Jeanne Mammen-Retrospektive : Rosen unter dem Radar

Überlebenskünstlerin: Die Berlinische Galerie feiert die Malerin Jeanne Mammen mit einer Retrospektive, die auch Werke jenseits der „Roaring Twenties“ zeigt.

Damenwahl. Das Aquarell "Zwei Frauen tanzen" von Jeanne Mammen, entstanden um 1928.
Damenwahl. Das Aquarell "Zwei Frauen tanzen" von Jeanne Mammen, entstanden um 1928.Foto: VG Bild-Kunst, Boon, 2017, Repro, Courtesy Volker-H. Schneider, Berlin

Eine Jeanne-Mammen-Retrospektive in der Berlinischen Galerie, das kann nur ein Gewinnspiel sein. Jeanne Mammen (1890 – 1976) ist eine der Hausheiligen des Landesmuseums für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, endlich will die Galerie sie auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt machen, wie es in der Ankündigung heißt. Aber sind Mammens schmachtende Tänzerinnen, die sich langweilenden Caféhaus-Besucher, die ermatteten Revuegirls und koketten Rotschöpfe nicht längst Ikonen der zwanziger Jahre Berlins? Kennen wir diese Chronistin einer wild gewordenen Metropole nicht bereits zur Genüge?

Ein Satz der Künstlerin straft diese Unterstellung allerdings Lügen. 1933 notiert sie: „Ende meiner ,realistischen Periode‘, Übergang zu einer den Gegenstand aufbrechenden aggressiven Malweise (als Kontrast zum offiziellen Kunstbetrieb).“ Ja, es gibt eine Jeanne Mammen jenseits der „Roaring Twenties“, jenseits von Glitzer und glamourösen Typen – sie ist in der Tat weniger bekannt. Der Bruch kommt mit den Nazis. Die Arbeiten der populären Zeichnerin, begehrten Titel-Lieferantin und Illustratorin für Satireblätter und Lifestyle-Magazine sind nicht mehr gefragt.

Vier Jahre zuvor hatte ihr Kurt Tucholsky in der „Weltbühne“ noch eine „Liebeserklärung“ gemacht, ihre Zeichnungen als „Delikatesse“ im Lebensmittelladen der Zeitschriften gefeiert. Seit die Medien gleichgeschaltet oder ganz verboten sind, gilt Mammens Kunst als verdorbene Ware. Die Künstlerin reagiert auf das politische Klima mit einer Kehrtwende, sie malt zunehmend abstrakt. Doch ist dies nicht der erste und auch nicht der letzte Schwenk in ihrem über 60 Jahre umfassenden Œuvre. Die 170 Arbeiten der Retrospektive in der Berlinischen Galerie, eingerichtet von Annelie Lütgens, der Leiterin der grafischen Sammlung, die über Mammen promoviert hat und ihr Werk bestens kennt, sind so vielfältig, dass sie von drei, vier Künstlern stammen könnten.

Vom Symbolismus zur Abstraktion

Mammens radikale Richtungsänderungen gehen einher mit den großen Einschnitten ihrer Zeit: Beginn des Ersten Weltkriegs, Machtübernahme, Nachkriegsära. Für das Berlin der Weimarer Republik gilt sie als „Beobachterin“ schlechthin, so auch der Ausstellungstitel. Wie seismografisch sie reagiert, lässt sich mehr noch davor und danach erkennen, anhand bislang kaum bekannter Werke. Vor ihrem Erfolg als Reporterin einer libertinären, feiersüchtigen Berliner Gesellschaft hatte die in Paris studierte Malerin ihre ersten Schritte in Richtung Symbolismus gewagt. Mit ihrer Schwester Mimi, ebenfalls Künstlerin, hatte Mammen das Treiben in Pariser Cafés und auf den Brüsseler Boulevards skizziert: Beobachtungen, die ihr später als Repertoire dienten, nach dem Umzug der Familie nach Berlin.

Eine Entdeckung sind vor allem die Bilder der Kriegsjahre, die in ihrem bescheidenen Wohnatelier im Gartenhaus am Kurfürstendamm 29 entstanden. Emigration kommt für Mammen nicht infrage, auch wenn viele Freunde und Mimi, mit der sie das Studio teilt, ins Ausland gehen. Für sich allein malt sie dort zwischen 1939 und 1942 das Porträt eines bösartigen Generals („Mackensen“) und den „Würgeengel“, in dem sich Anspielungen auf Picassos Anti-Kriegsbild „Guernica“ erkennen lassen. 1937 hatte die Künstlerin das Original in Paris auf der Weltausstellung gesehen und sich dessen formale Zerklüftungen und finstere Dramatik als Ausdruck der Anklage angeeignet.

