Kultur : Im Haus der Zeit

Martina Kohl sammelt amerikanische Frauenstimmen.

von

Die Amerikanistik war in der DDR keineswegs eine Unmöglichkeit. Rainer Schnoor hat 1999 in einem Sammelband gezeigt, wie viele Facetten das Fach zwischen staatlichem Würgegriff und hart erkämpfter kultureller Neugier hatte – nicht nur in der Sympathie für den Indianer als den natürlichen Widersacher des Klassenfeindes. Aufgeblüht ist es in Ostdeutschland aber erst nach der Wende, so sehr es auch da noch ein Stachel im mürben Fleisch des Postsozialismus gewesen sein mag. Die American Studies in Leipzig haben sich einen hervorragenden Namen gemacht, und an der Martin-Luther-Universität von Halle-Wittenberg erforscht das kleine Zentrum für USA-Studien (ZUSAS) seit 1995 amerikanische Geschichte, Kultur und Politik.

Dort entsteht auch das online frei zugängliche „American Studies Journal“, dessen Themen manchmal klingen, als wären sie wie gemacht für die Gegend - vorausgesetzt, man denkt erst um die deutsche und dann die polnisch-tschechische Ecke. So widmet sich die jüngste Ausgabe (57/2012) unter dem Titel „Transfrontera“ den „Transnational Perspectives on the U.S.-Mexico Borderlands“. Es geht um Grenzland-Identität und Ideologie bei Willa Cather, um Immigration und Kriminalität. Andere Hefte gelten den Wohlfahrtsaufgaben des Staates, dem Bild des Arabers oder der Figur des Outlaws. Neben diesem im engeren Sinn wissenschaftlichen Journal gibt es mit den „Occasional Papers“ aber auch eine Reihe für ein interessiertes Publikum.

Manchmal bestehen die Hefte nur aus einem einzigen Essay wie Werner Sollors’ Einführung in seine zusammen mit Greil Marcus herausgegebene Anthologie „On A New Literary History of America“ (www.newliteraryhistory.com), die von ungewöhnlichen Blickwinkeln und prominenten Autoren lebt. Manchmal, wie bei den von Martina Kohl herausgegebenen „Women’s Voices from the House of Time“ (No.55) lassen sie aber auch alles Gelehrte hinter sich. Mit Auszügen aus sieben Memoirs von Frauen aus sieben Herkunftsländern demonstriert das reich illustrierte Bändchen eine multikulturelle Offenheit, die für deutsche Verhältnisse immer noch exotisch wirkt.

Die in Ohio lebende Güneli Gün kommt aus der Türkei, Nahid Rachlin stammt aus dem Iran, und Mindy Weisel ist in einem Displaced Persons Camp in Bergen-Belsen geboren. Die in Sri Lanka geborene, in England aufgewachsene und nun in San Francisco mit einem Iren verheirate Dichterin Pireeni Sundaralingam weiß, wie es sich damit verhält: „Länder existieren auf unserem Planeten nicht einfach als geopolitische Einheiten oder farbige Gebiete auf der Karte, sondern als Narrative und Träume.“ Gregor Dotzauer

asjournal.zusas.uni-halle.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar