall eingebettet war.

Plötzlich eröffnet sich die Zeit wieder als Zeit-Raum. Und so findet sich „Der Wald“, Walsers letzter Text im „Berliner Tageblatt“, vom 5. Juli 1933, zwischen einem Vortragsreferat zu Ludwig Klages’ Lehre von den Temperamenten, einem italienischen Flugbootrekordversuch und der Ernennung Fritz Todts zum Generalinspekteur des Straßenwesens. Dass der Feldherr der Autobahnen diese besonders gerne durch den Wald führte, konnten freilich da weder Walser noch die Redakteure wissen.

Sicher, diese kleine Grafik ist am Ende nur ein Behelf, aber einer, der neu zu lesen hilft. Wer es plastischer benötigt, der findet zusätzlich je eine CD mit den Faksimiles aller entsprechenden Seiten. So wird die Lektüre zu einer Zeitreise mit immer neuen Stationen. Dem Wanderer Walser hätte das bestimmt gefallen. Erhard Schütz

Robert Walser: Kritische Ausgabe sämtlicher Drucke und Manuskripte. Bd. II 1: Drucke im Berliner Tageblatt, Bd. II3: Drucke in der Neuen Zürcher Zeitung. Stroemfeld/Schwabe, Basel u. Frankfurt a. M. 2013, 407 u. 518 S., 65,50 u. 73,50 €.

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