Lebenslang Bubikopf. Jeanne Mammen Mitte der 70er Jahre im Atelier.
Lebenslang Bubikopf. Jeanne Mammen Mitte der 70er Jahre im Atelier.Foto: Gerd Ladewig

Wie ihr die Geheimhaltung im Zentrum Berlins gelingen konnte, darüber wunderte sie sich noch Jahre danach. „Ich hatte einen Schutzengel“, schrieb sie später. Als Erich Kuby sie 1942 in ihrem Atelier besucht, staunt er über „riesige halb fertige Tafeln, bedeckt mit entarteter Kunst“, wie er seiner Frau in einem Brief berichtet. Mammen, die auch in den mondänen Zwanzigern immer unscheinbar blieb, eine zierliche Person mit Bubikopf in dunklen, unauffälligen Kleidern, verschwindet vom Radar. „Ich habe mich getarnt. Eine Frau als Gebrauchsgrafikerin: Die macht Blümchen.“ Als wollte sie es den Kunstwächtern noch einmal zeigen, klebt sie Albumbilder, Rosen und Veilchen, auf die abstrakten Kopfskulpturen aus Gips und Ton, die inspiriert von Henry Moore in den letzten Kriegsjahren entstehen.

Jeanne Mammen ist das beste Beispiel einer inneren Emigration. Ihr Fall wirft noch einmal ein Licht auf die Zeit nach 1933, in der es offensichtlich doch Wege zwischen Anpassung und Emigration gab. Mit dem Herzen noch immer Pariserin, flüchtet sie sich in die Literatur des Nachbarlandes. Mammen beschäftigt sich mit Rimbaud, ihre Übersetzung der „Illuminationen“ erscheint 1967 im Insel-Verlag, und sie überträgt Picassos „Poesien und Bekenntnisse“ aus den „Cahiers d’Art“ ins Deutsche. Wie sehr sich die Künstlerin nach Austausch sehnt, verrät ihr Drehbuch „Schreib mir Emmy!“, das den Wegen einer Postkarte nachgeht. Eine Verbeugung der besonderen Art vor diesem nur acht Seiten umfassenden, geistreichen Script sind die eigens für die Retrospektive beauftragten Realisierungen. Der Berliner Zeichner Manuel Kirsch schuf ein Storyboard, Studierende der Berliner Hochschule der Künste einen animierten Film.

Sie zerstörte, was sie gemalt hatte

Mammen ist eine wahre Überlebenskünstlerin. Nach dem Verlust ihres Broterwerbs durch die Nazis verdiente sie sich ihren Unterhalt zunächst durch Buchverkäufe – gemeinsam mit dem Bildhauer Hans Uhlmann zieht sie mit einem Handkarren durch die Straßen –, um 1945 dann Kabarett zu machen. Die mittlerweile 55-Jährige gehört zur Künstlergruppe „Die Badewanne“, für die sie Kulissen und Kostüme herstellt. In ihrer eigenen Kunst aber steckt sie fest, nimmt die „Antibilderpille“, wie sie es scherzhaft nennt: „indem ich mich täglich dem Lustgefühl des Malens hingebe und die Resultate, nachdem ich sie bestaunt, wieder überkleistere“.

Irgendwann treten aus den Übermalungen Strukturen hervor, die bleiben dürfen. Mammens Malerei nimmt nochmals Fahrt auf; die Abstraktion gewinnt Oberhand, aus den pastosen Flächen schieben sich geometrische Muster, farbige Formationen nach oben. Hatte sie schon in den Kriegsjahren mit Tortenspitze experimentiert, tauchen nun Silber- und Goldfolie aus den farbigen Nebeln auf.

Als Entdeckung lassen sich diese Bilder jedoch nicht mehr feiern. Das geschah vor vier Jahren, als die Berliner Kuratorin Eva Scharrer drei junge Künstlerinnen in der DB-Kunsthalle mit Jeanne Mammens Spätwerk zusammenbrachte. Damals verblüffte, wie viel die heutige Generation mit der alten Dame gemeinsam hat, welche Vitalität die Moderne weiterhin besitzt. Die Retrospektive in der Berlinischen Galerie aber zeigt, woher die Kraft kommt. Sie ist die Summe eines hartnäckigen Künstlerinnenlebens, in dem die „Goldenen Zwanziger“ nur eine Phase sind.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, bis 15. 1.; Mi bis Mo 10–18 Uhr. Katalog (Hirmer Verlag) 34,80 €.

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