Kultur : Inseln im Strom

Zwischen Berlin und Brooklyn:  Das Lisbeth Quartett ist eine der führenden jungen Jazzformationen. Eine Begegnung.

Roman Rhode
Tiefentaucher. Charlotte Greve, Marc Muellbauer, Moritz Baumgärtner, Manuel Schmiedel (v. l. im Uhrzeigersinn). Foto: Jochen Quast
Tiefentaucher. Charlotte Greve, Marc Muellbauer, Moritz Baumgärtner, Manuel Schmiedel (v. l. im Uhrzeigersinn). Foto: Jochen Quast

Auf den ersten Blick ein seltsamer Bandname – Lisbeth Quartett. Warum heißt es nicht nach dem Namen seiner Leaderin Charlotte Greve? Die 25-jährige Altsaxofonistin, die mit ihrem Pianisten Manuel Schmiedel zum Gespräch in einem Schöneberger Café sitzt, lächelt nur und sagt: „Mein zweiter Vorname ist Elisabeth.“ Und sie erklärt auch, dass der Name Lisbeth Quartett eigentlich ein Provisorium war. Er entstand, als sie und ihre Mitmusiker, allesamt Absolventen des Berliner Jazz-Instituts, sich zum ersten Mal auf die Bühne wagten. Ihnen angeschlossen hatte sich einer der Dozenten: Bassist Marc Muellbauer, der auch im Piano-Trio von Julia Hülsmann spielt und sein eigenes Nonett Kaleidoscope leitet. Der 46-Jährige ist der Älteste unter den Mittzwanzigern. Aber was bedeutet hier schon Alter?

Wenn Charlotte Greve ihr Saxofon ansetzt, dann trifft sie sofort den Ton. Der klingt mächtig, aber nicht dominant, sanft und präsent zugleich. Schmiedel, Muellbauer und Schlagzeuger Moritz Baumgärtner nehmen ihn auf, umkreisen ihn und bleiben doch alle in ihrer jeweils eigenen Mitte.

Der ungezwungene Ausdruck und die unaufdringliche Fingerfertigkeit haben den jungen Musikern schon viel Lob eingebracht. Beim Berliner Jazzfest 2011 durften sie ihre Musik gleich an zwei Abenden vorstellen. Für ihr zweites Album „Constant Travellers“ wurden sie 2012 als „Newcomer des Jahres“ mit einem Echo Jazz ausgezeichnet. Im selben Jahr gingen Grewe und Schmiedel nach New York. Dort absolvieren sie mit Hilfe eines Stipendiums ein musikalisches Aufbaustudium und sind bereits in die Szene einer Stadt eingetaucht, „wo gnadenlos untergeht, wer nicht erstklassig ist“, wie es im Pressetext zum neuen Album „Framed Frequencies“ heißt, Es erscheint wieder beim Berliner Label (und Studio) Traumton.

Die New Yorker Szene, sagt Schmiedel, sei natürlich viel größer, umtriebiger und unübersichtlicher als die im heimeligen Berlin, von der man auch schon behaupten könnte, dass sie aus allen Nähten platzt. Doch er fügt hinzu: „Ich bin dort, um zu lernen, nicht um mich zu behaupten.“ Greve sieht das genauso. Ihr geht es darum, „viel Musik zu hören und zu spielen“, was sie mittlerweile auch als Mitglied eines Quartetts in Brooklyn tut.

„Die Musiker dort“, sagt sie, „beschäftigen sich mehr mit ihren Wurzeln, als das hierzulande passiert. New York ist traditioneller als Berlin.“ Sie mag den atmosphärischen Post-Bop von Loren Stillman und den experimentierfreudigen von Oscar Noriega – beides große Altsaxofontalente und Lokalmatadoren auf dem Sprung zu einem internationalen Ruf.

Stilistisch will sich Greve nicht festlegen lassen. Sämtliche zehn Stücke auf dem gerade erschienenen Album „Framed Frequencies“ stammen aus ihrer Feder. „Entweder schreibe ich intuitiv, setze mich spontan ans Klavier und probiere zehn Melodien über drei Akkorden aus, oder aber ich bringe die Melodien direkt mit dem Stift zu Papier.“ Das Stück „Movement # 4“ ist ein Beispiel für ihre Methode. Es beginnt langsam, dann geht es einen Schritt vorwärts, einen zurück, gerät ins Stocken, bäumt sich auf und erreicht am Ende plötzlich die Höchstgeschwindigkeit.

Nicht nur hier zeigt das Quartett seine ganze Spielfreude. Das Album changiert in vielen Farben: mal verträumt, mal groovy, und auch wenn es vertrackt zugeht, klingt es stets wunderbar leicht. Hier sprühen die Funken des Kontrabasses, da perlt das Klavier, dort tanzen die die Drumsticks, und Greves oft elegisches Saxofon erreicht einen Höhepunkt an emotionalem Tiefgang.

Obwohl Charlotte Greve beim Komponieren schon die drei anderen im Ohr hat, ist es doch erst die ganze Band, die den Stücken ihr Arrangement und ihre endgültige Form gibt. Auf der Bühne wird das Material gemeinsam so lange weiterentwickelt, bis es ins Tonstudio geht. „Es tut jeder Band gut, über einen längeren Zeitraum zusammenzuspielen“, sagt Greve. „Durch unsere Touren, unsere Verlässlichkeit und das gegenseitige Vertrauen ist die Band zusammengewachsen.“ Für junge Musiker, die auch noch anderen Projekten nachgehen, ist das keine Selbstverständlichkeit. Aber in diesem Jahr feiert das Lisbeth Quartett sein fünfjähriges Bestehen.

Mit ihren Kollegen in der amerikanischen Ferne tauschen sich Schlagzeuger Moritz Baumgärtner und Bassist Muellbauer, die beide in Berlin geblieben sind, über E-Mail und Skype aus. Die Produktion eines Albums durch Overdubbing wäre für Greve undenkbar: „Musik lebt im Augenblick und aus dem Augenblick heraus.“ Auch wie stark ein solcher Moment sein kann, zeigt die Saxofonistin auf „Framed Frequencies“.

Im Booklet ist von Inseln die Rede, die man „hören, vielleicht fühlen, aber nicht sehen kann.“ Berlin und New York? Greve selbst spricht von einem „Inselblick“ während ihrer Arbeit. „Da gibt es eine zeitlich begrenzte Situation und einen bestimmten Raum, auf den sich die Wahrnehmung konzentriert. So ist es auch bei Konzerten. Die Intensität auf der Bühne steigert sich, das Publikum wird ausgeblendet.“

Die Stücke, zumeist lyrischen Charakters, nehmen sich oft sieben, acht Minuten lang Zeit und gewinnen dadurch manchmal fast eine epische Dimension. Wenn das Album insgeheim eine Brücke über den Atlantik spannt, so sind die Orte seiner mentalen Entstehung doch unwichtig geworden. Auf „Framed Frequencies“ finden sie im Strom eines ebenso komponierten wie improvisierten zeitgenössischen Jazz zusammen.

Piano Salon Christophori, Uferhallen, Uferstr. 8, Donnerstag, 9.1., 20.30 Uhr

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