John Berger : Der Philosoph der einfachen Dinge

Woraus der Mensch Hoffnung schöpft: eine Begegnung mit dem Schriftsteller John Berger vor seinem 88. Geburtstag.

Pepe Egger
Innerlichkeit des Alltäglichsten. John Berger wurde in London geboren und lebt heute in den französischen Alpen. Foto: picture alliance / Effigie/Leema
Innerlichkeit des Alltäglichsten. John Berger wurde in London geboren und lebt heute in den französischen Alpen.Foto: picture alliance / Effigie/Leema

Er kann vor Rückenschmerzen kaum sitzen noch laufen. Doch er mag keinen Wein eingeschenkt bekommen, bevor nicht alle anderen am Tisch versorgt sind. Es ist nicht Höflichkeit, nicht affektiert; es scheint vielmehr, als sei es ihm ganz unmöglich, seinen Wein zu genießen, wenn nicht alle anderen auch welchen bekommen. So blitzt, für einen Augenblick, in seiner resoluten Aufmerksamkeit für alle Tischgenossen, für die Gleichheit ohne Unterschied von Alter oder Renommee, jene Einheit von Poetischem und Politischem auf, jenes Spiegeln des Weltumspannenden im Allerkleinsten, die auch sein Schreiben beleben.

John Berger, der am 5. November 88 Jahre alt wird, ist Schriftsteller und Kunstkritiker, er zeichnet, schreibt Romane, Gedichte, politisch-philosophische Pamphlete, Theaterstücke. Wenn er schreibt, wird noch das Alltäglichste mit einer Innigkeit aufgeladen, dass es zu leuchten beginnt: Eine Operation am Grauen Star führt zu einem Buch über das Glück des Sehens, das Motorradfahren zur Meditation über das Zeichnen, jede Reise, Begegnung, jeder Verlust zu einem neuen Buch, einer Zeichnung, einem Essay.

Dabei verschwimmt die Grenze zwischen Kunst und Leben. Es ist unmöglich, sich auszumalen, wie John Berger Feierabend machen könnte vom John-Berger-Sein. Er trinkt so, wie er schreibt, wie er besingt und protestiert. Er meint es ernst, wenn er wie jetzt bei einem Auftritt in Italien sagt, nicht auf seine Äußerungen komme es an, sondern darauf, welche Gedanken sie in seinen Zuhörern bewirkten, was jene daraus machten. Es ist keine rhetorische Geste der Schmeichelei, sondern eine Spiegelung desselben radikalen Impulses, der ihn vor fast 40 Jahren vom Booker-Prize-Gewinner zum Bergbauern in Frankreich werden ließ.

Bergers Talent: Über die eigene Ignoranz zu erschrecken und eine existentielle Entscheidung daran zu knüpfen

„Als ich zusammen mit dem Fotografen Jean Mohr beschloss, ein Buch über Arbeitsmigranten in Europa zu machen, über Portugiesen, Italiener“, erzählt Berger, „ging es vor allem darum, zuzuhören, was diese Männer erlebten, und dann zu versuchen, einen Ausdruck dafür zu finden, was sie erlebt hatten, und warum sie dazu genötigt wurden, es zu erleben. Fast alle stammten aus Familien von Kleinbauern, und wenn sie über ihre Kindheit und ihre Jugend sprachen, verstand ich, dass das alles jenseits meiner Vorstellung war, so ein Leben, mit seinen ganz eigenen Nöten. Und plötzlich erschrak ich darüber, dass ich davon so gar nichts wusste. Zu jener Zeit lebte mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung als arme Kleinbauern, und ich hatte keine Ahnung davon. Also beschloss ich, etwas dagegen zu tun. Und nachdem ich eine Weile darüber nachgedacht hatte, entschied ich mich, in die französischen Alpen zu ziehen, ziemlich hoch hinauf, zu hoch für die industrielle Landwirtschaft, inmitten von Bergbauernfamilien.“

Vielleicht ist dies Bergers Talent. Über die eigene Ignoranz derart zu erschrecken und eine existenzielle Entscheidung daran zu knüpfen. Mit dem Entschluss, das Leben der Einfachsten und Ärmsten zu teilen, verband sich auch ein ästhetischer Schwenk des Erzählens vom Ich der frühen Romane zur dritten Person. Dort, in dem kleinen Dorf Quincy in Haute-Savoie, erzählt er, „gab es alte Leute, Männer und Frauen, unter denen ich zu leben begann und die mir gegenüber aufgeschlossen waren und denen ich zuhörte. So begann ich, mit der Stimme der anderen zu schreiben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben