Im Kino: „Song to Song“ : Der Geschmack des Lebens

In „Song to Song“ taucht Regisseur Terrence Malick in das Milieu der Musikszene ein und inszeniert eine Fabel von Versuchung, Verirrung und Vergebung.

Dominik Kamalzadeh
Alles Reale ist verderblich. Die Musikerin Faye (Rooney Mara) arbeitet für den Produzenten Cook (Michael Fassbender), träumt aber von einer eigenen Karriere. Ryan Gosling spielt den Sonnyboy B.V.
Alles Reale ist verderblich. Die Musikerin Faye (Rooney Mara) arbeitet für den Produzenten Cook (Michael Fassbender), träumt aber...Foto: Broad Green Pictures/Van Redin

Terrence Malick galt lange als der geheimnisvolle Unbekannte des US-Kinos. Auf „Badlands“ und „In der Glut des Südens“ Anfang und Ende der 70er Jahre folgte große Stille. Erst 20 Jahre später kehrte er mit „Der schmale Grat“ zurück. Der Mythos wurde durch Gerüchte um seinen Ausstieg genährt, der keiner war: Er hat immer wieder Tritt zu fassen versucht. Das gelang ihm erst mit der digitalen Wende im Kino, dessen Ökonomie seiner improvisierten, literarischem Bewusstseinsstrom ähnlichen Arbeitsweise – er arbeitet nur mit Drehbuchskizzen – entgegenkam.

Inzwischen dreht er mit schöner Regelmäßigkeit Filme. Seitdem hat sich aber bei Teilen des Publikums ein Gefühl von Überdruss eingestellt. „Song to Song“ wird keine Wende einläuten. Den Film verbindet viel mit „To the Wonder“ und „Knight of Cups“, die man zusammen als Trilogie sehen kann. Ein wenig ergeht es Malick wie dem Glücklichen, der sein Glück nicht mehr teilen kann. Damit hat er mit seinen Figuren, die nach einer Wahrhaftigkeit der Empfindung suchen und diese allenfalls für kurze, erhabene Momente erlangen, wohl mehr gemein, als ihm lieb ist.

War „Knight of Cups“ ein Film über Hollywood, befasst sich „Song to Song“ mit der Musikszene. Gedreht wurde in Austin, Texas, teils im Backstagebereich lokaler Bands. Obwohl Punk-Veteranen wie Iggy Pop, Lykke Li und Patti Smith in Cameos auftreten – Letztere verkörpert mit ihrer ätherischen Erdigkeit einen geglückten Alternative-Lifestyle –, ist „Song to Song“ kein Film über das Versprechen von Musik oder die Möglichkeiten von Pop. Vielmehr taucht Malick in das Milieu nur wie in eine Kulisse ein, um eine weitere Fabel von Versuchung, Verzückung, Verirrung und Vergebung zu inszenieren.

Die junge Musikerin Faye (Rooney Mara) arbeitet als Texterin für den Produzenten Cook (Michael Fassbender), träumt von einer eigenen Karriere und sucht den Geschmack eines Lebens im Augenblick. Malick arbeitet mit Archetypen: das junge Mädchen, der aalglatte, zu keiner Empfindung fähige Verführer. Die beiden haben eine Affäre, doch sie verliebt sich in BV, den Ryan Gosling als Sonnyboy spielt. Allerdings ist auch Malicks Version von „La La Land“ keine Traumfabrik. Ein Leben von Song zu Song, wie es in einem Text von Faye heißt, bleibt unmöglich. Alles Reale ist verderblich. Die Fantasie purer Gegenwart suchen alle Figuren von Malick. Keine kann sie bewahren. In Malicks Spätwerk hat Scheitern immer auch etwas von einem Sündenfall. Die Liebenden werden durch Cook auseinandergetrieben, der im Sex vor allem Bestätigung bis zur Zerstörung des Gegenübers sucht. Hier bewohnen alle Figuren dieselbe unvollkommene Welt.

Die Poesie ist immer greifbar

Seit „Badlands“ interessiert Malick der Weg, der durch moralische Konflikte führt, mehr als diese selbst. Es geht nicht um die Rückkehr ins Paradies, sondern ums wiedergewonnene Paradies, das noch eine Vorstellung von Gnade und Vergebung hat. Bis die Entfremdung zuschlägt, erinnert „Song To Song“ an die burleske Ausgelassenheit von Truffauts „Jules und Jim“, dessen Experimentiergeist Malick verehrt. Die Erzählung erweitert sich zur Ménage-à-trois. Emmanuel Lubezkis schwebende, tastende Kamera fasst Bilder ins Auge, die sich ganz dem Empfinden öffnen. Orte in Austin, Wohnungen, Konzerte, beiläufige Straßenszenen, erhabenes Schauspiel der Natur: Alles wird vom Spiel der Liebenden beseelt.

Das improvisatorische Moment gerät manchmal zu sehr zur Methode. Schauspieler albern am Strand zu Dylans „Rollin’ and Tumblin’ “ herum. Dazu Klischees wie ein zerstampftes Champagnerglas. Aber die Poesie ist immer greifbar. Es gibt ekstatische Szenen: das Betasten eines Gesichts im neondurchzuckten Nachtclub. Die Zusammenhänge sind nicht immer festzumachen, davon muss man sich bei Malick befreien. „Song To Song“ begleitet Fayes Suche nach dem Realen mit entgrenzten Bildern. Malick erweitert den Rahmen der Welt und verharrt dabei doch immer wieder auf dem bangen Gesicht von Rooney Mara. Sie ist sein menschlicher Fluchtpunkt.

In zehn Berliner Kinos, alle OmU oder OV, außer Cinemaxx am Potsdamer Platz und Union Filmtheater

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