Im Kino: Jonas Rothlaenders "Fado" : Kopfkino eines Eifersüchtigen

Jonas Rothlaenders starker Debütfilm „Fado“ über eine zum Scheitern verurteilte Liebe kommt dem Zuschauer eindringlich nah.

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Fabian (Golo Euler) und Doro (Luise Heyer).
Zweisam einsam. Fabian (Golo Euler) und Doro (Luise Heyer).Foto: missingFILMs

Füreinander sind sie die alte Geschichte – Doro (Luise Heyer) und Fabian (Golo Euler). Die junge Architektin wollte für einen Halbjahresjob nach Portugal, der junge Arzt war, so ging die bilaterale Sprachregelung, „überfordert“ mit dieser absehbaren Abwesenheit. Und war er nicht ohnehin schon vorher, auch das sagt man gern mal in einem Wort, „krankhaft eifersüchtig“ gewesen? Also: Aus und vorbei mit der Liebe. Oder zumindest mit der Beziehung. Ist ja vielleicht auch vernünftiger so.

Alte Liebesgeschichten aber, besonders junge alte, lassen sich oft nicht sauber wegverhandeln – und als Fabian einer Patientin, die Doro zufällig extrem ähnlich sieht, in der Notaufnahme nicht das Leben retten kann, fährt er kurzerhand nach Lissabon. Lissabon, die Erdbebenstadt. Und gleich nebendran der Atlantik, wo in schlimmen Wellen schon mal ein paar Surfer totgehen. Und dann erst Doros erste Worte, als er sie aufspürt: „Was willste'n hier?“ Und als er sich eine kleine Wohnung und einen NGO-Job bei „Medicos do mundo“ besorgt: „Jetzt willste hier länger bleiben oder wie?“

Ein unbehaglicher Film

Unbehaglich ist dieser erste Spielfilm von Jonas Rothlaender (nach der Doku „Familie haben“) von Anfang an – aber ist es der Job von Spielfilmen, zumal den besseren, behaglich zu sein? Unbehaglich, weil die alte Geschichte, als sie dann doch noch einmal in zartem Anlauf eine neue werden will, gleich wieder losgeht. Denn da gibt es Francisco (Albano Jerónimo), diesen verdammt smarten Arbeitskollegen, den Doro ganz offensichtlich irgendwie toll findet, und da ist auch seine Kollegin Maria (Isabel Abreu) die so ärgerlich anspielungsreiche Storys erzählt, wenn man mal abends zu viert und nur sehr bedingt behaglich beim Wein sitzt. Fabian bleibt der kühl verstockte, misstrauische Beobachter, der sich für solche Begegnungen nur das Nötigste an Sozialkompetenz überstreift. Er will Doro und sonst gar nichts. Und Doro soll auch nur Fabian und Fabian und Fabian und sonst niemanden wollen.

Fado übrigens, die berühmte melancholische Volksmusik, die sich dem vergeblichen Schmachten ganz als schöner Sucht ergibt, wird wenig gesungen in „Fado“. Andererseits bedeutet das Wort im Portugiesischen auch „Schicksal“, und das trifft es schon eher. Vielleicht ist es Fabians Schicksal, dass er nicht glücklich werden kann, was auch heißt: dass er nicht glücklich machen kann? Der Film kreist um diesen Befund, ohne nach letztlich beruhigenden Erklärungsmustern in Fabians Biografie zu fahnden; lieber sucht er den Strudel immer beklemmenderer Beispielsituationen, trudelt von Eifersuchtsattacke zu Eifersuchtsattacke, schaut dem Zerstörungswerk, dem die immer fassungslosere Doro sich immer mehr entzieht, selber bloß zu. Als wollte „Fado“ – der Film hält sich konsequent an Fabians Perspektive – im Kopf des Eifersüchtigen verschwinden; vom Herzen ist hier besser nicht die Rede.

Die beiden Hauptdarsteller beeindrucken

Die beiden Schauspieler verwachsen fast mit ihren Rollen, so eindringlich nah kommen sie dem Zuschauer und so schmerzhaft seelenfern scheinen sie einander, selbst beim Sex. Golo Euler gibt den kontrollierenden Mann, der sich selber so lange eisern kontrolliert, bis es zur Übersprungshandlung kommt – insofern unheimlicher noch als unlängst Sabin Tambrea in „Ma folie“, Andrina Mračnikars verblüffend verwandtem Kinodebüt. Luise Heyer dagegen, aus Edward Bergers „Jack“ noch als die faszinierend haltlose junge Mutter in schlimmstbester Erinnerung, wirkt stets wie angesteckt von anderweitigen Temperaturen. Durchaus möglich, dass sie – mit Francisco oder mit anderen – gerade so glüht vor Lust, wie sich der in seiner seltsamen Liebe frierende Fabian das vorstellt.

Irgendwann dreht Rothlaender, nach spannendem Pianissimo, ein bisschen an den Lautstärkereglern, zieht auch das Tempo behutsam an. Hilft nichts, eine Katharsis ist nicht in Sicht: nicht mal eine Katastrophe, die immerhin Erlösung bedeuten würde. So tänzelt, taumelt „Fado“ bedrohlich nah am Leben. Was für ein Abenteuer.
Brotfabrik, City Kino Wedding, FaF, fsk

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