Kultur : Jesus-Junge

Punk Gottes: Katrin Gebbes Debüt „Tore tanzt“.

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Die Mutmaßung ist alt, aber einleuchtend: Käme Jesus, Botschafter der Feindes- und Gottesliebe, jetzt auf die Welt, würde er gleich wieder ans Kreuz geschlagen. Zu ungeheuerlich die Provokation, die das Gute für das Böse, der Friedliche für den Aggressiven, die reine Seele für die amoralische darstellt. Das ist die unerbittliche Logik, der Katrin Gebbes mutiges, bis ins Mark peinigendes Regiedebüt „Tore tanzt“ folgt.

Dass die Sache für Tore (herausragend: Julius Feldmeier) nicht gut ausgeht, ist von Anfang an klar. Die Kamera folgt in Slowmotion dem Hinterkopf des schlaksigen Blondschopfs, der von ein paar schwarz gekleideten Gesellen ins Wasser geleitet wird. Das Sounddesign ist düster, das Bad eine Taufe. Tore wird ein flippiger Punker Gottes, ein Jesus Freak.

„Tore tanzt“ – im Frühjahr als einziger deutscher Beitrag in der Cannes-Nebenreihe „Un certain regard“ zu sehen – ist keine Glaubensstudie eines gefährdeten Gottsuchers, obwohl es um religiöse Verblendung ebenso geht wie um Anfechtung und Konsequenz. Sondern ein so still wie überzeugend gespieltes Versklavungs- und Selbstbefreiungsdrama, ein Leidensexerzitium, ein Machtkampf um Menschenleben, Menschenseelen.

Das grauenhaft leise Schlachtfeld ist ein Hamburger Schrebergarten. Da findet Tore Unterschlupf bei seinem neuen Zufallskumpel Benno (Sascha Alexander Gersak), der mit Freundin und zwei Kindern in einer Laube lebt. Zuerst herrscht Friede, Freude, Eierkuchen: Der von der Familie wegen seiner Tischgebete und epileptischen Anfälle als Exot bestaunte Tore darf im Garten zelten, Benno mimt den väterlichen Freund, und Tore freundet sich mit der 15-jährigen Sanny (Swantje Kohlhof) an.

Bennos eifersüchtige Blicke auf diese zarte Freundschaft kündigen die Wende an. Bald wird Tore brutal von ihm schikaniert. Und die vom Vater in Angst gehaltenen Familienmitglieder wittern eine Chance, selber mal zutreten zu können. Nur Sanny macht nicht mit bei dieser lehrbuchhaften Entmenschlichungsspirale. Ihr und Gott zuliebe hält Tore, dessen Schicksal einem authentischen Fall nachempfunden ist, ein ums andere Mal die andere Wange hin. Der passivste Aggressor der Nächstenliebe, den man sich denken kann.

Gott sei Dank gewährt die Regisseurin dem von so viel Unbarmherzigkeit zerschmetterten Zuschauer wenigstens am Ende einen Gnadenakt: Ein paar Seelen lässt sie entkommen. Gunda Bartels

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