Kultur : Hohes Friederisiko

300 Jahre „der Große“: Die neuen Bücher zum Preußenjahr 2012 halten Sicherheitsabstand zu Friedrich II.

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Alter Fritz. Gemälde von Daniel Chodowiecki, 1773. Foto: akg-images
Alter Fritz. Gemälde von Daniel Chodowiecki, 1773. Foto: akg-imagesFoto: akg-images

Der Preußenstaat wurde 1947 vom Alliierten Kontrollrat aufgehoben, doch Preußenjahre gibt es immer wieder. Das letzte fand 2001 statt, anlässlich des dreihundertjährigen Jubiläums der Selbstkrönung des Kurfürsten von Brandenburg zum König in Preußen – „in“, nicht „von“. Die Brandenburger in Preußen konnten die Krone und die Macht verteidigen und aus ihren zersplitterten Gebieten einen zentralisierten Staat machen. Darin bestand die historische Leistung des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I. und seines Sohnes, des „Philosophenkönigs“ Friedrich II., genannt der Große. Sein dreihundertster Geburtstag am 24. Januar 2012 ist Anlass des nächsten Preußenjahres.

Es steht unter dem Motto „Friederisiko“. Dieser Kalauer erinnert in schwungvoll blauer Logo-Schrift sowohl an den militärischen Wagemut des Königs als auch an das Risiko, mit dem die Thematisierung dieser preußisch-deutschen Großgestalt lange verbunden war. Inzwischen allerdings überwiegt bei der ganzen Geschichte die Coolness. Das hat mit dem historischen Sicherheitsabstand zu tun, der unsere ökonomisch globalisierte Republik von den alten nationalen Mythen trennt. Die neue Gelassenheit im Umgang mit dem Alten Fritz passt gut zur Festivalisierung der preußischen Geschichte. Der wissenschaftliche Leiter von „Friederisiko“, Jürgen Luh, hat schon im Titel seines Buches einen Purzelbaum geschlagen: Der Große steht groß auf dem Schutzumschlag, klein darunter Friedrich II. von Preußen.

Das erste Kapitel ist nicht wie üblich Kindheit und Jugend gewidmet, sondern der Ruhmsucht, „denn Ruhm zu erlangen war Friedrichs wesentliche Antriebskraft“. Allerdings fällt Luh innerhalb seiner Kapitel – etwa auch „Hartnäckigkeit“, „Eigensinn“ und „Einsicht“ – doch in den gewohnten Lebenslauf. Die Größe Friedrichs wird dabei als Historienstück in Eigenregie sichtbar. Warum dieses Stück aber bis heute erfolgreich über die Bühne geht, kann Luh nicht erklären. Auch Ludwig XIV., der französische „Sonnenkönig“, hatte auf den Beinamen „der Große“ hingearbeitet. Warum gelang ihm die Durchsetzung nicht?

Auch Johannes Unger, Leiter der Abteilung Dokumentation und Zeitgeschehen beim RBB, beschreibt das Phänomen: „Ruhm, Risiko und die Kunst der Verstellung“ heißt die Einleitung seines Friedrich-Buches. Doch kommt ebenfalls zu kurz, dass der Ruhm bei aller Selbstinszenierung weniger vom Berühmten abhängt als von den Rühmenden. Ungers Darstellung folgt der Lebenschronologie, erweitert durch thematische Exkurse, etwa über das Heer, und ergänzende „Länderskizzen“, etwa über Frankreich.

Das nach wissenschaftlich Maßstäben „gewichtigste“ Werk über Friedrich ist die 2004 erstmals erschienene und nun wiederaufgelegte Biografie des emeritierten Absolutismusforschers Johannes Kunisch. Das bei Beck publizierte Werk ist gewissermaßen die Limousine unter den Friedrichbüchern. Es gibt von Kunisch aber auch eine Kleinwagenversion in der Reihe Beck Wissen. Das eine zu viel, das andere zu wenig? Bitte sehr, hier die Mittelklasse: Friedrich der Große in seiner Zeit. Essays, erschienen bereits 2008. Allesamt lesenswert.

