Im Kino: "Amour fou" : Eine Liebe? Ein Doppelselbstmord

Kein Biopic, sondern ein Experiment, eine Komödie: Jessica Hausner arrangiert in „Amour fou“ den Doppelselbstmord von Kleist und Henriette Vogel zum Sittenbild einer verstörten Epoche.

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Ein Veilchen auf der Wiese stand. Henriette Vogel (Birte Schnöink) lernt Kleist beim Hauskonzert kennen.
Ein Veilchen auf der Wiese stand. Henriette Vogel (Birte Schnöink) lernt Kleist beim Hauskonzert kennen.Foto: Neue Visionen

Rosa Säulen. Schwere rote Samtvolants. Lindgrüne Wandschränke, Stofftapeten, Biedermeier-Möbel – und auf dem Boden ein Schachbrettmuster. Die Menschen in dieser Welt, wenn sie dem Hauskonzert lauschen oder sich von der Dienstmagd das Essen servieren lassen, sind selber eine Art Mobiliar. Die Frauen tragen Empirekleider zum blassen Teint, drapiertes Leben, theatralisch arrangierte Gefühle.

„Ein Veilchen auf der Wiese stand“ oder auch Beethovens „An die ferne Geliebte“: „Wo die Sonne verglüht,/ Wo die Wolke umzieht,/Möchte ich sein“. Wehmutslieder, Todessehnsucht, eine große Sängerin ist zu Gast, Henriette Vogel (Birte Schnöink) akkompagniert sie am Spinett. Vorher hat Henriette goldgelbe Fresien in eine große Vase gesteckt, blühende Pracht, nature morte. Jede Einstellung in diesem Film gefriert zum Tableau vivant, zum Guckkasten-Kino im Stil der Zimmerbilder eines Edouard Gärtner oder Leopold Zielcke, wie sie damals in Mode waren. Die Frauen sticken, musizieren und haben Unpässlichkeiten, während die Männer parlieren und politisieren, sich über diese Revolte in Frankreich aufregen und über die jüngste Nachricht, dass alle jetzt Steuern zahlen sollen, sogar der Adel. Freiheit? Ist nicht gut für den bürgerlichen Frieden, sagen sie.

Heinrich von Kleist (Christian Friedel) hält dagegen. Trinkt im Stehen seinen Kaffee aus feinem Porzellan und will lieber freiwillig untergehen als leibeigen zu leben. Ich nicht, sagt Henriette ein wenig spitz, „ich bin doch meines Mannes Eigentum“. Gesenkter Blick, gespreizte Worte, schöne feine Biedermeier-Diktion.

Der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner gelingt etwas eigentlich Unmögliches: Sie erhellt auch die komische Seite des Doppelselbstmords von Kleist und Henriette Vogel im Jahr 1811. Mit „Amour fou“ bekommt der Genrebegriff der romantischen Komödie eine völlig neue Bedeutung. Doppelselbstmord aus Liebe? Was für eine durchgeknallte, überspannte, grausame Idee. Sie tatsächlich zu verfilmen, funktionierte erst dann, so Hausner, als sie begriff, dass Kleist gleich mehrere Menschen gefragt hatte, ob sie es mit ihm tun mögen: erst einen guten Freund, dann seine Cousine Marie (Sandra Hüller mit erfrischender Nonchalance), schließlich die Frau des Landrentmeisters Vogel: Wollen Sie mit mir sterben? Auch Henriette lehnt ab. Bis die Charité-Ärzte ihr ausrichten lassen, dass sie eine Geschwulst im Unterleib hat.

Zwei besondere Kostümfilme: Hausners "Amour Fou" und Dominik Grafs "Die geliebten Schwestern"

Ein Kostümfilm als Groteske, kein Biopic, sondern ein Experiment. Dem Beginn des 19. Jahrhunderts kommt Hausner mit ähnlich präziser Passion bei wie Dominik Graf der Schiller’schen Amour fou mit Caroline und Charlotte von Lengefeld in „Die geliebten Schwestern“, der zwei Jahrzehnte früher angesiedelt ist. Nur dass Hausner ihren überwiegend in einem Luxemburger Studio (und in Brandenburg sowie Österreich) entstandenen Film strenger kadriert und choreografiert, ohne sich ihren Figuren je kühl zu nähern (Kamera: Martin Gschlacht).

Graf entwickelt historische Wahrhaftigkeit aus einer utopisch-visionären Natürlichkeit heraus, Hausner aus der Stilisierung. Die daraus resultierende Komik setzt sie als Kontrastmittel ein, um die Tragik dieser behaupteten Liebe hervorzukehren: Der vermeintliche Doppelselbstmord war zur Hälfte vielleicht schlicht ein Mord. „Was ich sagen wollte ...“, setzt Henriette an, dann fällt der Schuss. Eine Bemächtigung, eine Erfindung (laut Obduktionsbericht hatte sie Gebärmutterkrebs; der Film behauptet post mortem das Gegenteil), aber eben auch: eine Wahrheit.

Henriette Vogel: Sie verkörpert die Verstörung einer ganzen Epoche

Hier die Rechtlosigkeit und Einsamkeit der Ehefrauen und Mütter, die brav ihr Veilchen-Lied singen und auch dann kaum gehört werden, wenn sie sich an der Konversation beteiligen wollen wie die modern eingestellte Sophie (Katharina Schüttler). Dort die gelehrten Herren, die Henriette wegen ihrer Ohnmachtsanfälle erst nur belächeln – „es ist nichts Ernstes“, sagen die Ärzte, „Papperlapapp“, meint selbst die Mutter –, um sie dann für unheilbar krank zu erklären. Der einzige Therapieversuch ihres (offenbar psychischen) Leidens: Hypnose-Hokuspokus mit Gustav-Peter Wöhler.

Dass Henriettes Mann, ein redlicher, liberaler Beamter, sie auf Händen trägt und es herzensgut meint, wenn er sie mit Kleist ins Grüne schickt, registriert der Film nebenbei auch noch. Die frische Luft tut dir gut: Was für ein Satz, wenn man weiß, auf welchen Ausflug Henriette und Heinrich sich da begeben.

Nicht zum ersten Mal entkleidet Jessica Hausner ein Genre zur Kenntlichkeit; die 42-jährige Wienerin ist eine Meisterin solcher Versuchsanordnungen. Ihr Kammerspiel „Hotel“ (2006 im Kino) war ein Horrorfilm ohne Monster: Der Horror kroch allein aus den Hotelwänden und dem dunklen Wald hinter dem Haus. „Lourdes“ von 2009 ist ein Religionsfilm ohne Religion und ohne Gott (mit dem Wallfahrtsort als gigantischer Bühne), „Amour fou“, ein Liebesfilm ohne die Liebe. Und jedes Mal rückt Hausners Ästhetik der Aussparungen eine zwar bedrängte, verstörte, aber unglaublich eigensinnige Frau in den Fokus ihrer Sittengemälde: Franziska Weisz in „Hotel“, Sylvie Testud in „Lourdes“, Birte Schnöink in „Amour fou“. Über die reale Henriette Vogel ist wenig bekannt, Hausner porträtiert mit ihr die Verstörung einer ganzen Epoche.

Ab Donnerstag in den Berliner Kinos Eiszeit und Hackesche Höfe.

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