• „Ich kann es nicht erwarten, dich ganz oben zu sehen“ Nazis, Spione, verbotene Liebe: Als Kennedy bekannte, ein Berliner zu sein, kannte er Deutschland – aus privater Erfahrung

Kultur : „Ich kann es nicht erwarten, dich ganz oben zu sehen“ Nazis, Spione, verbotene Liebe: Als Kennedy bekannte, ein Berliner zu sein, kannte er Deutschland – aus privater Erfahrung

Robert von Rimscha

Kaum hatte er „Ich bin ein Berliner!" gerufen, war er entsetzt. Berlin mochte jubeln, die deutsch-amerikanischen Beziehungen mochten inniger sein denn je, nur John F. Kennedy war unzufrieden. Der Mann, der „Jack" genannt wurde, hatte sich hinreißen lassen. Er hatte am 26. Juni 1963 angesichts des stürmischen Jubels im Westteil Berlins die Lehre seiner 25-jährigen Beschäftigung mit Deutschland verkündet, eine konfrontative Lehre, die sich gegen jeden Totalitarismus wandte. Nur war das eine Einsicht, die nicht die Leitlinie seiner praktischen Politik war. Er war zu scharf gewesen.

Kennedy kannte Deutschland. Zuletzt war er nach Kriegsende bei der Potsdamer Konferenz gewesen. Doch es war eine ausgedehnte Europa-Reise 1937, die die bis dahin wirren Interessen des Studenten kanalisierte. Auf einen Besuch in Cannes folgte in Italien die erste Innenansicht des Faschismus. Kennedy schreckte vor großen Urteilen nicht zurück: „Kam zu der Entscheidung, dass Faschismus die Sache für Deutschland und Italien ist, der Kommunismus für Russland und die Demokratie für Amerika und England."

Da war er freilich noch nicht in Hitlers Reich gewesen. Einen Vorgeschmack bekam Kennedy, als er den deutschen Anhalter Martin mitnahm. Der war NS-Gegner und berichtete dem amerikanischen Millionärssohn von den politischen Verfolgungen im Reich. Nach der Überquerung der Alpen war das Hofbräuhaus die erste Station. „Offenbar ist Hitler hier so beliebt wie Mussolini in Italien, obwohl Propaganda seine stärkste Seite zu sein scheint", notierte Jack. Nach dem Besuch in einem Nachtclub hatte Jack seine erste Konfrontation mit Deutschen, als er eine Prostituierte mit ins Hotel nehmen wollte und dies zu Verwünschungen seitens des Personals führte.

Es folgten Kurzbesuche in Nürnberg, Frankfurt und Köln. „Alle Städte sind sehr attraktiv, was zeigt, dass die nordischen Rassen den Südländern sicherlich überlegen scheinen. Die Deutschen sind einfach zu gut – das führt dazu, dass die Leute sich zum Schutz gegen sie zusammenschließen", notierte der Student. Kennedy war im Frühling 1939 wieder in Europa. Seitenlang schrieb er über die verzwickte Lage Danzigs und den Streit um den polnischen Korridor. „Wenn Hitler sich dem Konflikt ohne Gesichtsverlust entziehen kann, wird er´s tun, denke ich." Im Spätsommer 1939 folgte eine weitere Reise. An einem Denkmal für einen gewissen „Worst Hessel“, wie Jack es notierte, kam es zu einem Handgemenge mit SA-Leuten. Jacks Wagen hatte englische Nummernschilder. „Wie können wir einen Weltkrieg vermeiden, wenn diese Leute so empfinden?" fragte Jack seine Reisebegleiter.

Das deutsche Volk werde zum Hass gegen die Briten aufgepeitscht, berichtete er seinem Vater, dem US-Botschafter in London. Vom 20. August 1939 an war Jack in Berlin. Er residierte im Adlon. „Ich glaube noch immer nicht, dass es Krieg geben wird", prognostizierte er. „Aber es sieht ziemlich schlecht aus. Die große Gefahr liegt darin, dass die Deutschen auf ein weiteres München zählen." Der Geschäftsträger der US-Botschaft gab Jack eine Geheimnachricht an seinen Vater mit. In der Note stand, dass innerhalb einer Woche der Zweite Weltkrieg ausbrechen würde.

Jack Kennedy distanzierte sich in den kommenden Jahren von seinem Vater Joe. Der glaubte noch 1941, Hitler gehe es allein um Geld; mit einem konzilianten Handelsabkommen ließe sich der Weltkrieg beenden, wenn nur er, der Botschafter, gemeinsam mit dem Papst vermitteln würde. Seine britischen Gastgeber tobten über den berlinfreundlichen Kurs des US-Botschafters.

Jacks ältester Bruder folgte dem Vater. „Das deutsche Volk war bedrückt, uneins, verzweifelt und hoffnungslos. Da kam Hitler", begann Joe Jr. einen Brief an seinen Londoner Professor Harold Laski. Einen Sündenbock zu suchen sei „ausgezeichnete Psychologie, und es war Pech, dass es den Juden angetan werden musste. Diese Abneigung gegen die Juden war jedoch wohlbegründet." Joe Jr. hatte in Harvard die pazifistischen Kriegsgegner organisiert und beim demokratischen Parteitag als Einziger, ganz im Sinne seines isolationistischen Vaters, gegen Präsident Roosevelt gestimmt. Jack war vorsichtiger. Offen stellte er sich nie gegen den Regierungskurs der USA, der von der Untrennbarkeit der Freiheit und vom vitalen Interesse Amerikas an Europa ausging – Leitlinien, die später seine eigenen sein sollten.

