Israel nach den Wahlen : Gefährliche Hoffnung, harte Liebe

Was sagen junge Israelis zur Wiederwahl Netanjahus und zum ewigen Konflikt mit den Palästinensern? In der Woche nach der Wahl trafen sich deutsche und israelische Schriftsteller in Jerusalem und Haifa. Eine Reportage, mit Stimmen zur Lage.

Norbert Kron
Soll halt die Rechte regieren! Wahlplakate von Netanjahu in Jerusalem.
Soll halt die Rechte regieren! Wahlplakate von Netanjahu in Jerusalem.Foto: imago/ZUMA Press

Es geht wie in einen Schlund hinab, von der Jerusalemer Universität, die auf dem Mount Scopus thront, hinunter in die Steinwüste Ostjerusalems. Obwohl der Himmel leuchtet, hängt eine Schockschwere über dem Land, die sich in allen Gesichtern wie Trauerbeflaggung abzeichnet. Auch in dem von Yiftach Ashekanazi. Der 34-jährige Jerusalemer Schriftsteller gehört zur Linken und möchte den Palästinensern am liebsten sofort die Siedlungen zurückgeben.

Doch der Wahlsieg Netanjahus ist ein Schlag ins Gesicht solcher Ideen. „Wir hatten begonnen, Hoffnung zu haben“, lacht er bitter. „Aber Hoffnung ist in Israel eine gefährliche Sache." Wie ist das möglich? Warum ächzen alle so viel? Warum gewinnt Netanjahu mit einer Selbstverständlichkeit, als sei die Gnade der ewigen Wiederwahl aus der Kohl-Ära auf Eretz Israel niedergefahren?

Der Holocaust, eine universelle Geschichte

Die Frage verleiht unseren Begegnungen an der Jerusalemer Universität eine besondere Note. Mit Schriftstellern wie Yiftach Ashkenazi, Marko Martin, Sarah Stricker und Liat Elkayam will ich mit Studenten über die Anthologie „Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen“ sprechen. Das Buch, das ich mit Amichai Shalev zum 50. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen herausgegeben habe, versammelt 19 Autoren der dritten Generation aus Israel und Deutschland mit Geschichten über ihr Verhältnis zum anderen Land. Während die zweite Generation, etwa David Grossmann oder Amos Oz, trotz aller freundschaftlichen Beziehungen die unüberwindliche, nahezu metaphysische Kluft betonen, die der Holocaust zwischen Juden und Deutschen geschaffen hat, gibt es in den Beziehungen der dritten Generation eine Lässigkeit im Umgang, die an die verpönte „Normalität“ grenzt.

Für Ashkenazi, der in Yad Vashem Workshops zum Holocaust-Gedenken gibt, ist die Shoa heute „keine jüdische oder deutsche Geschichte mehr, sondern eine universelle Geschichte.“ Und Amichai Shalev, 42, dem sein Vater (wie vielen seiner Generation) einst verbot, deutsche Produkte zu verwenden, hat seine Ressentiments durch die Begeisterung für deutsche Popmusik verloren. Er findet: „Wenn Israelis auf Deutsche treffen, ist da eine stärkere Verbindung als zu allen anderen zu spüren.“

Junge Palästinenser beobachten Zusammenstöße mit israelischen Sicherheitskräften nach eine Demonstration, letzte Woche im Dorf Kfar Qaddum bei Nablus in der West Bank.
Junge Palästinenser beobachten Zusammenstöße mit israelischen Sicherheitskräften nach eine Demonstration, letzte Woche im Dorf...Foto: AFP

Deutschland-Euphorie ist an der Jerusalemer Universität zu spüren

Diese Deutschland-Euphorie, die in den politischen Nachrichten nicht vorkommt, ist auch bei den Studenten an der Jerusalemer Universität zu spüren. Der eine will nach Berlin auswandern, eine andere lernt Deutsch für ihr Studium, viele haben deutsche Vorfahren und einen deutschen Pass. An die Stelle der rituellen Distanz, die dem deutsch-israelischen Verhältnis aus den Anfangstagen der diplomatischen Beziehungen eingeschrieben ist, haben die jungen Israelis in den letzten zehn, fünfzehn Jahren eine fast libidinöse Beziehung zu deutschen Markenprodukten, Fußballvereinen, Bands entwickelt und natürlich zu Berlin. Es scheint, als sei Deutschland zu einem neuen Fluchtpunkt geworden.

Als das Gespräch auf den Wahlausgang kommt, geht ein Stöhnen durch den Seminarraum: „Neuer Tag, gleicher Mist“, winkt ein Student ab. Aber noch einmal: Wenn alle derartig frustriert sind – wer hat dann die Rechten gewählt? Sind es nur die „Arsim“, die bildungsfernen Unterschichten, die von dumpfem religiösen Ressentiment getragen sind?

Der, der am besten Deutsch unter den Studenten spricht, ein Endzwanziger mit blauer Kippa, meldet sich mit dem feinen Lächeln des Siegers zu Wort. Unterschicht? Alles andere als das: Yady studiert deutsche Philosophie und promoviert über Fichte und den deutschen Idealismus. Er ist orthodox, hat Naftali Bennett gewählt, der in seinen Augen als einziger glaubwürdige rechte Überzeugungen vertritt, anders als Netanjahu, der sein Politikerfähnchen in den Wind der Wählerstimmung hängt.

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