Begehrenswert, jedenfalls haptisch und optisch, ist das Friedrich-ABC von Norbert Leithold in Eichborns Anderer Bibliothek. In Stichworten, Bildern und preußischblauen Zitaten wird Interessantes angenehm erzählt. Nur ein „Panorama“, wie es im Untertitel heißt, entsteht nicht. Panorama bedeutet Rundblick, das hübsche Buch bietet ein Wimmelbild. Mitunter eines zum Lachen. Etwa wenn es bei „Abort“ heißt: „Zu Friedrichs Gepflogenheiten bei der Verrichtung seiner natürlichen Bedürfnisse gibt es bislang keine Forschungen.“

Das thematisch ungewöhnlichste Buch hat Jürgen Overhoff über Friedrich den Großen und George Washington geschrieben – leider nur recht und schlecht. Die Idee, historische Größen der alten und der neuen Welt zu vergleichen, ist faszinierend, die sprachliche Durchführung enttäuscht: Da treten Preußen und Pennsylvania „fast im Gleichschritt ins Leben“, als ob politische Gebilde Persönchen wären, wobei die auch nicht „im Gleichschritt“ geboren werden. Oder es „lebten Friedrich der Große und Washington nach den Maßgaben einer gut aufklärerischen Lebensführung“, was sprachlich eine pelzerne Pelzkappe und sachlich doppelt falsch ist. Die „aufklärerische Lebensführung“ war eine bürgerliche, keine von autokratischen Fürsten und steinreichen Sklavenhaltern.

Der wagemutigste Band stammt von Tom Goeller, jedenfalls insofern, als hier der Alte Fritz noch einmal titelfähig wurde. „Mensch, Monarch, Mythos“ heißt der arg „Mars macht mobil“-mäßig alliterierende Untertitel. Goeller ist kein Historiker, sondern journalistischer Korrespondent. Er will, dass „der Alte Fritz ungeschminkt so lebendig wird, als erlebten wir ihn jetzt, hier und heute.“ Diese Korrespondentengeschichtsschreibung führt zu schauderhaften Anachronismen: Friedrich habe sich als „Gutmensch“ geriert und doch „brutale Vernichtungskriege“ geführt. Das ist historisch falsch.

Das konzeptionell interessanteste Friedrichbuch ist „Unser König“ von Jens Bisky. Der Kulturredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ hat es mit Preußen, um es salopp, aber sympathisierend zu sagen. Dies zeigte schon seine Biografie des Dichters Heinrich von Kleist. Biskys Lesebuch besticht durch die Auswahl der Quellentexte, durch die kurzen Vorspänne dazu und durch die essayistischen Einführungen in die Abteilungen „Jugend“, „Glanz“, „Krieg“ und „Alter“.

Auf diese Weise gelingt es, zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen: Dem interessierten, aber noch unkundigen Publikum das Einlesen zu ermöglichen und denen, die vertraut mit preußischen Themen sind, mit Fundstücken aufzuwarten. In den Texten kommen Zeitzeugen zu Wort wie Voltaire oder Nicolai, der reaktionäre Junker von der Marwitz („stramm konservativ“, schreibt Bisky höflich) oder der zwangsrekrutierte und desertierte Schweizer Ulrich Bräker. Es gibt aber auch Zwischenrufe der Nachgeborenen, von Fontane etwa, der große Unvermeidliche, wenn es um Preußen geht, oder von Bismarck.

Wir Heutigen werden ermahnt: „Leicht ist es, Friedrich mit der Eitelkeit des Spätgeborenen Inkonsequenzen nachzuweisen“. Das schreibt Bisky in Zusammenhang mit Friedrichs „Abschaffung der Folter“. Doch die Verordnung blieb unveröffentlicht. Eine Verordnung jedoch, die den Verdächtigen im Strafprozess nicht erreicht, verlor ihre Schutzwirkung. Friedrich nahm zwar zur Abschaffung der Folter die Feder in die Hand, aber die Faust der Kriminaljustiz behielt den Stock fest im Griff. Statt Daumenschrauben gab es Prügel, die zur „Lügenstrafe“ umgetaufte Folter wurde weiter angewandt.

Dies war keine „Inkonsequenz“, sondern kriminalpolitisches Programm. Die Kritik daran, auch die von „Spätgeborenen“, hat nichts mit „Eitelkeit“ zu tun, sondern mit Erkennen, Unterscheiden und Werten. Die Alternative wäre bloßes Behagen am historischen Stoff. Lieber mehr Risiko!

Jürgen Luh: Der Große. Friedrich II. von Preußen. Siedler, 287 S., 19,99 €.

Johannes Unger:
Friedrich. Ein deutscher König. Propyläen, 315 S., 16,99 €.

Norbert Leithold:
Friedrich II. von Preußen. Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z. Eichborn, 436 S., 32 €.

Jürgen Overhoff:
Friedrich der Große und George Washington. Zwei Wege der Aufklärung. Klett-Cotta, 365 S. 22,95 €.

Tom Goeller:
Der Alte Fritz. Mensch, Monarch, Mythos. Hoffmann und Campe, 351 S., 21,95 €.

Jens Bisky:
Unser König. Friedrich der Große und seine Zeit – ein Lesebuch. Rowohlt Berlin, 396 S. 19,95 €.

Johannes Kunisch:
Friedrich der Große. Der König und seine Zeit. C. H. Beck, 624 S., 19,95 €. Friedrich der Große. Beck Wissen, 127 Seiten, 8,95 €.

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