Doch erst kam die heikelste Episode mit Deutschland-Bezug im Leben des jungen Jack Kennedy. Inga Arvad war eine dänische Schönheitskönigin, die mit 28 Jahren bereits zwei Ehen und Begegnungen mit der gesamten NS-Elite hinter sich hatte. Arvad hatte Arthur Krock, der Journalist bei der „New York Times" und inoffizieller Propagandist für die Präsidentschaftsambitionen des Kennedy-Vaters war, im Juni 1941 um eine Stelle gebeten. Sie landete bei der Washingtoner Zeitung „Times-Herald", für die auch Jack Kennedys Schwester Kathleen arbeitete. Jack und Inga lernten sich kennen und lieben.

Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor tauchten Gerüchte auf, Arvad sei eine Spionin. Der Beleg fand sich im Fotoarchiv des Arbeitgebers. Ihre Kollegen beugten sich über Aufnahmen, die bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin entstanden waren und Inga Arvad neben Adolf Hitler zeigten. Der Verdacht erschien zumindest dem FBI begründet genug, um eine groß angelegte Überwachung von Inga und Jack zu veranlassen. Inga Arvad war von 1935 bis 1940 oft in Deutschland gewesen. Für eine Kopenhagener Zeitung sprach sie mit Göring, Goebbels und – zweimal – Hitler. Arvad gab bei späteren Befragungen durch das FBI an, „menschliche" statt „politische" Geschichten aus NS-Deutschland geschrieben zu haben. Sie nahm beispielsweise an Görings Hochzeit als Gast teil.

Jack Kennedy arbeitete damals im Nachrichtendienst der Marine. Das FBI überwachte das Paar; Arvads Vater ließ es von Detektiven beschatten; und am 12. Januar 1942 stand in der Zeitung: „Einer von Ex-Botschafter Kennedys heiratsfähigen Söhnen ist Gegenstand der Zuneigung einer blonden Washingtoner Kolumnistin. Papa Kennedy mag das gar nicht." Jack wurde innerhalb von 24 Stunden versetzt. Sein neuer Schreibtisch stand am Marine-Stützpunkt Charleston in South Carolina, 528 Meilen von Inga Arvads Schlafzimmer entfernt. Inga reiste ihm postwendend nach.

Über die Brisanz ihrer Affäre witzelte er. Das eine oder andere Detail der Marine-Infrastruktur werde er jetzt nicht beschreiben, teilte er ihr mit, obwohl er es interessant finde, denn „wenn du eine Spionin bist, sollte ich es dir nicht sagen, und wenn du es nicht bist, wird es dich bestimmt nicht interessieren". Sie antwortete prophetisch: „Du hast gerade genug Härte und Gemeinheit in dir, um zurechtzukommen, und genug Verstand und Güte, um der Welt zu geben und nicht nur zu nehmen. Ich kann es nicht erwarten, dich ganz oben zu sehen!“

1960 war Kennedy ganz oben. Knapp gewann er die Präsidentschaftswahl gegen Richard Nixon. Er hatte die Republikaner rechts überholt, hatte auf mehr antikommunistische Härte gesetzt, auf einen schärferen Kurs im Kalten Krieg. Dies war die Lehre, die er aus dem so völlig anderen, konzessionsbereiten Denken seines Vaters und seines Bruders zog. Und dies war die Grundhaltung, die in der „Ich bin ein Berliner!"-Rede zum Vorschein kam: Mit dem Kommunismus gibt es kein München, kein Appeasement, keine dauerhafte Koexistenz.

Nur: In der praktischen Tagespolitik deutete alles auf eine lange Koexistenz beider Systeme hin. Kennedy musste zusammenarbeiten; er hatte es in der Kuba-Krise ebenso hart wie erfolgreich getan. Seine eigentliche Rede am 26. Juni 1963 sollte nicht die am Rathaus Schöneberg sein, sondern die folgende an der Freien Universität. Dort relativierte Kennedy die weltberühmten Sätze. Nur gegen Volksfrontregierungen habe er sich eingesetzt, keinesfalls gegen Abrüstungsgespräche und den Dialog mit Moskau.

Die Menschenmassen in Berlin waren die größte Menge, die Kennedy je zujubelte. Er war entsprechend beeindruckt. Auf dem Weiterflug nach Irland sagte er seinen Beratern, er werde seinem Amtsnachfolger einen verschlossenen Umschlag hinterlassen, der in Krisenzeiten zu öffnen sei. Als Ratschlag für bedrängte US-Präsidenten würde dort stehen: „Go to Germany!“

Robert von Rimscha, Tagesspiegel-Amerikakorrespondent von 1996 bis 2000, ist Autor des Buches „Die Kennedys – Glanz und Tragik eines amerikanischen Traums“ (Campus, Frankfurt/Main, 2001) .

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