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Schreiendes Unrecht in stillen Bildern: Jia Zhangkes China-Parabel „A Touch of Sin“.

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Seine Helden sind die Verlorenen. In „Still Life“, mit dem Jia Zhangke 2006 in Venedig den Goldenen Löwen gewann, sind sie ständig unterwegs, Nomaden der Gegenwart, Menschen, die in der untergegangenen Stadt nach dem Bau des Drei-Schluchten-Staudamms am Yangtse nach ihren Liebsten fahnden, nach der verschollenen Heimat.

Jia Zhangke dreht stille Filme über schreiendes Unrecht und die Gewalt, die sie hervorbringt. Über das China von heute, die Opfer und Profiteure eines überstürzten, entfesselten Kapitalismus, der eine ganze Gesellschaft von sich selbst entfremdet hat. Man könnte diesen großen, hierzulande immer noch viel zu wenig bekannten Filmemacher mit Gerhart Hauptmann vergleichen, dessen naturalistische Sozialdramen über die Verelendung zu Zeiten der Industrialisierung Europas ja auch von Ohnmacht und Wut geprägt sind. Aber bestürzend an Jia Zhangkes Filmen ist vor allem diese spröde, hypnotische Poesie, die sich dem Zuschauer wie ein kaum hörbarer sirrender Ton einprägt und die ihn noch lange nach dem Abspann begleitet.

Sein Naturalismus hat jedenfalls etwas bestürzend Surreales, wenn sein jüngster Film „A Touch of Sin“ mit einer tomatenübersäten Bergstraße beginnt. Ein umgekippter Laster, tausende Tomaten liegen auf dem Asphalt, Zeugnisse eines Unfalls, eines Verbrechens, man weiß es nicht, aber es wird einem gleich bang bei diesem Anblick. Nicht zufällig erinnert der Filmtitel außerdem an King Hus Martial-Arts-Klassiker „A Touch of Zen“, wegen des spirituellen Raums, der sich öffnet, und wegen der Rachefantasie, die sich Bahn bricht wie bei King Hu. Die Mörderin mit blutigem Messer in der Hand, Jia Zhangke wird das klassische Bild später zitieren, nur ohne den sonst dazugehörigen Actionspaß.

Jia Zhangkes hat für seine Moritat vier Episoden ineinander verschränkt. Widerstand, Gewalt, Rache, Verzweiflung: Das sind die Etappen auf dieser Reise von der Provinz Shanxi im Norden – aus der der Filmemacher stammt – bis nach Dongguan an der Südküste Chinas.

Ein Minenarbeiter rebelliert gegen seinen korrupten Boss in Shanxi, der sich von der Belegschaft am Flughafen huldigen lässt. Der Rebell wird krankenhausreif geschlagen, er rächt sich mit der Schrotflinte, tötet den Chef, den Buchhalter und den Bauern, der sein Pferd auf dem Acker schindet. Ein Wanderarbeiter passiert auf dem Moped die Bergstraße mit dem Tomatentransport, Jugendliche überfallen ihn, er schießt sie nieder. Längst lebt er selber von Überfällen, um Frau und Kind in Chongqing zu ernähren, raubt am hellichten Tag vor einer Bank ein reiches Ehepaar aus. Die Rezeptionistin einer Mitternachtssauna in Hubei wird von ihrem verheirateten Liebhaber verlassen; sie sticht den Freier nieder, der sie in der Sauna bedrängt. In der letzten Episode wechselt ein junger Mann von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, verliebt sich als Kellner in einem Luxusbordell-Resort in eins der Mädchen, muss wieder weg, landet am Fließband und springt in seinem hässlichen Wohnheim vom Balkon. Drei Mörder, ein Selbstmörder: Die Geschichten basieren auf wahren Ereignissen.

Entwurzelte, demoralisierte Helden, es sind Amokläufer in Zeitlupe. Auch wenn Jia Zhangke Schwertkampf und China-Oper zitiert, vermeidet er alles Spekulative. Die himmelschreiende Kluft zwischen Arm und Reich, Provinzelend und Verstädterung, der Raubbau an Mensch und Natur, die Zerstörung von Würde und Lebenswelten – er dramatisiert nichts, bevorzugt die Halbtotale, die ruhige Kamera. Der ebenfalls in Venedig preisgekrönte Koreaner Kim Ki-Duk erzählt in seinen Filmen ähnliche moralische Geschichten von Schuld und Rache. Aber er lässt sie im Gewaltexzess explodieren, während Jia Zhangke die Implosion vorzieht. Erschütternd ist beides.

Seine frühen Filme, „Pickpocket“, „Platform“ und „Unknown Pleasures“ über Taschendiebe, fahrendes Volk oder eine ratlose, rastlose Jugend waren klandestin an der Zensurbehörde vorbei entstanden. Die Erfolge im Ausland schützen den Regisseur mittlerweile. Es sei, sagt Jia Zhangke, für ihn leichter als für andere, seine Projekte genehmigt zu bekommen.

„Touch of Sin“ versammelt ikonische Bilder: die vergeudeten Tomaten, das geschundene Pferd mit den einknickenden Vorderläufen, die Frau mit dem Messer, die Bordellmädchen, die in der Uniform der Volksbefreiungsarmee aufmarschieren. Sie halten die Zeit an, die in China rast wie kaum anderswo: lichte Höllenbilder, Flaschenpost aus einem unbegreiflichen Land. Christiane Peitz

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