Im Kino: Im Strahl der Sonne : Der Zensor ist nackt

Realsatire aus dem Rotgardisten-Stadl: In der Nordkorea-Doku „Im Strahl der Sonne“ werden die Arrangements als solche erkennbar.

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Bling Bling. Ein Würdenträger posiert vor nordkoreanischen Schülern. Foto: Salzgeber
Bling Bling. Ein Würdenträger posiert vor nordkoreanischen Schülern.Foto: Salzgeber

Auf der Weltkarte auch der Filmemacher ist Nordkorea nach wie vor ein dunkles Feld. Ergattert man eine Dreherlaubnis, steht man unter permanenter staatlicher Rundumüberwachung und muss das gedrehte Material allabendlich bei den Bewachern zur Zensur abliefern. So zeigten viele Filme die immer gleichen Monumente und Musterorte. Nur selten und für ein paar Sekunden gelang ein heimlicher Blick auf verfallene Wohnruinen oder verhärmte Landarbeiter.

Vor sieben Jahren hatte der Däne Mads Brügger in „The Red Chapel“ das Regime mit einem vorgetäuschten Comedy-Projekt gefoppt und bloßgestellt. Nun präsentiert der russisch-ukrainische Dokumentarfilmer Vitaly Mansky eine andere kühne und gewitzte Enttarnungs-Variante. Offiziell über die russischen Behörden vermittelt, hatte er die Erlaubnis für das Porträt eines Mädchens bekommen – laut eingereichtem Drehbuch systemkonform gipfelnd in der Zeremonie ihrer Aufnahme zu den Pionieren am Geburtstag des sogenannten Großen Führers. 75 Drehtage bei drei Aufenthalten wurden genehmigt. Und auch wenn man Mansky die Scheinfreiheit gegeben hatte, seine Protagonistin unter fünf „Hauptdarstellerinnen“ selbst auszusuchen, war der Rest das übliche Fake: präparierte prächtige Wohnungen, falsche Arbeitsplätze in Musterbetrieben – und Ko-Regisseure, die so lange proben ließen, bis jeder Begeisterungslacher saß.

Nun ist Mansky ein gestandener und Diktatur-erprobter Profi-Filmemacher. Also filmte er – vielleicht begünstigt durch die technische Unerfahrenheit seiner Aufpasser – das langwierige Einrichten solcher Szenen kurzerhand mit. Und fand eine Möglichkeit, das Material beiseitezuschaffen und zur Essenz seines Films zu machen. So zeigt der Film die Vater-Mutter-Kind-Idealfamilie in gleich drei Varianten in ihrem falschen Wohnzimmer beim üppigen Abendessen, während ein nicht eben talentierter Arrangeur an Sätzen und Sitzanordnungen herumlaboriert.

250-prozentige Produktionserfüllung wird leidenschaftlich bejubelt

Prächtig auch gelingt die Realsatire aus dem Rotgardisten-Stadl, wenn schmuckrot behaubte Textilarbeiterinnern auch ihre 250-prozentige Produktionserfüllung noch leidenschaftlich bejubeln oder ein mit Orden über und über behängter General sogar während eines patriotischen Vortrags durch Regieanweisungen unterbrochen wird. Und zwischen allgegenwärtigen nationalistischen Kriegsreminiszenzen, totalitären Architekturen und Choreografien filmt Mansky die leeren Blicke von Statisten und Publikum.

Kein Wunder, dass Nordkorea die Veröffentlichung von Manskys Film verhindern wollte. Vor allem aber verblüffen die kontraproduktiv plumpen Inszenierungsstrategien des Regimes. So ist Manskys Film auch ein Lehrstück über die Relativität ästhetischer Wirkung. Ironisch dabei nur, dass der unter dem Namen „Under the Sun“ auf Festivals von Leipzig bis Hongkong herumgereichte und mehrfach preisgekrönte Film in der deutschen (um 15 Minuten gekürzten) Fassung mit einem eigens verfertigten, onkelhaft belehrenden Kommentar versehen wurde. Im Original hatten nüchterne Texttafeln die Hintergründe erklärt. Offensichtlich traut man auch dem deutschen Publikum nicht genug eigenständiges Urteilsvermögen zu.

Acud-Kino, Filmkunst 66, Krokodil, Moviemento, Tilsiter (alle OmU)

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