Interview : „Ich hasse Folklore“

Berühmt geworden ist sie mit "Persepolis". Jetzt hat sie ihren zweiten Comic "Huhn mit Pflaumen" selbst verfilmt. Die Zeichnerin und Regisseurin Marjane Satrapi über ihr Pariser Exil, die Heimat Iran und ihr Verhältnis zur Folklore

Madame Satrapi, der unglückliche Held Ihrer Graphic Novel „Huhn mit Pflaumen“ ist ein Tar-Musiker, ein Virtuose auf der orientalischen Laute. In Ihrer eigenen Verfilmung spielt er Geige. Warum haben Sie dieses so prägnante Detail verändert?

Ganz einfach, wenn wir bei der Tar geblieben wären, hätten wir das Gleichgewicht beschädigt – und im Film geht es vor allem um Rhythmus und Gleichgewicht. Die Tar ist sehr groß, hat eine ungewöhnliche Form und einen sehr eigenen Klang und, vor allem, sie ist in Europa kaum bekannt. Mit einer Tar hätten wir ein ganzes Mysterium rund um das Instrument selbst hergestellt, dabei ist das Instrument doch nur ein Mittel, um von ganz anderem zu erzählen. Eine Geige dagegen ist international.

Schade eigentlich – die Tar hätte doch den orientalischen, folkloristischen Effekt Ihrer märchenhaften iranischen Geschichte aus den fünfziger Jahren hübsch verstärkt.

Folkloristisch? Ich hasse Folklore seit jeher. Weil Folklore immer nur die Unterschiede betont, mir dagegen geht es um das Universelle – um Liebesgeschichten, Revolutionen oder Erzählungen aus der Diktatur. In meinem Film „Persepolis“ zum Beispiel gibt es nur eine orientalistische Szene, und die spielt zur Ankunft des Mädchens in Wien. Alles, was sie vorher in Teheran erlebt, ist gänzlich frei davon. Oder denken Sie an Asghar Farhadis wunderbaren „Nader und Simin“: Der ist gerade nicht folkloristisch. Farhadi geht es um die Geschichte eines Paars, mit Lügen, mit Spannungen, mit geschlossenen Welten. Das ist so universell wie die Filmwelt von John Cassavetes.

Wo haben Sie in „Huhn mit Pflaumen“ sonst bewusst die Akzente verändert, vom Buch zum Film?

Das Buch ist sehr stilisiert, ganz ohne Dekor. Hätte ich das eins zu eins in einen Realfilm umsetzen wollen, nun, dafür müsste ich schon einen sehr strengen Begriff vom Kino haben. Dabei will ich das Kino doch feiern. Also haben wir nur die Zeitstruktur und die Rückblenden beibehalten und im Übrigen Dialoge hinzuerfunden, Nebenstränge der Handlung eingefügt und andere weggelassen.

Andererseits denken Sie in einer Graphic Novel bereits in Bildern. Ist das dem Kino nicht ohnehin schon nahe?

Graphic Novels sind Schrift, sie gehören zur Familie der Literatur. Man schreibt auch, indem man zeichnet, man illustriert nicht einfach einen Text. Man zeichnet, was nicht im Text enthalten ist, und umgekehrt, man zeichnet eben nicht, was man sagt – und tut das in einer eigenen Sprache, so wie das Kino seine Sprache hat: Bewegung, Ton, Licht und Kadrierung.

Die Geschichte Ihres Musikerhelden Nasser Ali, der sterben will, weil seine Frau ihm die geliebte Laute im Streit zerbrochen hat: Sie soll, so heißt es, auf der Biografie Ihres Großonkels beruhen. Oder ist sie doch eher ihrer Fantasie entsprungen?

Von diesem Großonkel weiß ich nur sehr wenig, er starb 1958, ich bin elf Jahre später geboren. Er soll ein toller Musiker gewesen sein und ein großer Melancholiker noch dazu, die Leute blieben auf der Straße stehen, wenn er in seinem Garten Laute spielte. Meine Geschichte beruht eher auf einer Legende um den persischen Dichter Fariduddin Attar, der im 12. Jahrhundert lebte. Er hatte einen Laden im Basar von Nischapur, und als er sich eines Tages weigerte, einem Derwisch Geld zu geben, sagte der Derwisch: Dann lege ich mich gleich hier hin und sterbe. Darauf schloss Attar seinen Laden, ging weg und wurde Dichter.

Der Derwisch macht es also wie Ihr Held: Er stirbt buchstäblich, weil er nicht mehr am Leben teilnehmen will. Was fasziniert Sie an einer so finsteren Geschichte?

Ich selber habe ein ganz besonderes Verhältnis zum Tod. Es gibt zwar nichts Scheußlicheres auf der Welt als jemand Depressiven, aber ich hatte selbst einmal eine schwere Lebenskrise. In „Huhn mit Pflaumen“ wollte ich genau so eine Geschichte auf anziehende Weise erzählen. Als die Geschichte zwar eines Unsympathen, aber mit lustigen, absurd komischen Augenblicken. Auch wer eine Depression durchlebt, steckt ja nicht ununterbrochen in diesem Zustand.

