• Interview zum Schwabinger Kunstfund: "Der Staat hat lange zu wenig für die Provenienzforschung getan"

Interview zum Schwabinger Kunstfund : "Der Staat hat lange zu wenig für die Provenienzforschung getan"

Andreas Hüneke ist Experte für die Forschung zur "Entarteten Kunst". Im Interview spricht er über den Gurlitt-Fund, die Mitverantwortung der Museen und des Kunsthandels, über Versäumnisse von staatlicher Seite und die Frage, ob das NS-Beschlagnahme-Gesetz von 1938 endlich aufgehoben werden sollte.

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Vier Werke (bzw. eins) aus dem spektakulären Münchner Kunstfund. Im Uhrzeigersinn: Hans Christophs Aquarell "Paar" (das Foto der App-Ausgabe) von 1924, Max Liebermanns "Reiter am Strand" von 1901, Wilhelm Lachnits "Mann und Frau am Fenster" (1923) und Antonio Canaletto: «Sa. Giustina in Prà della Vale» 1751/1800. :
Vier Werke (bzw. eins) aus dem spektakulären Münchner Kunstfund. Im Uhrzeigersinn: Hans Christophs Aquarell "Paar" (das Foto der...Foto: Staatsanwaltschaft Augsburg/dpa

Der Kunsthistoriker Andreas Hüneke, Jahrgang 1944, arbeitet seit 2003 an der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der FU Berlin. Ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin ist dort Meike Hoffmann, die jetzt als Mitglied der Taskforce mit dem Gurlitt-Fund befasst ist.

Herr Hüneke, in den Diskussionen der letzten Wochen purzelten die Begriffe wild durcheinander: Beutekunst, Raubkunst, verfolgungsbedingt entzogene Kunst, Entartete Kunst. Wo liegt  der Unterschied zwischen Provenienzforschung und dem, was Sie als  Forschung zur „Entarteten Kunst“ betreiben.

In gewisser Weise ist es auch Provenienzforschung, was wir betreiben, wobei wir normalerweise in die andere Richtung gehen. Provenienz heißt ja, wo es herkommt. Wir gehen hingegen davon aus, wo es gewesen ist, und versuchen herauszubekommen, wo es heute ist. Die „Entartete Kunst“ bezeichnet das, was 1937 in deutschen Museen beschlagnahmt worden ist. Dazu ist 1938 auch das Gesetz erlassen worden. Es wird immer wieder fälschlich behauptet, dieses Gesetz wäre auch für die Beschlagnahme von Privatbesitz ursächlich. Im Gesetz steht jedoch ausdrücklich, dass es sich um diejenigen Werke handelt, die 1937 in den Museen beschlagnahmt worden sind. Für alles andere gilt es nicht. Die Werke sind den Museen damals entschädigungslos entzogen worden und nach Möglichkeit über den Kunsthandel verkauft worden. Dieser Eigentumswechsel hat aufgrund eines Rechtsvorgangs stattgefunden und ist  bis heute rechtmäßig.

Ihre Motivation als Forscher ist also eine ganz andere: Es geht nicht darum, Nachkommen oder Erben Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern einen historischen Vorgang zu rekonstruieren?

Es geht darum, Sammlungsgeschichte aufzuarbeiten und Forschungen zum Werk einzelner Künstler zu befördern.

Wie sind Sie denn persönlich zur Forschung über „Entartete Kunst“ gekommen?

Ich habe mich schon als  Jüngling für die Moderne interessiert, die damals in der DDR noch etwas scheel angesehen wurde. Die Stalinzeit mit ihren Frontalangriffen war zwar vorüber, aber so richtig gern sah man das immer noch nicht. Zu den wenigen Museen, in denen Werke der Moderne zu sehen waren, gehörte neben der Ost-Berliner Nationalgalerie die Moritzburg in Halle. Als die dann zu meiner ersten Arbeitsstelle wurde, hat mich interessiert, was dort früher für eine Sammlung gewesen ist. Das wussten die selbst nicht so genau, also fing ich an, danach zu forschen. Im Zentralen Staatsarchiv der DDR in Potsdam gab es die Unterlagen des Reichspropagandaministeriums zur Aktion „Entartete Kunst“.

Sie gehören zu den Pionieren dieses Forschungsthemas. Wie hat sich die Forschung in den letzten Jahrzehnten methodisch entwickelt?

