Volker Schlöndorff : Der Vaterlose

Licht, Schatten, Unruhe: Regisseur Volker Schlöndorff ist ein Solitär geblieben und einer, der sich wirkungsvoll einmischt. Eine Würdigung zum 70. Geburtstag.

Jan Schulz-Ojala
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Durchs wilde Kasachstan. Volker Schlöndorff während des Drehs zu seinem jüngsten Film „Ulzhan“. Foto: cinetext

Wenn es nach seinem Vater, einem tüchtigen Hals-Nasen-Ohren-Arzt im Hessischen, gegangen wäre, dann wäre Volker Schlöndorff Mediziner geworden, wie seine beiden Brüder. Dabei fand Georg Schlöndorff sich nicht, wie andere Väter, mit der sehr anderweitigen Berufswahl seines Sohnes ab oder freute sich schließlich gar darüber, sondern hintertrieb sie erst nach Kräften und hielt auch später eisern auf Distanz. Als der 26-jährige Volker sich um Fördergeld für seinen Erstling „Der junge Törless“ bemühte, intervenierte der Vater beim Leiter der Kommission mit dem Hinweis, bei Robert Musils Romanvorlage über die Qualen eines Internatszöglings handele es sich um „Arschfickerei“. Und als sein Sohn sich, mit 40 auf dem Gipfel des Ruhms, noch einmal um väterliche Anerkennung bemühte, hatte Georg Schlöndorff, den Künsten nicht eben zugetan, wieder nur ein Schimpfwort parat.

Dabei war der Anlass – Volker Schlöndorff hatte für die „Blechtrommel“ einen Oscar und in Cannes die Goldene Palme gewonnen – zumindest nicht ganz abwegig gewählt. „Ich hatte ihm am Tag des Kinostarts in Wiesbaden Karten hinterlegen lassen“, erinnert sich Schlöndorff, „und als ich bis Sonntag nichts von ihm hörte, rief ich an. Kurz angebunden wie immer, verwies er auf einen Brief, den er mir geschrieben habe. Am Montag las ich dann: ,Danke für die Freikarten. Wir sind, meine Frau und ich, von dem Leiter des Kinos, einem Herrn Ewers, sehr nett begrüßt worden. Es war fast ausverkauft. Zum Film selbst möchte ich nur ein Wort sagen: scheußlich!‘“

Nachzulesen ist diese Episode, die mit dem mildernden Umstand schließt, für die Scheußlichkeit „bist ja nicht Du, sondern Günter Grass verantwortlich“, in den anrührend weltfreundlichen, offenen und selbstkritischen Memoiren, die Volker Schlöndorff letztes Jahr unter dem so filmisch konkreten wie schön metaphorischen Titel „Licht, Schatten und Bewegung“ veröffentlicht hat. Wie wird man im Schatten eines solchen Vaters groß? Indem man sich, um ans Licht zu kommen, so früh wie möglich in Bewegung setzt. Wie geht man mit der lebenslangen Vaterliebeslücke um? Man misstraut Leuten, die sich als Ersatzväter aufspielen, und kann dann doch, wenn man Glück hat, viel später mit Älteren unvermutet eine Art Wiedergutmachungswärme erfahren. Und: Wie kann und will man selber bei solcher Vorgeschichte Vater sein irgendwann – oder zumindest väterlich?

Volker Schlöndorff machte, schon mit 17, das einzig Richtige: Er setzt sich ab – und das für damalige Verhältnisse richtig weit. Hartnäckig drängt er weg auf ein Internat in der Bretagne, stürzt sich mutig ohne Französischkenntnisse in diese Fremde und kämpft sich mit enormem Fleiß durch. Von dort geht es nach Paris, wo er an einer Eliteschule das Baccalauréat schafft, dann zur berühmten Cinémathèque, wo er als Simultanübersetzer deutscher Filmklassiker jobbt, und von da unter Ausnutzung auch der kleinsten ersten Zufallsschnupperchancen endlich zum Film.

