Kultur : Ich koch’ mir meine Suppe

Dissidenz oder Opportunismus? Eine Ausstellung in Weimar versucht eine Revision der DDR-Kunst.

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Die Brigadistin. Norbert Wagenbretts Bild aus dem Wendejahr 1989. Foto: Katalog / VG Bildkunst
Die Brigadistin. Norbert Wagenbretts Bild aus dem Wendejahr 1989. Foto: Katalog / VG Bildkunst

Die Pole sind klar definiert: auf der einen Seite Neubeginn, Hoffnung, vergnügliches Picknick vor Industriekulisse, auf der anderen die gleiche Silhouette, doch die Szene umweht Tristesse. 1955 malte Bernhard Kretzschmar seinen optimistischen „Blick auf Stalinstadt“ (Eisenhüttenstadt) unter blauem Himmel, knapp 20 Jahre später schuf Wolfgang Mattheuer das Bild „Freundlicher Besuch im Braunkohlenrevier“, das nur noch Resignation ausstrahlt. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich auch die Ausstellung „Abschied von Ikarus. Bildwelten in der DDR – neu gesehen“ in Weimar, zwischen dem anfänglichen Glauben an die Utopie des sozialistischen Einheitsstaates und der späteren Desillusionierung. Was mit bunten Farben und Aufbruchsstimmung begann, sollte in grau-brauner Tönen und mit Schattengestalten enden.

Die Ausstellung befindet sich in einem weiteren Spannungsfeld, das bis in die jüngere Gegenwart reicht. Hier in Weimar wurde die DDR-Kunst schon einmal verhandelt, 1999 als Teil der Kulturhauptstadt-Schau „Aufstieg und Fall der Moderne“. Die Werke der ostdeutschen Maler hingen damals an Plastikplanen im ehemaligen NS-Gauforum, eine Kujonierung erster Güte. Ein Aufschrei ging durch das halbe Land, Weimar hatte seinen Bilderstreit. Bereits kurz nach dem Mauerfall war es auf dem Nebenschauplatz Kunst zu heftigen Ost-West-Disputen gekommen, mit bösen Beleidigungen gegenüber den Ost-Kollegen (Baselitz nannte sie „ganz einfach Arschlöcher“) und Akademie-Austritten, in Weimar fand die Fehde ihren Höhepunkt. Von der Desavouierung einer ganzen Kunstlandschaft in der Schau von 1999 haben sich die Protagonisten nie ganz erholt.

Nun soll den Künstlern endlich Gerechtigkeit widerfahren. Die Ausstellung steht zugleich am Ende eines dreijährigen Forschungsprojekts des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft, bei dem aus Museen, Unternehmen, Sonderdepots und privaten Einrichtungen zusammengetragen und dokumentiert wurde, was zwischen 1945 und 1990 in der SBZ und der DDR entstand, 20 000 Werke insgesamt. Das dreiköpfige Kuratorenteam versucht, mit einer Auswahl von 260 Werken Schneisen durch den Bilderwald zu schlagen – thematisch, topografisch, chronologisch. Dabei rückt nebeneinander, was formal zwar zusammenpasst, sich aber biografisch nicht fügt. Wer in den Westen ging, wer blieb, wer mit der Stasi aneinandergeriet, das spielt hier keine Rolle. Natürlich geht es um die Bilder, aber zugleich zählt die Person, denn nie wurde Künstlern mehr zugetraut als in der DDR. Sie sollten auf ihre Art den Staat aufbauen helfen („Bitterfelder Weg“) und blieben doch unsichere Kantonisten.

Der Künstler als Seismograf, als Spielball der Mächte, als autonom Handelnder zumindest im Atelier, als Opportunist der Leinwand, als Dissident – das ist das unterschwellige Thema der „Ikarus“-Ausstellung. Wie wenig eindeutig die Kunst sich oft zuordnen lässt, zeigt das Mattheuer-Bild. In Weimar steht sein Revier-Gemälde für einen kritischen Geist; als es 1977 auf der Documenta 6 in Kassel gemeinsam mit Werken von Tübke, Sitte, Heisig zu sehen war, galt es als Staatskunst. Eine erstaunliche Neubewertung, unter dem Strich bleibt die malerische Qualität, die gerade von jüngeren Künstlern, die wieder gegenständlich malen, gewürdigt wird. Für sie könnte die „Ikarus“-Ausstellung ein Mekka werden.

Für das breite Publikum ist die Revision der DDR-Malerei ein Galopp durch die Zeit mit Inseln des Seltsamen, erstaunlichen Entdeckungen und einer Kunstgeschichte neuer Lesart. Weimar selbst liefert das beste Beispiel dafür. Dort versuchte Hermann Henselmann kurz nach dem Krieg die Kunsthochschule wiederzubeleben, indem er die West-Berliner Heinz Trökes und Mac Zimmermann berief. Zwei Kleinformate der beiden Surrealisten erinnern an diesen hoffnungsvollen Neubeginn, den die Formalismusdebatte 1948 im Keim erstickte. Trökes und Zimmermann kündigten. Dafür kam der Bildhauer und Arno- Breker-Bruder Hans van Breek, dessen monumentale Goethe- und Marx-Büsten von ästhetischer Bruchlosigkeit in beiden Systemen zeugen.

Auch in Halle glaubte man kurz an Neuanfang. Zum Beispiel die Geschichte der Galerie Henning: beeindruckend der Erfindungsgeist und die Widerständigkeit ihres Gründers, der bis zu seinem Freitod 1961 Schmidt-Rottluff, Pechstein, Hofer, Picasso-Grafik zeigte. Seinen Hallenser Künstlern besorgte Eduard Henning die in Paraffin getränkten Pappen der Mitropa-Becher als Malgrundlage, was das quadratische Format verblüffend vieler Bilder erklärt.

Die Ausstellung demonstriert, wie viel noch zu zeigen, zu erklären ist, welches Pathos bis zuletzt in den Arbeiter-Bildern eines Norbert Wagenbrett steckt, der noch 1989 seine Brigadistin vor goldglänzende Walzen und Rohre stellte. Aus heutiger Sicht erscheint dies anachronistisch, umso mehr verdienen es die Großen dieses untergegangenen Landes, in den Museen der Republik gewürdigt zu werden, wie es sich die Neue Nationalgalerie in Berlin mit ihrem Museum des 20. Jahrhunderts vorgenommen hat. Darin müsste auch der Beuys des Ostens, Klaus Hähner-Springmühl, seinen Platz finden. Von ihm ist die Aktion „Blau wie der Himmel“ von 1987 dokumentiert, für die er spontan das Gedicht schrieb „Stille am See/Das Gas ist abgestellt/Ich koch mir meine Suppe/na auf was schon? England ist nicht die einzige Insel auf der Welt.“

„Abschied von Ikarus“, Weimar, Neues Museum, bis 3. 2. Katalog 39,80 €. Infos: www.klassik-stiftung.de

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