Im Kino: „The Party“ : Die Hölle, das sind wir

Sally Potter ist die Grande Dame des experimentierfreudigen britischen Autorenkinos. In ihrer bösen Comedy „The Party“ rechnet sie mit dem hemmungslosen Karrierismus in Brexit-England ab.

Freunde oder Feinde. Timothy Spall, Cillian Murphy, Emily Mortimer und Patricia Clarkson (von links).
Freunde oder Feinde. Timothy Spall, Cillian Murphy, Emily Mortimer und Patricia Clarkson (von links).Foto: Adventure Pictures Ltd.

Gleich geht es los, das zwanglose Dinner mit Freundinnen und Gefährten. Rotwein ist da, der Knistersound einer Jazzplatte füllt das Wohnzimmer, in der Küche packt die Hausherrin Janet (Kristin Scott Thomas) Involtini in die Röhre. Es ist die Ruhe vor dem Sturm in dem Londoner Haus, das die britische Regisseurin Sally Potter als Bühne für „The Party“ gewählt hat. Schwarz-weiß nach Art der guten alten Screwballcomedy, schlagfertig und temporeich wie bei Yasmina Reza oder Edward Albee legt ihr Drehbuch offen, wie schnell politische Überzeugungen ins Wanken geraten, Lüge und Verrat die glatte Fassade bröckeln lassen.

Da sieht man noch vor dem eigentlichen Beginn in einer Art Vorspann die Hausherrin, wie sie mit der Pistole auf einen neuen Gast und eigentlich mitten ins Publikum zielt. Da ist ganz groß im Bild der introvertierte Blick von Bill (Timothy Spall), Janets Ehemann, wie er vergrämt und verzweifelt vom Lehnstuhl hinaus auf die mannshohe Gartenmauer starrt. Ein Zimmer mit Aussicht ist die Partyzone des Fifty-Something-Paars und seiner Gäste nicht gerade, im Gegenteil.

Janet lädt ein, um eine Etappe auf ihrem Weg zur politischen Macht zu feiern. Frisch gekürt als Gesundheitsministerin im Schattenkabinett des linken Premierministerkandidaten, sammelt sie ihre Freundinnen April und Martha um sich. Eine lange Geschichte als selbstbewusste Feministinnen und Linksliberale verbindet die Frauen, aber die explosive Stimmung des Abends macht klar, dass sie alle längst mit sich selbst, ihrer brillanten Boshaftigkeit und zynischen Skepsis gegenüber der Politik beschäftigt sind.

April (Patricia Clarkson), die elegant gestylte Journalistin, hat ihren Gottfried (Bruno Ganz) im Schlepptau, einen begnadet duldsamen Esoteriker, der sich von seiner spirituellen Mission nicht abbringen lässt, auch wenn April ihn abkanzelt. Martha (Cherry Jones), die Universitätsprofessorin im androgynen Outfit, verliert die Fassung, als ihre junge Lebensgefährtin mit der Nachricht hereinplatzt, sie erwarte nach gelungener künstlicher Befruchtung sogar Drillinge. Und dann ist da noch Tom (Cillian Murphy), ein junger Banker, der ohne seine Frau Marianne, Janets Assistentin, gekommen ist, um die Party zu einem – grandios schiefgehenden – Rachefeldzug zu nutzen.

Ihre Figuren sind Stellvertreter des linksliberalen Milieus

Bill, der stoische Rotweintrinker, kann nicht anders, als der schnatternden Runde mitzuteilen, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Bills metaphysische Frage „Warum ich?“ hat keinen Platz, wenn der zappelige Tom die Rache für Bills Seitensprung mit seiner Frau durchsetzen will. April wiederum warnt davor, den Patienten in einer Privatklinik behandeln zu lassen, wo Janet doch als Politikerin das miserable öffentliche Gesundheitssystem verteidigen muss. Sally Potter ist seit „Thriller“, einem Essayfilm über Mimis Tod in Puccinis „La Bohème“, oder „Orlando“, ihrer Epochen- und Gendergrenzen sprengenden Virginia-Woolf-Adaption, die Grande Dame eines experimentierfreudigen britischen Autorenkinos. Ihr Werk lebt nicht zuletzt von ihrem Interesse an feministischen Themen – und von einer engen Beziehung zur Musik und zum Tanz.

Mit „The Party“, der auf der Berlinale uraufgeführt wurde, ist Potter nun eine schwarze Komödie gelungen, die mit dem hemmungslosen Karrierismus der linksliberalen Milieus in Großbritannien abrechnet. Es sind solche Figuren, die sie für die Schwäche der Labour-Partei in den letzten Jahren verantwortlich sieht. Dass die Wahlergebnisse inzwischen besser aussehen, tut der Wirkung ihrer Farce keinen Abbruch. Hinter Lug und Trug, Ehrgeiz und Kontrollzwang macht sie auch Ängste und Verlustgefühle aus. Sally Potter liebt diesen Haufen arroganter Blender, den sie in ihrem Film durch die Hölle schickt.

Ab Donnerstag in den Berliner Kinos Capitol, CinemaxX P. Platz, FT Friedrichshain, OmU: Babylon Kreuzberg, Central, Eiszeit, Hack. Höfe, International, Kulturbrauerei, Moviemento, Odeon, Passage, Tilsiter, Yorck, OV: CineStar, Rollberg

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