Bald assistiert er bei den Regisseuren, die er später seine „drei Meister“ nennt: zunächst bei Louis Malle, den er für seine ungeheure Lebensleichtigkeit bewundert, dann beim deutlich älteren Alain Resnais und bei Jean-Pierre Melville, Jahrgang 1917. Doch dieses Verhältnis gestaltet sich schnell schwierig: „Er glaubte, endlich einen Sohn gefunden zu haben“, schreibt Schlöndorff, „ich aber war froh, meinem Vater entkommen zu sein, und suchte keinen anderen.“

Trennung war damals die Folge – und der Beschluss, sich nun selber als Regisseur zu versuchen; wie überhaupt Aufbrüche zu Schlöndorffs Lebensmarkenzeichen werden und eine geradezu unersättliche Unstetheit, die ihn zu beruflichen Höhenflügen und in jahrelange Sackgassen führt. Immer auf dem Sprung zur nächsten künstlerischen – er würde sagen: handwerklichen – Herausforderung, ist Schlöndorff mit den Jahren und Jahrzehnten selber zu einem Meister geworden: engagiert in seinen politischen Filmen von „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) bis zu „Strajk“ (2006), geradezu perfektionistisch sorgfältig in seinen Literaturverfilmungen von der „Fälschung“ (1981) bis zum „Unhold“ (1995) und, in seinen späten Arbeiten, mit neuer Freude am ästhetischen und thematischen Risiko, etwa in „Der neunte Tag“ oder „Ulzhan“.

Dabei gehört Schlöndorff auch in seiner jüngsten cineastischen Abenteuerlust nicht zu den Visionären, erst recht nicht zu der in Deutschland so verbreiteten Spezies der Autorenfilmer; immer gibt es, bei allem eigenen Suchen, einen Auftrag, einen vorhandenen Stoff, ein Drehbuch, bei dem er selbst allenfalls an zweiter oder dritter Stelle mitwirkt – jene anderweitige Verantwortung also, auf die alle Gespensterväter dieser Welt ihre Scheußlichkeitsflüche lenken mögen. Einmal allerdings, mitten in seiner wohl tiefsten Lebenskrise um die Wende zu den neunziger Jahren, ist Volker Schlöndorff unbeirrbar auf den ihm so passend erscheinenden „Homo Faber“ zugesteuert – und lernte dafür dessen damals schon todkranken Autor Max Frisch kennen. Mit ihm, der ihm damals zum Dank für die eingehende gemeinsame Vorbereitungs- und Textarbeit seinen 25 Jahre alten Jaguar schenkte (Frisch: „Da, wo ich hingehe, brauche ich ihn nicht mehr“), hat er wohl am ehesten einen stellvertretenden Vaterfrieden geschlossen.

Zu einer Vaterfigur des deutschen Films hat es Schlöndorff selber nicht gebracht. Er gehört nicht zu jenen Wärmespendern vom Schlage eines Wim Wenders oder Michael Ballhaus, um die sich die nachgeborenen Kreativen scharen, sondern ist ein Solitär geblieben. Und ein Streitbarer ohnehin, der sich – ob zur grassierenden Fernsehware im Kino oder zum ambivalenten künstlerischen Erbe der Defa – stets wirkungsvoll einmischt.

Aber wozu auch metaphorisch Vater werden, wenn man, recht spät im echten Leben, doch noch glücklicher Vater einer Tochter wird? Und schon in seinen konfus zerlebten amerikanischen Jahren, bei den Dreharbeiten zum Südstaatendrama „Ein Aufstand alter Männer“, hatte Schlöndorff damit begonnen, sich um zwei der schwarzen Komparsenkinder zu kümmern und wurde ihr Ziehvater. Mahogany und Mark nennen ihn heute noch „Daddy“, und er besucht seine „Kids“ – nicht alles in ihrem Leben ist so gekommen, wie er es ihnen gewünscht hätte – ab und zu in Louisiana, in ihrem Nest namens Napoleonville.

„Wenn wir dort zusammensitzen, einen Sack voll crayfish vor uns, sie auspellen, ein Bier dazu trinken und ab und zu einer vorbeikommt und mir die Hand schüttelt, bin ich einer der alten Männer. Wir gehören zusammen, sind family. Wir lieben uns. Das heißt ja nicht, dass man sich auch helfen kann.“ Als Volker Schlöndorff unlängst bei seiner „Berliner Lektion“ im ausverkauften RenaissanceTheater diese Passage vorliest, stockt ihm kurz die Stimme. Aber Schlöndorff wäre nicht Schlöndorff, wenn er sich nicht gleich wieder fangen würde: „Für solche Sachen gibt’s hier Wasser.“

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