Filmkritik : "Radio Rock Revolution" ist ein Comedyreigen

Der lustigste Musikdampfer der Welt: "Radio Rock Revolution" von Richard Curtis überzeugt als grandioser Comedyreigen. Nur etwas lang ist der Film geraten.

Christian Schröder
Radio Rock Revolution
Demo an Deck. Rhys Ifans (Mitte) und seine DJ-Kollegen bringen die Verhältnisse zum Tanzen. -Foto: Universal

Neunzehnhundertsechsundsechzig: vielleicht das beste Jahr des britischen Pop. Bloß hätten es die Briten beinahe nicht mitbekommen. Die Beatles veröffentlichten das Album „Revolver“, die Rolling Stones „Aftermath“ und die Kinks „Face to Face“. Von The Who, den Small Faces und Dusty Springfield ganz zu schweigen. Doch die BBC, allmächtige Rundfunkanstalt des Königreichs, spielte pro Woche nicht mehr als zwei Stunden Rock’n’Roll. Die Moderatoren mussten ihre Texte vorab einreichen, jeder Witz wurde geprobt und abgelesen.

Es herrschte die Auffassung, dass den Untertanen Humor und der Lärm von Gitarren nur in geringer Dosierung verabreicht werden dürfe. Der Einfluss der Regierenden endete allerdings in der Nordsee, und von dort drohte die Anarchie. Piratensender, untergebracht auf Schiffen außerhalb der britischen Hoheitsgewässer, strahlten ausschließlich Popmusik und drauflosgeplapperte Ansagen aus, die vor keinem Kalauer haltmachten. Wie das Piratenradio den Pop nach England brachte, wie es entscheidend zur Lockerung der Sitten beitrug und überhaupt damals die Welt rettete, davon handelt huldigend der Film „Radio Rock Revolution“.

Um auf der richtigen Seite zu stehen, dafür reichte es 1966, jung zu sein und lange Haare zu haben. Carl, gespielt von Tom Sturridge, ist 19 und ziemlich pilzköpfig. Er soll das Leben kennenlernen, deshalb gibt die Mutter – wie in einer Geschichte von Dickens – ihn in die Obhut seines Patenonkels. So landet er auf dem rostigen Dampfer in der Nordsee, auf dem „Radio Rock“ residiert. Der Pate ist der Boss dieses Piratensenders, Bill Nighy gibt ihn als Upperclass-Exzentriker, der beim Teetrinken stets korrekt den kleinen Finger abspreizt. Der Rest der Besatzung – acht Radiomänner und eine lesbische Frau – kann es an Seltsamkeit locker mit ihm aufnehmen. Thick Kevin (Tom Brooke) trägt oberarmbreite Koteletten und moderiert am liebsten mit Lolli im Mund.

Wee Small Hours Bob (Ralph Brown), der DJ für die späten Stunden, hat sich in ein Paralleluniversum aus Drogen und Grateful-Dead-Platten zurückgezogen. Der Star der Truppe nennt sich The Count (großartig wie immer: Philip Seymour Hoffman), ein nuschelnder Amerikaner in speckiger Weste, dem das historische Verdienst zukommt, das streng verbotene Wort „Fuck“ in den britischen Äther einzuführen. Was er verspricht, ist nicht weniger als die Freiheit: „Es ist 21 Uhr und die Langweiler dieser Welt sitzen da in ihren Pantoffeln und schlürfen Sherry. Aber die Fans des Rock’n’Roll schwingen sich wieder in die Achterbahn und lassen es krachen. Ich bin der Count und zähle auf euch beim Countdown der Ekstase. Rock’n’Roll den ganzen Tag und die ganze Nacht!“

So muss es gewesen sein: Der Rock’n’Roll wurde von einem Haufen großer Jungs erfunden, die selbstverliebt, verhaltensauffällig und verpeilt waren. Die Gegenseite verkörpern in „Radio Rock Revolution“ graue Herren mit großen Brillen. Bei einer Kabinettssitzung unter dem Porträt der Queen bekommt der Innenminister (Kenneth Branagh) freie Hand vom Ministerpräsidenten, um die Piraten auszuschalten. Mit verbissen zusammengepresstem Kiefer macht sich der Minister ans Werk, eine Gesetzesinitiative nach der anderen ausheckend. Die Radiorebellen genießen derweil ihr Frühstück auf dem Sonnendeck und vertreiben sich die Langeweile mit Brettspielen oder Prominentenraten. Ein Held mit langen Haaren? Hendrix? Nein, jünger: Jesus. Manchmal empfangen sie weibliche Fans zu Orgien an Bord. Doch Carls geplante Entjungferung scheitert im Slapstick. Und weil wir uns auf See befinden, wackelt die Kamera beständig.

Am Anfang sieht man einen kleinen Jungen, der von seinem Vater ins Bett geschickt wird. Mit einem Transistorradio unterm Kopfkissen hört er heimlich Rock’n’Roll. Drehbuchschreiber und Regisseur Richard Curtis (52), Autor so erfolgreicher Filme wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ und „Notting Hill“, muss genau so ein Junge mit einem Transistorradio gewesen sein. So ist „Radio Rock Revolution“ sentimental, aber auch mitunter sehr knallig komisch geworden. Für John Peel, der seine DJ-Karriere auf einem Schiff vor der britischen Ostküste begann, war das Piratenradio vor allem „ein knallhartes Geschäft“. Am Ende machte ein Gesetz den Stationen den Garaus, das es britischen Unternehmen verbot, dort Werbung zu schalten.

Die ökonomischen Abgründe aber interessieren Curtis nicht. Sein im Showdown etwas zu lang geratener Film ist ein grandioser Comedyreigen. Dass die Figuren bessere Knallchargen sind, stört nicht weiter. Denn die Hauptrolle spielt ohnehin die Musik, die von den Easybeats und den Stones, den Box Tops, Beach Boys und Jr Walker & The All Stars stammt. Und die Revolution geht weiter, so heißt es pathetisch vorm Abspann, mit jedem neuen Song.

In 23 Berliner Kinos, OV im Cinestar SonyCenter, OmU im Central

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