Islamkritik : Der Kalte Krieg der Aufgeklärten

Zwischen Trauma und Vernunft: Der Westen fragt häufig nach muslimischer Selbstkritik, doch inzwischen sind Muslime die härtesten Kritiker des Islam.

Andreas Pflitsch

Wo bleibt die muslimische Selbstkritik, hieß es im Westen nach den Terroranschlägen von New York, Madrid und London. Warum gibt es angesichts der im Namen des Islam verübten Gräuel keinen nennenswerten Aufstand der Anständigen unter den Gläubigen? Ein großer Teil der bundesdeutschen Debatte über den Islam mag sich, weitgehend unter Umgehung derer, um die es dabei geht, in intellektueller Spiegelfechterei erschöpfen. An einer muslimischen Islamkritik mit dezidiert aufklärerischem Anspruch, starkem reformatorischem Impetus und zuweilen kämpferischer Renegatenattitüde herrscht jedoch längst kein Mangel mehr.

So bläst etwa der 1946 in Indien geborene und mittlerweile in den USA lebende Ibn Warraq in seinem Buch „Warum ich kein Muslim bin“ (Matthes & Seitz) zum Frontalangriff auf den Islam. Der Autor, der in Pakistan die Koranschule besucht und in Edinburgh Islamwissenschaften studiert hat, orientiert sich selbstbewusst an Luther und Nietzsche, fordert eine tief greifende Korankritik und sieht sich dabei keineswegs als Glaubensfeind, sondern als säkularer Humanist.

Im Islam macht er eine „totalitäre Ideologie“ aus, „die die ganze Welt beherrschen möchte“ und fordert die Freie Welt auf, dieser konsequent mit einem „Kalten Krieg der Aufgeklärten“ zu begegnen anstatt zurückzuweichen und nachzugeben. Der Westen sei auf fahrlässig naive Weise tolerant gegenüber der „mittelalterlichen Gesinnung“ eines „verknöcherten, totalitären und intoleranten“ Islam.

Ähnlich radikal äußert sich der seit 1995 in Deutschland lebende gebürtige Ägypter Hamed Abdel-Samad. In seinem autobiografischen Bericht „Mein Abschied vom Himmel“ (Fackelträger) hat er die eigene Gewalterfahrung und den anschließenden, abenteuerlich verschlungenen, über Marxismus, Muslimbruderschaft und Psychiatrie verlaufenden Weg aus der Traumatisierung beschrieben. Er habe sich durchaus nicht vom Glauben abgewendet, so Abdel-Samad in einem Interview, und halte den Koran weiterhin für „ein tolles Buch“. Sich selbst bezeichnet er als „Muslim, der vom Glauben zum Wissen konvertiert ist“. Als solcher wirft der heute in München lehrende Politikwissenschaftler und Historiker Europa eine Appeasementpolitik gegenüber dem Islam vor. Er lobt Dänemark und die Schweiz dafür, sich im Karikaturen-Streit und beim Minarett-Verbot standhaft gegen eine grassierende Islamhörigkeit gewehrt zu haben. Nun gelte es zu erkennen, wie er im Tagesspiegel schrieb, dass man es nicht beim Baustopp von Minaretten belassen dürfe, denn „wenn Ali mich mit einem Messer bedroht, hilft es überhaupt nicht, wenn ich seinem Kind den Spielball wegnehme!“

Nach den jüngsten islamistischen Attentaten auf den Karikaturisten Kurt Westergaard und ein amerikanisches Passagierflugzeug schloss Abdel-Samad, wiederum im Tagesspiegel, dass die Rede von der „Heterogenität und Anpassungsfähigkeit des Islams“ ein Trugschluss sei. Da die Attentäter aus Somalia und Nigeria stammen, sei der lange Zeit als gemäßigt geltende schwarzafrikanische Islam nun entzaubert. Es gebe ihn eben doch, den einen Islam. Die Unterschiede unter den rund eine Milliarde zwischen Marokko und Indonesien lebenden Muslimen seien vielleicht für „Theologen, Ethnologen und Kunsthistoriker von Interesse“, politisch aber seien sie, so Abdel-Samad, „ziemlich irrelevant“. Was den Islam letztlich ausmache, sei sein einheitlicher Charakter als „politische Ideologie und Geisteshaltung, die dem Glaubenssystem Islam entspringt“.

