Kino : Zeiten und Wunder

Das Musicalmärchen "Der Zauberer von Oz" aus dem Jahr 1939 gehört zu den bildmächtigsten Klassikern der Filmgeschichte. Nun hat Sam Raimi ein Prequel gedreht: In "Die fantastische Welt von Oz" folgt James Franco als Magier den Spuren von Judy Garland.

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Im Dickicht der Filmgeschichte. James Franco folgt als Oscar „Oz“ Diggs den Spuren von Judy Garland. Foto: Disney
Im Dickicht der Filmgeschichte. James Franco folgt als Oscar „Oz“ Diggs den Spuren von Judy Garland. Foto: Disney

Oscar „Oz“ Diggs ist der Zauberer in einem mickrigen Wanderzirkus im mittleren Westen. Den Landeiern aus Kansas kann er kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert die aus den Innentaschen seines Anzugs gezogenen Tauben und die „schwebende Jungfrau“ noch als echte Magie verkaufen. Als der Zirkuskraftprotz dahinter kommt, dass seine Frau Oscars Charme erlegen ist, wird es Zeit für einen beherzten Abgang: Oscar (James Franco), flüchtet mit einem Ballon – dummerweise ins Auge eines Hurrikans.

Der Film „Die fantastische Welt von Oz“ zeigt, wie er das Bewusstsein verliert und in einer Welt erwacht, wo sich blütenbedeckte Baumkronen in Schmetterlingsschwärme auflösen und giftgrüne Kristallwälder wachsen. Die schöne Theodora (Mila Kunis) findet den Ballonbrüchigen und hält ihn für den Zauberer aus einer alten Prophezeiung. Wie ihre Schwester Evanora (Rachel Weisz) erliegt sie den Verführungstricks des Hallodris. Um den Thron von Oz und damit den gigantischen Goldschatz zu erlangen, soll Oscar eine Hexe besiegen.

Doch schon bald muss er feststellen, dass er selbst hinters Licht geführt wurde und die Schwestern mit Hilfe einer Armee von geflügelten Riesenpavianen eine Schreckensherrschaft ausüben. Gemeinsam mit der guten Hexe Glinda (Michelle Williams) mobilisiert Oscar schließlich die unterdrückten Völker von Oz zum Sturm auf die Smaragdstadt.

Mit seinem Prequel zu „Der Zauberer von Oz“ stellt sich Regisseur Sam Raimi („Spider-Man“) einem gewagten Vergleich. Kaum ein Film ist im kollektiven Gedächtnis der amerikanischen Popkultur so verankert wie das legendäre MGM- Musical aus dem Jahr 1939. Seinerzeit war der von Raimi nun fast originalgetreu reinszenierte Wirbelsturm-Sturz aus der schwarz-weißen Kansas-Tristesse in das technicolorbunte Land hinter dem Regenbogen einer der größten Überwältigungsmomente der Filmgeschichte.

Einen Sinneseindruck dieser Wucht kann es für heutige Zuschauer nicht mehr geben, auch wenn die Effektmaschinerie einer 200-Millionen-Dollar-Produktion für delirierende 3-D-Panoramen und perfekt animierte Fabelwesen sorgt. Die überbordende Optik ist State of the Art, wird aber kaum jemanden überraschen, der Tim Burtons „Alice in Wonderland“ kennt.

„Die fantastische Welt von Oz“ erzählt ein übersichtliches Gut-gegen-Böse-Märchen mit ambivalenter Hauptfigur. James Franco verkörpert den Titelhelden als durchaus unsympathischen Egoisten, als windigen Frauenheld und Hochstapler, der allerdings, darin bleibt die Handlung märchengerecht, aus Liebe und Mitgefühl über sich hinauswächst. Weshalb Franco momentan einer der begehrtesten Hollywoodstars der Generation unter 40 ist, erschließt sich nicht auf Anhieb. Sein Spiel wirkt zunächst weder besonders subtil noch ausdrucksstark.

Dennoch versteht man, warum ihn Raimi dem zunächst für die Hauptrolle vorgesehenen Robert Downey jr. vorgezogen hat: James Francos ironisches Spitzbubengrinsen ist eine verkehrte Spiegelung von Judy Garlands staunender Pausbäckigkeit aus dem Original-„Oz“. Ihre Dorothy war die unschuldige Landpomeranze, die sich nach all den Erlebnissen nur umso stärker nach Hause zurück sehnte. Francos Oscar hingegen ist ein Abenteurer und Avantgardist seiner Epoche, der erst jenseits der beschränkten Realität seine wahre Berufung findet: einer, der die – geklauten – Ideen von Houdini und Edison zusammenbringt. Es ist letztlich sein Talent als Illusionist, das im Showdown zu einer ergreifenden Hommage an die Wunderwirksamkeit des frühen Kinos verdichtet wird.

Weniger Eindruck als Franco hinterlassen seine Kolleginnen. Die bedauernswerte Mila Kunis muss nach ihrer Bösehexenwerdung mit grässlich-grünem Make- up herumfliegen, Michelle Williams ist als rehäugige Zauberstabhalterin sichtlich unterfordert. Einzig Rachel Weisz gelingen zwischen gekränkter Eitelkeit und maßloser Rachsucht einige beunruhigend sinistre Momente.

ab Donnerstag in 19 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony Center

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