Junge Norddeutsche Philharmonie in der Nalepastraße : Wo bleibt hier bloß der Bums?

Clubkultur trifft Klassik an der Nalepastraße: Die "Junge Norddeutsche Philharmonie" und der Cellist Nicolas Altstaedt gastieren mit ihrem Sommerprogramm in der Nalepastraße.

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Nicolas Altstaedt
Der Cellist Nicolas Altstaedt spielte Dutilleux.Foto: Marco Borggreve

Im längst legendären Funkhaus Nalepastraße im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick gelangt man durch versteckte Eingänge unvermittelt in riesige Foyers im Stile des sozialistischen Prunks, von endlosen, scheinbar seit Jahrzehnten unbetretenen Gängen stößt man auf Türen zu Teeküchen, in denen sich Bands oder Kammermusikensembles von ihren Aufnahmesitzungen erholen.

Dieser riesige, weitgehend fensterlose Gebäudekomplex, der zu DDR-Zeiten den Staatsrundfunk beherbergte und über die Infrastruktur einer Kleinstadt verfügt haben soll, wirkt etwas, als sei er im Geiste von Kafkas Schloss-Roman entworfen worden. Der gartenseitig angrenzenden Spree-Idylle – genau gegenüber vom vor sich hin rottenden ehemaligen Vergnügungspark des Plänterwalds – will man in diesem Kontext nicht so ganz trauen.

Die Version von "Sacre du printemps" mit Orchester und Live-Elektronik bleibt im Vergleich zum Original harmlos

Ein surrealer, David-Lynch-artiger Moment ereignet sich denn auch im Konzert der „Jungen Norddeutschen Philharmonie“, als zu den Klängen von Igor Strawinskys „Sacre du printemps“-Ballettmusik ein Mann vor dem Orchester plötzlich zu tanzen beginnt, während im Zuschauerraum eine Frau vom Notarzt behandelt werden muss.

Unter dem Motto „orchestermitbums“ gastiert die 2010 gegründete, hauptsächlich aus Studenten norddeutscher Musikhochschulen bestehende Formation mit ihrem Sommerprogramm in der Nalepastraße. „Sacre auf E“ verspricht ein von Julian Maier-Hauff und Marco Mlynek verantwortetes Arrangement des Moderne-Schockers. Zur angeblichen „Kuscheldroge“ Ecstasy passt diese Version mit Orchester und Live-Elektronik nicht schlecht, sie bleibt im Vergleich mit dem Original aber zu harmlos. Einige Motive der Vorlage tauchen auf, aus den irregulären Rhythmen und schroffen Akzenten wird aber zu wenig gemacht.

Das hohe Niveau der jungen Musiker ist unverkennbar

Den letzten Biss und „Bums“ lässt auch die vorausgehende Darbietung von Strawinsky Originalversion vermissen. Von der Innenspannung der Klänge, die von gleich starken Triebkräften nach vorne und zurückgezogen zu werden scheinen, hört man in dieser Interpretation nicht viel. Das mag an der äußerst souveränen, aber auch etwas geradlinigen Leitung des Dirigenten Christoph Altstaedt liegen. Das hohe Niveau der jungen Musiker ist allerdings durchgehend unverkennbar, die Bläser meistern die zahlreichen, berüchtigt schweren Soli mit großer Kraft und bewegendem Ausdruck.

Den Höhepunkt der Veranstaltung lieferte schon zuvor die Aufführung von Henri Dutilleux’ Cello-Konzert im abgedunkelten großen Sendesaal. Christoph Altstaedts Bruder Nicolas, zu dessen Lieblingskomponisten Dutilleux gehört, fasziniert mit Klangfarbenfantasie und Mut zur Stille, die Orchestermusiker sekundieren mit größter Konzentration.

Da die Veranstaltung zudem Kammermusik und Jazz im Park, kulinarische Spezialitäten, in die Dämmerung getuschte Wolkenformationen, eine dekorativ über der Spree platzierte Mondsichel und einen ungewöhnlich klaren Sternenhimmel im Angebot hat, bleiben am Ende dieses Sommerabends keine Wünsche offen.

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