Anfang 2007 haben sich deutsch-muslimische Islamkritiker im „Zentralrat der Ex-Muslime“ organisiert. „Wir haben abgeschworen“, heißt es auf der Homepage. Koran und Menschenrechte hält die Vorsitzende des Zentralrats, Mina Ahadi, für grundsätzlich „nicht vereinbar“. Zugleich distanziert sich der Zentralrat der Ex-Muslime von fremdenfeindlichen Pauschalisierungen. Als im September 2008 in Köln ein „Anti-Islamisierungs-Kongress“ der rechts außen zu verortenden Initiative „Pro Köln“ angekündigt wurde, erklärten die Mitglieder einer „Kritischen Islamkonferenz“, an der der Zentralrat der Ex-Muslime beteiligt ist, es gehe dem „Anti-Islamisierungs-Kongress“ nicht darum, „die menschenrechtswidrigen, antidemokratischen und reaktionär-patriarchalischen Grundinhalte“ des Islam anzuprangern, sondern darum „Einwanderer aus der Türkei, dem Iran und arabischen Ländern pauschal als Bedrohung zu stigmatisieren.“ „Pro Köln“ mache sich der „populistischen Ausbeutung begründeter islamkritischer Stimmungen“ schuldig. Als entschiedene Säkularisten grenzen sich die Ex-Muslime insbesondere von der christlichen Rechten ab. Deren anti-islamische Abendlandrettungsfantasien würden bedeuten, so Ahadi, „die Pest gegen die Cholera eintauschen zu wollen“.

Tatsächlich ist die Gefahr kaum von der Hand zu weisen, Wasser auf die Mühlen der fremdenfeindlichen Rufer und Warner zu schütten. In ihrer Fundamentalkritik am Islam sind die muslimischen Kritiker gar nicht so weit von Rechtspopulisten wie Udo Ulfkotte entfernt. Der ehemalige „FAZ“-Redakteur und Gründer des sich gegen die Islamisierung Deutschlands stemmenden Vereins „Pax Europa“, warnt in seinen Büchern mit so sprechenden Titeln wie „SOS Abendland“ (Kopp Verlag) vor einem „zentralen Geheimbund“, der „mit grenzenlosem Hass und einer langfristigen Strategie die europäische Kultur zu zerstören sucht.“ Der Publizist Hans-Peter Raddatz raunt in „Allah und die Juden – Die islamische Renaissance des Antisemitismus“ (wjs Verlag) sogar von einem drohenden Völkermord an den Deutschen im Namen der Muslime.

Gefährlicher als solche leicht als pathologisch zu durchschauende Islamophobie ist die Tatsache, dass scheinbar weniger radikale, aber ebenso grobkörnige Ansichten über den Islam bis in liberale Medien wie den „Spiegel“ hinein konsensfähig geworden sind. Gänzlich absurd wird die Islamkritik da, wo die angeblich durch den Islam bedrohten westlichen Werte zugleich eingefordert und infrage gestellt werden. Deutsche Moscheegegner forderten schon 1997 im „Wertheimer Appell“ unter Berufung auf die „christlich-jüdisch-humanistische Tradition Europas“, die grundgesetzliche Religionsfreiheit gegenüber dem Islam nicht ganz so ernst zu nehmen. Ähnlich argumentiert auch Abdel-Samad, wenn er, seine eigene Rede vom einen Islam Lügen strafend, den Muslimen eine generelle Lernunfähigkeit unterstellt und fragt, wie „Europa mit Menschen zusammenleben“ will, „die nicht dabei waren, als die Europäer die Regeln des Zusammenlebens festgelegt haben“. Unisono warnen die Islamkritiker, muslimische wie nicht-muslimische, vor einer „falschen Toleranz“ des Westens, da diese notgedrungen fanatischen Umtrieben Tür und Tor öffne.

Wolfgang Benz, Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, hat angesichts solcher Pauschalisierungen wiederholt auf die strukturellen Parallelen von Antisemitismus und Islamophobie hingewiesen. Wenn deren Positionen neuerdings auch von Muslimen mit dem Gestus des unbestechlichen Insiderwissens und mit dem Etikett aufklärerischer Selbstkritik vertreten werden, verhärten sich die gefährlich starren Fronten weiter. Durch solche Zuspitzungen droht die im Umbruch befindliche islamische Gemeinschaft in Deutschland zwischen Hammer und Amboss aufgerieben zu werden. Da wird es dann eng für Muslime, denen scheinbar nur noch die Alternative zwischen Islamophobie und Islamismus bleibt, zwischen kompletter Selbstverleugnung einerseits und obsessiver Einigelung in den Dogmen der mutmaßlich eigenen Traditionen andererseits.

Wenn Islamkritik den Generalverdacht pflegt und in differenzierenden Darstellungen nichts als Verharmlosung feinsinniger Geisteswissenschaftler erkennt, erweist sie sich, gleich ob von Muslimen, Nicht-Muslimen oder Ex-Muslimen vorgebracht, als das plumpe Aufwärmen alter Ressentiments. Es wäre absurd, das mit dem Programm der Aufklärung zu verwechseln.

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