Kultur : Ich will keine Schokolade!

Ein Jahr RBB-Kulturradio: Ein

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von Frederik Hanssen

Mächtig Zoff hat es gegeben vor genau einem Jahr, als das Kulturradio des RBB an den Start ging, dieser Bastard, der aus Spargründen aus den UMusik-Wellen des SFB und ORB zusammengezimmert wurde. Vor allem über die Streichung altehrwürdiger und viel geliebter Sendeplätze entbrannten wütende Debatten zwischen den Reformgegnern und den Radiomachern. Manche Hörer, die damals geschimpft hätten, erklärte Wellenchef Wilhelm Matejka jetzt zum Jubiläum, schrieben ihm heute, das Programm sei doch ganz gut. Na ja, die meisten Kulturradio-Kritiker haben wohl einfach weggeschaltet. Weil sie den Weg des geringsten Widerstandes nicht mitgehen wollten.

„Durchhörradio“ nennen die Programmmacher das Format, und genau dieser Eindruck stellt sich auch ein, wenn man mal einen Tag lang dabei bleibt: Sämig und seicht fließen die Stunden vorbei, es wird nett geplaudert und kalorienarme Musik gespielt. Hier kann man jene Stücke hören, die früher beim „Klassik-Radio“ gedudelt wurden, bevor der Kommerzsender im Zuge des erweiterten Kulturbegriffs sein Programm fast vollständig auf Film- und Fahrstuhlmusik umstellte. Nun bilden also die Öffentlich- Rechtlichen ihr Publikum zu Spezialisten für barocke und frühklassische Klein- meister aus: Denn nur die Herren Wagenseil, Stamitz, Boccherini, Czerny und so weiter haben sich an den Kulturradio- kompatiblen Zeitrahmen gehalten: bloß nicht länger als fünf Minuten! Ähnlich die Themen der Beiträge: Menschen, die mehr Käthe Kollwitz am Kollwitzplatz haben wollen, kommen zu Wort, der Moderator lacht viel mit einer Interpretin, die am Abend im Kammermusiksaal auftreten wird, es gibt die Hörprobe, die Klassik-Börse und manches lokalige Aperçu – irgendwie muss die Zeit zwischen sechs und 19 Uhr ja gefüllt werden.

Kulturradio ist wie ein Adventskalender, den man jeden Tag aufs Neue leeren darf: Eine harmlose Überraschung jagt die andere, hinter jedem Türchen steckt was Süßes. Nur: Wer will schon immer nur Pralinen essen? Früher oder später überkommt einen der Hunger nach Substanziellem. Plat de résistance nennen die Franzosen das Hauptgericht in ihren Menüs – ja, etwas, das ein wenig Widerstand leistet, zum Mitdenken herausfordert, das nicht schon filetiert serviert wird, braucht jeder, der geistig noch nicht ganz erschlafft ist. Ein Live-Konzert zum Beispiel, ein ganzes Beethoven-Streichquartett oder gar 90 Minuten Gustav Mahler am Stück. Für Berliner ist das kein Problem. Leid tun können einem nur die Brandenburger, draußen auf dem flachen Land, die weder Konzerthaus noch Philharmonie vor der Tür haben.

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