• Jessica J. Lees Buch: "Mein Jahr im Wasser": Die Lust am Schwimmen in den Seen in und um Berlin

Jessica J. Lees Buch: "Mein Jahr im Wasser" : Die Lust am Schwimmen in den Seen in und um Berlin

Jessica J. Lee ging auf eine ungewöhnliche Entdeckungsreise. Sie durchschwamm in einem Jahr 52 Seen in der Region – und fand dabei auch zu sich selbst.

Absprung. Und platsch, hinein in die seidig-kühlen Fluten der Berliner und märkischen Seen, hier am Tegeler See. Jessica J. Lees Buch ist die perfekte Lektüre für Schwimmbegeisterte.
Absprung. Und platsch, hinein in die seidig-kühlen Fluten der Berliner und märkischen Seen, hier am Tegeler See. Jessica J. Lees...Foto: dpa, L. Mirgeler

Das ist die Geschichte von einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen. Von einer Frau, die Freiheit, Kraft und Zuversicht gewinnen wollte nach einer Zeit der Depression, einer Scheidung und anfänglichen Einsamkeit in ihrer neuen Heimat Berlin. Aber wie schafft frau das? Jessica J. Lee entschied sich für eine höchst ungewöhnliche Herausforderung. Sie ging im Laufe eines Jahres in 52 Berliner und märkischen Seen schwimmen, nahm sich einen pro Woche vor. Egal ob bei Augusthitze oder in klirrender Kälte.

So schön ist es, ins seidig-klare Nass zu gleiten

Über dieses Abenteuer und den Weg zu sich selbst hat sie ein faszinierendes Buch geschrieben: „Mein Jahr im Wasser. Tagebuch einer Schwimmerin.“ Es ist zugleich ein Hohelied auf die atemberaubende Schönheit der reichen Seenlandschaft und die Lust, ins seidig-klare Nass und tiefe Blau der natürlichen Gewässer zu gleiten.

Im Weißen See genießt sie die „Schwerelosigkeit des Wassers“, der Kiessee zwischen Bernau und Wandlitz ist für sie eine Entdeckung: „Sandig, ohne trüb zu sein ... doch am tiefsten Punkt smaragdgrün.“ Sie nimmt die Ruhe des menschenleeren Sees in sich auf, er gehört ganz ihr. „Allein und schwebend.“ Am Wandlitzsee gleitet sie hinaus „ins belebende Nass“, dreht sich auf den Rücken und ruht sich aus. „Nur an den Schwimmenden erkennt man den Horizont.“

Flirrende Wellen: das liebevoll gestaltete Cover des Buches.
Flirrende Wellen: das liebevoll gestaltete Cover des Buches.Repro: Tagesspiegel

Jessica J. Lee ist in Kanada aufgewachsen. 2014 kam die heute 31-jährige Umwelthistorikerin nach Berlin, um hier ihre Dissertation zu schreiben und von persönlichen Krisen Abstand zu gewinnen. Zuvor hatte sie viele Jahre in England gelebt. Doch in der deutschen Hauptstadt fühlt sie sich erst mal allein und nicht so recht zu Hause. Bis sie sich auf ihr grünes Fahrrad schwingt und zu den Seen loszieht, sobald es ihre Freizeit erlaubt.

Die Krumme Lanke war eine ihrer ersten Favoriten

Die Krumme Lanke im Grunewald war an einem „sonnensatten Sommernachmittag“ eine ihrer ersten Entdeckungen. Kaum zu glauben, wie einfach es ist, in einer Stadt dieser Größe einen zumindest unter der Woche derart stillen See zu finden. Sie erlebt und testet die nächsten Gewässer: Liepnitzsee, Orankesee, Teufelssee, Templiner See, Motzener See. Im Anhang des Buches sind sie alle kurz beschrieben und kartografisch dargestellt, sodass man Jessica J. Lees Exkursionen und genüsslichen Schwimmzügen gut folgen und selbst auf Berliner See-Reisen gehen kann.

"In Berlin hat das Wasser etwas Weiches"

Verliebt ist die Autorin ins „filigran gewebte Muster“ der Seen und Flüsse, in „hunderte blaue Flecken“ in und um Berlin. Sie achtet auf die Unterschiede zwischen den Seen, erspürt diese im Wasser. „Ein Schwimmer nimmt einen See über seine Sinneseindrücke wahr“, schreibt sie, „er erkennt ihn daran, wie sich das Wasser anfühlt“. Kleine Exkursionen über Binnengewässerkunde, die Limnologie, über die Geburt der Seen bei der Vergletscherung Brandenburgs mixt sie geschickt in die Kapitel. Und dann folgt ein Lob: „In Berlin hat das Wasser etwas Weiches.“ Es gibt ihr ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, des Aufgehobenseins, wie es ihr die eher rauen Seen Kanadas nicht bieten konnten. Schwimmen gerät zur Meditation. Dabei lernt sie wieder, Zug um Zug, los- und zuzulassen.

Wie schwimmt frau bei klirrender Kälte?

Klingt gut. Aber im Winter? Beim großen Zittern? Da klappt’s auch, versichert Jessica J. Lee – und gibt Tipps: nicht nach Luft schnappen; ruhig atmen; gewöhnt man den Körper regelmäßig an die Kälte, „wird aus Schmerz Genuss“.

Diese ganze Geschichte ist zutiefst literarisch und persönlich erzählt. Am Ende lösen sich nicht alle Probleme und Ängste, aber es wächst ein Gefühl von Zuhause. In Berlin – und auf den „weiten Flächen unter dem Himmel, die einen Schwimmer ganz und gar willkommen heißen“.

Jessica J. Lee, Mein Jahr im Wasser, Tagebuch einer Schwimmerin, Berlin Verlag, 335 Seiten einschließlich Seeninfos und Karten, ISBN: 978-3-8270- 1334-7. Preis: 18 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar