Josef Nowinka in der Galerie Läkemäker : Grenzen überfliegen

Ein gerissener Geschichtenerzähler: Die Galerie Läkemäker entdeckt den Maler Josef Nowinka, der seine kritischen Arbeiten in der DDR kaum öffentlich zeigen konnte.

Matthias Reichelt
Fleischeslust in der DDR: "Unser Ziel" von Josef Nowinka, 1975.
Fleischeslust in der DDR: "Unser Ziel" von Josef Nowinka, 1975.Foto: Josef Nowinka / Galerie Läkemäker

Das malerische und skulpturale Werk Josef Nowinkas ist eine Entdeckung, der sich der Galerist Johannes Zielke rühmen kann. Auf den ersten Blick wird der 1919 in Schlesien geborene und 2014 in Berlin gestorbene Künstler vorschnell als Naiver katalogisiert oder der Art Brut zugeschlagen. Doch weit gefehlt. Nowinka war in seiner Kunst ein gerissener Geschichtenerzähler, der seine Bilder durchdacht komponierte und spielerisch leicht Kunststile zitierte. Das Werk offenbart eine bewusste Auseinandersetzung mit der DDR einerseits sowie der Kunstgeschichte der Moderne andererseits. Die Gemälde legen Spuren zu Werken großer Künstler, sind nie epigonal, sondern immer ganz eigen.

Nowinka absolvierte ab 1934 eine Lehre als Lithograf und wurde mit Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Wehrmacht eingezogen. Als Pilot bei der Luftwaffe desertierte er kurz vor Kriegsende mit einer provozierten Bruchlandung in Island und verbrachte zwei Jahre in Kriegsgefangenschaft. Nach einem Studium an der Kunsthochschule Weißensee arbeitete er als Grafiker und von 1970 bis zu seiner Pensionierung beim DDR-Fernsehen. Außerberuflich frönte er seiner vielfältigen Kunst, in der er auch Collagen, Assemblagen und Skulpturen fertigte. Eine kleine Eule aus den Scherköpfen elektrischer Rasierapparate ist für 1300 Euro im Angebot. In der DDR freilich konnte Nowinka seine Arbeiten kaum öffentlich zeigen.

Untragbar für die Kunstöffentlichkeit der DDR

In der Regel begnügte er sich mit Ausstellungen in Privatwohnungen von Freunden. Die Bilder enthalten oft kritische Anspielungen auf den propagierten Sozialismus. In dem Gemälde „Unser Ziel“ von 1975 setzt Nowinka eine mondäne Frau mit modisch großem Hut, Kreuz an der Halskette und durchsichtiger Bluse kontrapunktisch vor eine DDR-Fleischfabrikation. Perspektive und die bildnerische Dominanz der Figur machen Nowinkas Präferenz greifbar. Fleischeslust und Fleischverarbeitung sind hier in einen Kontext gezwungen. Während die Rinder noch kurz vor dem bevorstehenden Tod kopulieren, zeigt sich oben am Himmel ein Flugzeug, das wie ein Symbol der Sehnsucht ungehindert Grenzen überfliegt. Die Anspielungen machten das Bild untragbar für die Kunstöffentlichkeit in der DDR. Das von 1961 stammende Gemälde „Fachverkäuferin“ (6500 Euro) zeigt eine Metzgerin mit knallrotem Mund und lackierten Nägeln. Wie für einen Blick in die Kamera hält sie beim Zerlegen des Fleisches inne und lächelt die Betrachter selbstbewusst an. Im Hintergrund eine Schweinehälfte, totes Geflügel am Haken und links ein aufgebahrter Schweinekopf.

Einige Frauenporträts von Nowinka finden stilistische Anleihen an Picasso. Eine tückische und ländliche Szene an der Staatsgrenze ist ausgerechnet mit „Die Rote Fahne“ (1975) betitelt. Die titelgebende Fahne am Haus ist eher knallig pink, und im offenen Fenster zeigt sich eine Nackte, während vor dem Haus eine alte und blinde Frau neben einem Hackklotz zu sehen ist. Etwas versteckt in der Wiese kurz vor der Grenze ein Liebespaar, während etwas weiter ein Grenzpolizist sein Wasser am Strommast abschlägt. Leichthändig hat Nowinka Eros und Tod, Alter und Jugend, Libertinage und Repression zu einem narrativen Bild komponiert.

Galerie Läkemäker, Schwedter Str. 17; bis 1.7., Mi–Fr 14–18 Uhr, Sa 11–14 Uhr

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