Die Entwicklung verlief in Schüben. 1987 war ein wesentlicher Anstoß der 50. Jahrestag der Beschlagnahmeaktion. Damals haben mehrere Museen ihre Bestände erstmals dazu erforscht. Es gab die erste noch unvollständige Rekonstruktion der Münchner Ausstellung von 1937 durch Mario-Andreas von Lüttichau und mich. Dann hat die Entdeckung der vollständigen Beschlagnahmeliste 1997 einen gewaltigen Schub verursacht. In der Folge entstand die Idee, die Forschungsstelle in Berlin zu gründen, finanziert durch die Ferdinand-Möller-Stiftung. Seitdem ist sehr viel mehr passiert, als es im Alleingang möglich gewesen wäre. Wir haben Themen für Abschlussarbeiten vergeben. So konnten wir Dinge überprüfen lassen, die lange immer wieder von irgendwoher übernommen und behauptet worden sind, ohne dass es Nachweise gab: zum Beispiel die Preisentwicklung. Da wurde lange behauptet, die „Entartete Kunst“ sei generell verschleudert worden. Inzwischen gibt es eine Dissertation von Gesa Jeuthe über die Preisentwicklung der deutschen Kunst auf dem internationalen Markt 1925 bis1955.

Oft ist es schwer, überhaupt die Namen der Künstler zu ermitteln

Das Schärfen des Bewusstseins für Werke, die privaten Sammlern aufgrund von politischer oder rassischer Verfolgung entzogen worden sind, wirkt in gewisser Weise auch auf unsere Forschungen zurück. Es gibt kleinere Überschneidungen, etwa da, wo Werke aus solchen Sammlungen ab 1933 in die Museen gelangten und dann 1937 in der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt und ausgesondert worden sind. Am bekanntesten sind Werke aus der Sammlung Littmann, einem Breslauer jüdischen Rechtsanwalt, die 1935 im Auktionshaus Perl von der Gestapo beschlagnahmt und an die Nationalgalerie überwiesen worden sind. Die Experten der Nationalgalerie sollten entscheiden, welche Werke als historische Belege erhalten werden sollten, der Rest ist dann vernichtet worden. Die aufbewahrten Werke sind 1937 beschlagnahmt und verwertet worden, als wären sie Besitz der Nationalgalerie – was sie nicht gewesen sind. Einiges ist inzwischen an die Erben restituiert worden.

Bei der Provenienzforschung, wie sie seit einigen Jahren an den Museen und durch die Arbeitsstelle in Berlin, die die Fördermittel vergibt, betrieben wird, geht es um die Werke, die seit 1933 und bis in die Nachkriegszeit hinein von den Museen erworben worden sind, bei denen die Möglichkeit besteht, dass sie aus solchen Sammlungen stammen.

Was macht die Forschung zur „Entarteten Kunst“, die notwendigerweise immer auch die Identifizierung von Einzelwerken beinhaltet, so kompliziert und schwierig?

Ein Problem ist, dass die Inventarisierung in den Museen damals nicht denselben Standards entsprach wie heute und noch nicht so viel fotografiert wurde wie heute. Bei Gemälden ist sie meist schon sehr sorgfältig, obwohl mir auch Fälle bekannt sind, wo Gemälde nicht inventarisiert worden sind. Bei Papierarbeiten kommt das häufiger vor. Von einigen Museen sind die Unterlagen im Krieg zerstört worden. Im Beschlagnahmeverzeichnis von 1937 sind nur die Nachnamen der Künstler angegeben, die Titel oft nur nach Augenschein, wenn der Titel nicht hinten groß drauf stand.

Es waren nicht die Kustoden der Museen, die das erfasst haben?

Nein, das war Rolf Hetsch, ein Kunsthistoriker, der beim Propagandaministerium angestellt war. Und bei 20.000 Werken, die man innerhalb weniger Wochen verzeichnen musste, blieb nicht viel Zeit. Auch die Techniken sind sehr ungenau angegeben, z.B. heißt es dann bloß Gemälde, Plastik oder Druckgrafik. Manchmal sogar Holzschnitt oder Lithografie, aber auch da gab es Irrtümer: Zeichnungen, die er für Lithos hielt oder umgekehrt. Am hilfreichsten sind heute historische Fotos. In etlichen Museen fehlen die Unterlagen zur Aktion „Entartete Kunst“ komplett, meistens wurden sie im Krieg zerstört. Außerdem verfügen die meisten Museen über kein von einem Archivar betreutes Archiv, die Aktenpflege lief und läuft oft nebenbei. Inzwischen machen sich zum Glück doch einige Museen daran, ihre eigene Geschichte systematischer aufzuarbeiten.

Können Sie denn mit der Expertise und Manpower der Forschungsstelle den Museen etwas unter die Arme greifen?

Das machen wir zuweilen. Es gibt die Möglichkeit, ein gemeinsames Projekt zu starten, wie wir es zusammen mit dem Kunstmuseum Düsseldorf gemacht haben, als Sonderprojekt, gefördert von der Gerda-Henkel-Stiftung. Da haben wir den ehemaligen Bestand aufgearbeitet. Bei kleineren Sammlungen kann man auch eine Abschlussarbeit zu dem Thema vergeben. Aus dem Museum muss natürlich die Bereitschaft da sein, das zu unterstützen.

Hat sich da bei den Museen in den letzten Jahren ein spürbarer Kulturwandel vollzogen?

Ja. Dennoch bleibt die Archivsituation kritisch. Wir versuchen da Einiges mit Studierenden zu realisieren.

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