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Jazz : Melodien für die Nachbarin

22.01.2008 00:00 UhrVon Maxi Sickert
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Mann mit Horn: Jazzsaxophonist Andre Vida spielt, und alle anderen müssen ihn begleiten. - Foto: David Heerde

Der amerikanische Saxophonist Andre Vida spielt jeden Dienstag in Kreuzberg ein eigenwilliges Fortsetzungskonzert. Gemeinsam mit befreundeten Musikern improvisiert er über sein Lieblingsthema "Fish And Green".

Der Club liegt etwas abseits. An der Schlesischen Straße zwar, aber doch nicht nahe genug, um dazu zu gehören: eine ehemalige Fabrik für Sprungfedern unterhalb der Oberbaumbrücke, die alten Zughaken hängen noch von der Decke. Darunter Sofas und Sessel, Möbel, die einmal zu einem anderen Leben gehörten. Im Wendel herrscht Wohnzimmeratmosphäre mit Bio-Bier, Tannenzäpfle und W-Lan-Anschluss.

Am Abend sind die Scheiben beschlagen. Winterkälte draußen, dampfende Mäntel, Mützen und Schals drinnen. Dazwischen flackernde Laptop–Schirme und eine ganze Reihe Musiker, die vor allem eines gemeinsam haben: Sie sind in den letzten Jahren nach Berlin gezogen aus New York, Australien oder der Schweiz.

Jeden Dienstag treffen sie sich hier, zu den seltsam-schönen und im Ergebnis nie vorhersehbaren Auftritten des ungarisch-amerikanischen Saxofonisten Andre Vida, genannt „The Instrument“. „Jeden Dienstag, für den Rest Deines Lebens“, lautet das Motto.

Es gibt nicht viel Platz zwischen Sofas und DJ-Pult. Dort hinein zwängen sich die Musiker. Neben Andre Vida sind es oft wechselnde Gäste. Aber seit einigen Monaten kristalliert sich eine feste Besetzung heraus mit dem australischen Schlagzeuger Steve Heather und dessen immer wieder überraschenden Landsmann Clayton Thomas am Bass.

Was dann passiert ist alles andere als ein typisches Jazzkonzert. Oft werden die Songs nur kurz angespielt, dann beginnt Andre Vida mit großem Ernst eine seiner Erzählungen. Vor allem im Zusammenhang mit seiner Komposition „Fish And Greens“, sein, wie er sagt, Hauptnahrungsmittel in Berlin – dazu Tee. So handeln seine Geschichten von der Zubereitung des Fischs, die Rezepte variieren von Woche zu Woche. Die Musik schwebt frei im Hintergrund und verdichtet sich um die tiefen Klanggewölbe Vidas, wenn er zwischen den Sätzen in sein Instrument hineinbläst oder -singt.

Dabei müssen seine Musiker schnell sein. Es gibt keine Proben, die wöchentlichen Begegnungen sind Probe und Konzert in einem. Vida kommt mit einem Koffer voller Notenblätter, die er manchmal zu Beginn eines Stückes an seine Mitmusiker verteilt, manchmal auch nicht. Die Noten seien, so erklärt er später, nur eine Möglichkeit, von einem gemeinsamen Punkt aus zu beginnen. Notwendig sind sie nicht.

Mit seiner beeindruckenden Körpergröße, dem schwarzen Vollbart, dem um den Hals geschlungenen langen Schal und dem riesenhaften Tenorsaxofon wirkt Andre Vida wie aus einer anderen, längst vergangenen Zeit. Der Schal stellt sich später als Fanartikel eines Fußballvereins heraus. Für ihn eine der deutschen Kuriositäten, die er sammelt und vor allem auf Flohmärkten findet. Wie die frühe, sepiafarbene Fotografie des letzten deutschen Kaisers, die in seiner Küche hängt, oder schwarzweiße Postkarten des alten Berlins, bevorzugt mit Motiven der Straßen in Kreuzberg, in denen er lebt, einkauft, Café trinkt, komponiert und spielt.

Der 1974 in Boston geborene Vida ging Mitte der neunziger Jahre nach New York, wo er im Ghost Trance Ensemble von Anthony Braxton spielte. 2001 kam er das erste Mal nach Berlin, im Sommer. Der Sommer in Berlin sei sehr romantisch, sagt Vida. Er mochte die Atmosphäre der Stadt, das Zurückgelehnte, Verlangsamte. Dazu die Nischen in den Zwischenräumen der Stadt, der Mietshäuser und Straßenschluchten, in denen er sich mehr als eingerichtet hat. Er betrachtet sie literarisch. So die Nachbarin, die sich laut berlinernd aus dem Fenster lehnt, den Gemüsehändler an der Ecke und vor allem den Fischhändler vom Fischmarkt in der Wrangelstraße. Kiez- Bilder fließen in seine Tonfolgen ein, wenn er verkündet: „Don’t disrespect the fish.“ Auch wie man einen Zander zubereitet, geistert durch die zerrissenen Töne.

Vor etwa vier Monaten startete Vida im Wendel seine Kreuzberg-Suite. Einem fortlaufenden Projekt sich ständig erweiternder Kompositionen, die er zu Hause, aber vor allem im Café Bellmann’s in der Reichenberger Straße verfasst. Es sind Stücke mit Titeln wie „Wenn Dein Haar die Stimmung hätte, würde es singen oder flüstern“ oder „39 Flowers“ darunter, das seinem Vater gewidmet ist. Aber auch auf frühere Titel greift er zurück wie „Gypsy Star“ von seinem Album „Child Real Eyes“, das er 2002 mit Anthony Braxton in Brooklyn eingespielt hat und das inspiriert ist von den Spannungen und Dissonanzen der Kompositionen von Henry Threadgill und den plötzlichen Wechseln und kleinen Ecken in der Musik Morton Feldmans.

Da die Musik im Wendel neben dem normalen Barbetrieb läuft, muss die Aufmerksamkeit des Publikums immer wieder erspielt werden. Selbst, wenn er dienstags mal nicht in Berlin weilt, wie Ende November, ist er da und spielt mit. Per Video-Schaltung. Dann sieht man Vida, auf die welligen Bewegungen eines Vorhangs projiziert, ein Solo spielen. Etwa fünfzig Minuten lang. Und die Musiker spielen mit. Oder auch nicht.

„The Instrument“. Jeden Dienstag ab 22 Uhr im Wendel (Schlesische Straße 42, Kreuzberg)

Andre Vida, 33, setzt bei Auftritten nur den Ausgangspunkt fest. Der Rest soll sich durch die Mitmusiker ergeben. So entsteht sein Zyklus frei improvisierter Kompositionen.

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