Kultur : Kein Freund von Traurigkeit

CHRISTOPH FUNKE

Ohne Humor ist unser Leben ein Irrtum.Der Schauspieler Rolf Ludwig folgte diesem Bekenntnis, tapfer und unbeirrbar, auch als er schon von schwerer Krankheit gezeichnet war.Komödiant mit Leib und Verstand, fand er aus dem Übermut der Jugend in eine das Schwere doch in nachdenklicher Grazie spiegelnde Haltung: zu einer Menschlichkeit, die um alles Unlösbare weiß und es mit einem Lächeln der Fatalität des Bösen entzieht.Der vitale Draufgänger, der stets zu Streichen aufgelegte Tunichtgut, der sprühend Einfallsreiche hatte zu einer stillen Weisheit gefunden, die ihn nicht wehleidig, sondern selbstbewußt trotzig machte.Still ist Rolf Ludwig jetzt im Alter von 73 Jahren auch gestorben, in seiner Berliner Wohnung, nach Jahren persönlicher Schicksalsschläge, Erkrankungen, Operationen.Jeder Auftritt in seinem geliebten Deutschen Theater war für ihn ein Sieg - und der Amtsdiener Mitteldorf aus Hauptmanns "Biberpelz", hintersinnig vertrottelt, fast geisterhaft entrückt gespielt, vor sechs Wochen der Abschied von der Bühne.Berlins Deutsches Theater und das deutsche Theater darüber hinaus sind durch den Tod Rolf Ludwigs ärmer geworden.

Dieser Schauspieler ging nicht nur auf in den Rollen, die er auf der Bühne spielte.Er ließ auch privat keinen Abstand zwischen Künstlern und Publikum zu, er liebte die Feste und die Gespräche, schonte seine Gesundheit nicht.Und war dabei fast immer von fröhlichem Selbstbewußtsein, aber nie etwa bloß oberflächlich lustig oder gleichgültig gegenüber anderen.Mit Rolf Ludwig konnte man auch manchen Unsinn anstellen, wenn er nur witzig war und voll gescheitem Übermut.

1925 in Stockholm geboren, begann der ausgebildete Kartolithograph nach Krieg und Gefangenschaft 1947 als Schauspieler in Lübeck, ging später nach Dresden und 1950 nach Berlin.Hier spielte er am Metropoltheater, später am Theater am Schiffbauerdamm und an der Ost-Berliner Volksbühne, ab 1965 dann mit wenigen Unterbrechungen am Deutschen Theater.Zwei Rollen, aus einer kaum mehr übersehbaren Fülle werden wohl immer mit seinem Namen verbunden bleiben: der Truffaldino in Goldonis "Diener zweier Herren" und die Titelrolle in "Der Drache" von Jewgeni Schwarz.Den Truffaldino spielte Ludwig 1955 unter der Regie seines Schauspielerkollegen Otto Tausig an der Volksbühne, und er wirbelte über die Szene mit einer Lust, die alle Anstrengung vergessen ließ.Sein tolldreister, aufmüpfiger Diener riß in über 500 Aufführungen die Zuschauer hin, denn da war einer, der Widerstand leistete, der pfiffig war, immer um Haaresbreite der Katastrophe entging.Dieser Truffaldino "arbeitete" mit letzter Hingabe von Geist und Körper, und blieb dabei durch sprühende Ironie seinen Auftraggebern turmhoch überlegen.Der Drache dann, zehn Jahre später, war ein Meisterstück der Verwandlung, zeigte Vitalität und Zusammenbruch der Sinnlichkeit, jugendliches Draufgängertum und greisenhaftes Greinen, schmieriges Anbiedern und genußvoll böse, eiskalte Grausamkeit.17 Jahre lang stand die Inszenierung Benno Bessons auf dem Spielplan.

Ludwig hatte ein weites Spektrum.Er spielte den Puck im "Sommernachtstraum", den Sganarelle in "Don Juan" von Molière, den Flieger in Brechts "Gutem Menschen von Sezuan", den alten Ekdal in Ibsens "Wildente", den Prunkhorst im "Blauen Boll" von Barlach oder den Meister in der Dramatisierung von Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita".Und 1990, als Thomas Langhoff bei den Salzburger Festspielen Grillparzers "Jüdin von Toledo" wiederentdeckte, war er auch eine tragische Figur: ein Vater jenseits des Leids, der alte Jude Isaak, in dessen dunklen Augen das Feuer der Pogrome widerschien.Daneben viele Rollen auch im Film und im Fernsehen.Regisseure wie Benno Besson, Manfred Karge und Matthias Langhoff, Rolf Winkelgrund und natürlich Thomas Langhoff waren ihm über die Arbeit hinaus freundschaftlich verbunden, nutzten den Charme und die komödiantische Lust des immer auch leise widerborstigen, einer ordentlichen Disziplin durchaus nicht schrankenlos hingegebenen Schauspielers.Für den Maler Ronald Paris war Ludwig ein philosophischer Praktiker, für Käthe Reichel ein Sonnenmensch, für Thomas Langhoff einer der letzten Schelme auf dieser Welt.Wer ihn persönlich erlebte, auf Gastspielreisen, bei Gesprächen vor und nach Premieren, wird das listig Gütige nicht vergessen können, das Rolf Ludwig in seinen letzten, schweren Jahren prägte.Er zeigte Lebensmut und unzerstörbare Neugier, einen Witz wie unter Tränen - so wollte er das Leben zwingen, bis zuletzt, und stand doch schon über ihm.Der Himmel der Komödianten, auf den er vorbereitet war, vor dem er sich nicht fürchtete, hat ihn nun aufgenommen.

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