War das in Ihrer Zeit als halbwüchsiges Mädchen und völlig fremd in Wien, wie Sie es in „Persepolis“ beschrieben?

Nein, über zehn Jahre später, da war ich schon in Paris. Vorher lebte ich in einem dauernden Kampf. Da hat man gar keine Zeit, depressiv zu werden, so wie Familien und Ehen ja auch in Kriegen nicht zerbrechen, sondern sich gegen äußere Gefahren wappnen. Ich war geprägt durch Revolution, Krieg und Exil, dann durch die Zähigkeit, mir in Paris einen Platz zu erobern – und plötzlich wurde mein Leben ruhig. Ich hatte eine Wohnung, einen Mann, der mich liebte, ja, sogar sein Gehalt reichte für uns beide. Es war, als stellte ich meine Koffer ab. Und auf einmal spürte ich das Gewicht der Vergangenheit, diese ganzen 15 Jahre.

Und wie kamen Sie aus der Depression wieder raus?

Weil mich alles schnell langweilt, kann ich wohl auch nicht lange deprimiert sein! Eines Abends hatte ich extreme Atembeschwerden und rief deshalb einen Krankenwagen, man tippte auf Asthmaanfall und wickelte mich wie ein Brathühnchen in Alu-Folie, und beim Transport im Treppenhaus stürzte ich von der Trage. Dabei verletzte ich mich am Kopf. Die Wunde musste genäht werden, aber von meiner Depression hat mich das schlagartig geheilt.

Ihrem depressiven Künstlerhelden im Film lassen Sie einiges durchgehen. In seiner Familie darf er den Patriarchen und Faulpelz geben. Nicht gerade feministisch …

… ich bin auch gar nicht besonders feministisch! Natürlich geht es nicht, dass in Frankreich Frauen etwa 25 Prozent weniger verdienen als Männer, aber wenn das umgekehrt den Männern passieren würde, würde mich das genauso schockieren. Ich bin für Gleichheit, für Humanismus. Wie gut, dass ich mit einem Schweden verheiratet bin, in Schweden sind solche Probleme schon seit langem gelöst. Aber „Huhn mit Pflaumen“ spielt in den fünfziger Jahren, im Iran. Mein Held ist ein Patriarch, aber kein Idiot. Sicher, er ist abscheulich, narzisstisch, aber er hat ein gebrochenes Herz und ein Recht, seine Frau und seine Kinder nicht zu lieben. Er hat seine Würde, darüber gehe ich nicht mit schlichten Werturteilen hinweg.

Seine Angebetete heißt Irâne, das klingt wie Iran …

… im Iran ein ganz normaler Frauenvorname, so wie France in Frankreich ...

… und sein letztes Wort lautet „Irâne“: Lässt sich die ewige Liebe des Lautenspielers als Ihre eigene Liebeserklärung an die Heimat deuten?

Ja, ich empfinde eine große Sehnsucht, und ich hoffe, dass man mich anerkennt an dem Tag, an dem ich zurückkehren werde. Das letzte Mal war ich im Januar 2000 dort, ein paar Tage nur.

Und warum seither nicht mehr?

Als ich die „Persepolis“-Comics veröffentlichte, legte man mir nahe, besser nicht mehr hinzufahren. Erst dachte ich, das ist nur die Paranoia von Leuten, die mich vor Schlimmem bewahren wollen. Als aber 2007 die „Persepolis“-Verfilmung ins Kino kam und die Offiziellen im Iran sehr wütend darauf reagierten, habe ich verstanden. Schließlich sitzen dort Leute, die so denken wie ich, im Gefängnis. Und ich habe nur dieses kleine Leben – darüber sollen nicht andere entscheiden dürfen. Eingesperrt zu sein, das würde ich überhaupt nicht aushalten. Ich würde binnen einer Woche sterben.

Ihr berühmter Regie-Kollege Jafar Panahi lebt in seinem Haus fast wie in einem Gefängnis. Sicher eine Art Märtyrer für Sie.

Ich bewundere seinen Mut, ich bewundere alle, die dort bleiben und arbeiten. Aber Panahi hat immer im Iran gelebt, er hat seine Filme in seiner Sprache und mit iranischen Schauspielern gedreht. Ich bin mit 14 das erste Mal weggegangen, fühle mich in Österreich so zu Hause, wie ich Französin bin in meinen Vorlieben, auch in meiner Art zu denken. Und mit 24 ging ich definitiv weg. Es gab einfach Dinge im Iran, die ich nicht mehr ausgehalten habe. Ich war nicht dafür gemacht, dort zu leben.

– Das Gespräch führte Jan Schulz-Ojala.

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