Jerusalem im Ersten Weltkrieg : Europa ist der Wahnsinn, Europa ist der Mord

Erstveröffentlichung in der Ursprungssprache Deutsch: Mosche Ya’akov Ben-Gavriêl erinnert an Jerusalem zur Zeit des Ersten Weltkriegs.

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An der Klagemauer, hundert Jahre später. Szene aus Jerusalem im Juli 2016.
An der Klagemauer, hundert Jahre später. Szene aus Jerusalem im Juli 2016.Foto: dpa/Abir Sultan

Im Vorspann zu seinem Tatsachenroman „Jerusalem wird verkauft oder Gold auf der Straße“ über die Zeit um den Ersten Weltkrieg schreibt Mosche Ya’akov Ben-Gavriêl: „Deutsche, Österreicher und Türken führten hier bis zum Einzug Allenbys einen Krieg nicht um eine Idee, nicht von Mann gegen Mann, sondern einen Kampf um die höchsten Goldkurse, gegen eine Bevölkerung, die infolge dieses Krieges der militärischen Spekulanten in unvorstellbarer Weise hungerte.“

Ben-Gavriêl (1891–1965), ein in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre gern gelesener und dann vergessener Autor aus Israel, hieß eigentlich Eugen Hoeflich. Er diente als österreichischer Soldat im Ersten Weltkrieg, ein für ihn prägendes Erlebnis. Nach Einsätzen an der Ostfront und einer schweren Verwundung wurde er 1917 zur österreichisch-ungarischen Armee nach Jerusalem abgeordnet, wo er das Kommando über das im Kloster Ratisbonne zu groß geratene Lazarett für die Gazafront übernahm.

Vor diesem Hintergrund spielt der 1946 nur in einer hebräischen Übersetzung erschienene und erst jetzt in der Literatursprache seines Autors zugängliche Roman, der Aberwitziges und Unglaubliches aus der Etappe eines komplizierten Einsatzes erzählt. Probleme bereiten weniger die Engländer und die Beduinen, sondern die Spannungen zwischen den angeblichen Waffenbrüdern, den Deutschen, den Türken und den Österreichern. Ben-Gavriêl, wie sich Hoeflich seit 1927 nach seiner Übersiedlung nach Palästina nannte, schildert die erschütternden Erlebnisse in Konstantinopel und Jerusalem aus der Perspektive des kriegsfreiwilligen Leutnants Dan.

Aus dem Hospital wird er nach seiner Genesung zum „Ehrenrat für Offiziere und Aspiranten“ berufen, wo es eher um Frauengeschichten geht als um kriegswichtige Entscheidungen. Dann erfolgt die Versetzung nach Jerusalem über Konstantinopel, wo er den alltäglichen Wahnsinn dieses merkwürdigen Militärbündnisses kennenlernt. Im Zug trifft Dan einen türkischen Offizier, der eine Goldmünze von Berlin nach Jerusalem transferieren soll. Schon bei der Fahrt durch die Türkei treffen sie auf Armenier, die bisher überlebt haben. „Die anderen, viele Tausende, liegen erschlagen oder verhungert entlang der großen Landstraße, die von Cospoli durch Anatolien führt“, erzählt Dan und berichtet von palästinensischen Juden, die in die Steppe verbannt wurden, oder von desertierenden türkischen Rekruten, die aus dem Zug springen und von ihren Offizieren, die sich außen am Zug festbinden, beschossen werden: Menschenjagd in Anatolien. Dan verrät einem mitreisenden Soldaten: „Wären die asiatischen Völker einig, dann gäbe es keinen Krieg in der Welt. Sie würden den Frieden diktieren.“ Dieser panasiatischen Idee hatte sich auch Ben-Gavriêl früh verschrieben.

Geschäftemacherei statt Ruhm und Ehre

Schnell begreift Dan, dass es für die europäischen Offiziere nicht um Krieg oder Vaterland oder Ruhm und Ehre geht, sondern darum, wie man möglichst effektiv mit Teppichen handeln oder sich sonst wie bereichern kann. Auf seiner Reise nach Jerusalem bezaubert ihn Damaskus, „bunt wie ein Traum und hinreißend“, dass man sogar den Krieg vergessen könne. Aber dann sieht er auch wieder die Schattenseiten, dunkle Gassen voller Prostituierter, „es ist, als hätten die Bordelle aller europäischen Länder ihren letzten verbrauchten Abfall hier abgeleert.“ Dan ist ernüchtert: „Ich bin in Palästina … Die Deutschen sind die Herren. Sie schreien Berlinerisch oder Sächsisch, und die Fellachen, die auf ihren Eseln Munition führen, schweigen auf Arabisch.“

In Jerusalem sind Animositäten zwischen Deutschen, Türken und den Völkerschaften Österreichs an der Tagesordnung. Ben-Gavriêl schildert all das in seiner ganzen Absurdität. Korruption und Unfähigkeit der Offiziere sind an der Tagesordnung, während die normale Bevölkerung vor dem Hungertod steht, aber das rührt keinen europäischen Soldaten, außer Dan und seinen jüdischen Kameraden Walter Zinner, der zu einem Attentat auf Djemal Pascha bereit ist. Dan warnt ihn: „Die zehntausend geschlachteten Armenier, die Christen waren, haben das bundesbrüderliche Gewissen weiterschlafen lassen.“

Dan überlegt, zu desertieren: „Europa ist der Wahnsinn. Europa ist der Mord, der technische Mord in jeder Form, ob es Krieg gibt oder nicht.“ Er setzt seine Hoffnung auf die asiatischen Völker, doch dann wird er aus Jerusalem abberufen – wie alle anderen kritischen Köpfe. Ben-Gavriêls Roman ist von brennender Aktualität und beleuchtet einen Kriegsschauplatz, von dem wir bisher viel zu wenig wussten.

Mosche Ya’akov Ben-Gavriêl: Jerusalem wird verkauft oder Gold auf der Straße. Roman. Nachwort Sebastian Schirrmeister. Arco Verlag, Wuppertal 2016. 256 Seiten, 22 €.

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